Hausärzte suchen Nachfolger

Medizinisches Versorgungszentrum St. Damian übernimmt Praxis Dr. Sander

Arzt im Gespräch mit Patient
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In den kommenden Jahren werden voraussichtlich mehrere Bönener Hausärzte in den Ruhestand gehen.

Bönen – Seit dem 1. April haben Allgemeinmediziner Dr. Eugen Sander und seine Frau, die Internistin Dr. Ulrike Hoppius-Sander, ihre Praxis an der Bahnhofstraße an das Medizinische Versorgungszentrum Sankt Damian übergeben. Sie selbst sind aber vorerst weiter für ihre Patienten da, bis Nachfolger gefunden sind.

Das sei aber nicht so einfach, denn die Gemeinde sei kein besonders begehrter Standort. In den kommenden Jahren erreichen auch seine Bönener Kollegen das Alter für den Ruhestand. Droht dann eine medizinische Unterversorgung?

Eine Patienteninformation, in der sich die beiden Bönener Ärzte nach 30 Jahren Selbstständigkeit für das ihnen entgegengebrachte Vertrauen bedanken, führte bei einigen Patienten zu Irritationen: Muss ich mir jetzt einen neuen Hausarzt suchen, fragten sich viele. „Nein“, betont Dr. Eugen Sander, „wir betreuen unsere Patienten erst mal weiter.“ Er rechnet damit, dass es Spätsommer oder Herbst werden kann, bis Nachfolger gefunden sind.

Die Praxis läuft auch künftig nicht als private Praxis, in der sich zwei Ärzte selbstständig machen, sondern unter dem Dach des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Sankt Damian. „Wir freuen uns sehr über den Zuwachs in Bönen“, erklärt Christian Larisch, Geschäftsführer des Katholischen Hospitalverbundes, zu dem neben drei Krankenhäusern unter anderem auch das MZV St. Damian gehört. Pluspunkt für die Patienten sei die Verzahnung und damit die kurzen Wege zwischen den verschiedenen medizinischen Fachrichtungen innerhalb des Verbundes.

Gespräche mit möglichen Nachfolgern laufen

Die Übergabe sei schneller über die Bühne gegangen als erwartet, berichtet Sander. „Der Zulassungsausschuss muss dem Konstrukt ja zustimmen, man kann eine Praxis nicht einfach übergeben, wie man möchte, die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe muss dem zustimmen. Am 11. März hatte der Zulassungsausschuss getagt, und bereits am 12. März erhielten wir die Nachricht, die KVWL werde dem zustimmen. Wir haben das zwar noch nicht schriftlich, aber auch die KVWL schreibt uns seitdem als Medizinisches Versorgungszentrum Sankt Damian an.“

Seit dem 1. April meldet sich auch das bewährte Mitarbeiterteam am Telefon unter dem neuen Praxisnamen. „Damit es da keine Verwirrung gibt, mussten wir unsere Patienten jetzt über das neue Konstrukt aufklären“, so Eugen Sander, denn für sie ändere sich erst mal nichts.

Derzeit sei die hausärztliche Versorgung in Bönen laut Kassenärztlicher Vereinigung stabil.

Nun müssen also bis zum Herbst zwei Nachfolger für die Praxis Sander gefunden werden, damit das Mediziner-Ehepaar in den Ruhestand gehen kann. Diese Aufgabe hat das MVZ mit der Übernahme der Praxis Sander ebenfalls übernommen. Derzeit führe der Hospitalverbund bereits Gespräche mit interessierten Ärzten für die Nachfolge im MVZ Sankt Damian in Bönen, so eine Sprecherin.

Das sei aber gar nicht so einfach, räumt Eugen Sander ein, denn der Standort Bönen ziehe nicht besonders. Deshalb sei es ein Segen, dass diese Aufgabe das MVZ Sankt Damian übernimmt, damit die Praxis der Gemeinde erhalten bleibt. Sonst könnte es eng werden mit der medizinischen Versorgung vor Ort, denn mehrere Bönener Praxen nehmen mittlerweile keine neuen Patienten auf, weiß Sander. „Wir auch, weil es einfach nicht zu schaffen ist. Nach der Praxisschließung vor ein paar Jahren von Dr. Berbecker, der keinen Nachfolger für seine Praxis fand, wurden seine Patienten auf die anderen Praxen verteilt.“

KVWL spricht von stabiler medizinischer Versorgung

Wie ist die medizinische Versorgung grundsätzlich in der Gemeinde? Die KVWL stuft die medizinische Versorgung in Bönen, das zum Mittelbereich Unna zählt, mit einem Versorgungsgrad von aktuell 95,7 Prozent statistisch gesehen als stabil ein (siehe Kasten).

Dennoch werde es schwieriger, junge Mediziner für die Praxisnachfolge in ländlichen Gebieten zu gewinnen. Um eine künftige Unterversorgung zu vermeiden, bietet die KVWL seit 2014 umfassende finanzielle Fördermöglichkeiten sowie Informations- und Beratungsangebote für den ärztlichen Nachwuchs an – vom persönlichen Beratungsgespräch bis zum Praxisdarlehen. Häufig seien, so die Erfahrung der KVWL, auch sogenannte weiche Faktoren entscheidend, dass sich junge Mediziner für einen Standort entscheiden: Verfügbare Baugrundstücke, Kinderbetreuungsangebote oder Jobmöglichkeiten für den Partner seien oft wichtige Kriterien. Hier seien auch die Kommunen gefordert, um einer Unterversorgung vorzubeugen.

Fakten zur medizinischen Versorgung in Bönen und im Kreis Unna

Der Bedarf, wie viele Ärzte für eine Stadt, einen Kreis oder eine Region benötigt werden, ergibt sich aus der Einwohnerzahl und weiteren Faktoren. Das soll eine ausreichende flächendeckende Versorgung mit niedergelassenen Ärzten gewährleisten. Für jedes Fachgebiet wird eine Relation von Einwohnern je Arzt festgelegt. Diese Zahlen werden durch regionale Einflussfaktoren wie demografische Entwicklung und Geschlechterverteilung der Bevölkerung angepasst. Diese Verhältniszahlen bilden die Grundlage für die Berechnung des Versorgungsgrades und somit auch für die Feststellung von „Überversorgung“ oder „Unterversorgung“.

Stimmt die Relation von Arzt und Patienten in einer Region mit der gesetzlichen Vorgabe überein, beträgt der Versorgungsgrad genau 100 Prozent. Ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent (Hausärzte) beziehungsweise 50 Prozent (Fachärzte) gilt eine Region als unterversorgt, über 110 Prozent als überversorgt – Neuzulassungen sind dann nicht möglich.

Die hausärztliche Versorgung wird nicht kreisweit, sondern auf Ebene sogenannter Mittelbereiche geplant. Bönen gehört zusammen mit Fröndenberg, Holzwickede und Unna zum Mittelbereich (MB) Unna. Die Relation Einwohner/Arzt beträgt hier 1609 Einwohner pro Arzt. Der Versorgungsgrad im MB Unna beträgt im Moment durchschnittlich 95,7 Prozent.

Die allgemeine fachärztliche Versorgung wird auf Kreisebene geplant. Bis auf Kinderärzte (109.3 Prozent) und Nervenärzte (104,3 Prozent) liegt die fachärztliche Versorgung derzeit zwischen 113 und 133 Prozent.

Neben dem Versorgungsgrad ist auch die Altersstruktur der Ärzte vor Ort entscheidend. Im MB Unna sind derzeit 35 Prozent der Hausärzte älter als 60 Jahre. Viele dieser Ärzte dürften in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Im Kreis Unna sind im Moment rund 29 Prozent der Fachärzte über 60 Jahre. Da es keine konkrete Altersgrenze für Ärzte gibt, lässt sich die Entwicklung schwer abschätzen.

Grundsätzlich sei der Vertragsarzt selbst für die Suche nach einem Praxisnachfolger zuständig. Die Nachbesetzungsfrist eines Arztsitzes beträgt nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung sechs Monate und kann gegebenenfalls verlängert werden. Das Nachbesetzungsverfahren erfolgt über den Zulassungsausschuss des jeweiligen Regierungsbezirks. Zulassungsausschüsse sind Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung und setzen sich aus Vertretern der Ärzte und der Landesverbände der Krankenkassen zusammen. Sie entscheiden beispielsweise über die Zulassung oder Anstellung eines Arztes.

Wenn ein Arzt in einem Ort mit Versorgungsgrad über 110 Prozent aus Altersgründen seine Praxis abgeben möchte, muss diese für einen bestimmten Zeitraum ausgeschrieben werden. Findet sich kein Nachfolger, entfällt dieser Arztsitz wegen Überversorgung.

Liegt die Versorgung unter 110 Prozent wie in Bönen, ist keine Ausschreibung des Vertragsarztsitzes notwendig. Der Arzt kann in diesem Fall selbstständig einen Nachfolger für die Praxis suchen. Die Genehmigung einer Praxisübernahme – in diesem Fall der Praxis Sander durch die MVZ Sankt Damian – erfolgt über den zuständigen Zulassungsausschuss. Kann die Praxis innerhalb der Frist von sechs Monaten nicht nachbesetzt werden, entfällt sie nicht, sondern wird als freie Niederlassungsmöglichkeit in der Region angeboten.

Raus aus der zunehmenden Bürokratisierung der Praxen

Ganz raus aus dem Job ist Dr. Eugen Sander auch nach dem Praxis-Ausstieg nicht, wie er selber sagt. „Ich werde sicher noch Vertretungen, Not- und Nachtdienste übernehmen und bin ja auch im Impfzentrum aktiv.“ Aber die immer mehr um sich greifende Digitalisierung und der immer größer werdende Bürokratieaufwand in den Praxen fallen für ihn dann weg. „Deshalb ist das für mich jetzt ein guter Zeitpunkt um auszusteigen.“

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