WA-Redakteurin testet Online-Kursus bei der VHS Kamen-Bönen

Prana fließt digital: Hatha-Yoga im Wohnzimmer

WA-Redakteurin Sabine Pinger testet den Online-Kursus Hatha-Yoga für Senioren bei der VHS in Bönen
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Wenn die Technik mitspielt, kann auch das virtuelle Hatha-Yoga eine erfrischende Erfahrung sein.

Bönen – Neue Wege sind gefragt in der Krise. Und der, der zurzeit wohl am häufigsten begangen wird, ist der digitale. Videokonferenzen,Online-Unterricht und Co. lassen uns Kontakt halten. Auch die Volkshochschule Kamen-Bönen nutzt diesen Weg, um den Menschen zumindest einige Alternativen zu dem sonst breit gefächerten Programm zu bieten. Doch funktioniert das auch? Ich habe es ausprobiert.

Telefonkonferenzen habe ich berufsbedingt bereits einige hinter mir. Meine Erfahrungen mit virtuellen Begegnungen im Internet sind hingegen noch begrenzt. Das digitale Kaffeetrinken mit der Familie am Geburtstag meines Liebsten, eine Preisverleihung und eine Weinprobe mit Informationen am Bildschirm und echtem Wein im Glas: Das war’s. Nun soll es Yoga sein, zwei Kursstunden, die in unserem Wohnzimmer stattfinden.

Praktisch ist, dass ich mir einfach bequeme Sportkleidung anziehen kann und sofort bereit bin fürs Training. Ich brauche lediglich vom Schlafzimmer eine Etage tiefer zu wechseln. Dort hat der Couchtisch der Gymnastikmatte Platz gemacht, das Laptop ist gestartet und hängt sicherheitshalber am Strom. Der Hund hat seinen Beobachtungsposten auf dem Sofa eingenommen und darf dabei sein, wenn „Frauchen“ übt.

Knapp zehn Minuten vor Beginn von „Hatha-Yoga für Senioren“ versuche ich, mich in die Konferenz zu schalten. Die Kommunikationssoftware heißt „Big Blue Button“ und bietet kostenlos die Teilnahme an Audio- und Videokonferenzen an. Von VHS-Mitarbeiterin Esther Hahm habe ich den Link dafür zugesendet bekommen. Jetzt muss ich lediglich meinen Namen eingeben und auf „Teilnehmen“ klicken.

Dozentin hatte alle Teilnehmer im Blick

„Verbindungsfehler 1007“ erscheint prompt auf meinem Bildschirm. Schade. Ich rufe um Hilfe. Beide Kinder sind im Haus, der Sohn wird auf dem Dachboden digital unterrichtet, die Tochter hört ihre Uni-Vorlesung im Zimmer über mir. Vielleicht ist genau das das Problem? Ist das Netz überlastet? Vermutlich. Ich schicke Kursleiterin Smaragda Paraskevopoulou-Behrens eine Nachricht im Chat: „Ich komme nicht rein!“ Meine Tochter schnappt sich indes ihr Tablet, folgt dem Link und lockt mich problemlos in die Konferenz ein. Na, geht doch!

Smaragda Paraskevopoulou-Behrens winkt mir freudig zu. Die anderen Kursteilnehmer liegen hingegen bereits auf ihren Matten und führen eine Atemübung durch. Das sehe ich in den sieben kleinen Fenster auf meinem Bildschirm. Zu hören ist allerdings nur die Stimme der Dozentin, die anderen Mikrofone sind ausgeschaltet. Die Yogalehrerin gibt mit sanfter, warmer Stimme Anweisungen.

Yogalehrerin Samaragda Paraskevopoulou-Behrens ist froh, wieder unterrichten zu können - wenn derzeit auch nur digital.

Ich mische mich unter die „Yogis“ und werden umgehend korrigiert. „Stell die Füße etwas weiter auseinander, dann hast du einen besseren Halt“, erklärt Smaragda Paraskevopoulou-Behrens, während sie uns durch die „Wiegende Palme“ führt. Sie hat uns alle offenbar sehr gut im Blick, achtet auf unsere Körperhaltung, darauf, wie wir die Übungen ausführen und an welcher Stelle uns etwas schwerfällt. Dann gibt sie Tipps für eine alternative Bewegung. Und sie verteilt Lob. „Sehr gut, Dagmar!“, höre ich oder „Weiter so, Gerda!“

Ich konzentriere mich voll und ganz auf die nächste Übung und ergattere ein „Gut, Sabine!“ Ich bedanke mich mit einem erhobenen Daumen. Für ein Schwätzchen mit dem Mattennachbarn hätte ich eh keine Zeit, selbst wenn wir in einem Raum üben würden, überlege ich. Die einzelnen Bewegungsschritte erfolgen nun in schneller Abfolge, da ist Aufpassen angesagt.

Das Wohnzimmertraining hat Vorteile

Nach drei Durchgängen „Sonnengruß“ bin ich drin, das Prana, die Lebensenergie fließt. Wir dehnen uns, stärken den Rücken und summen wie die Bienen. Möglicherweise summe ich sogar etwas kräftiger, daheim ohne Zuhörer, denke ich. Hemmungen habe ich vor dem Hund schließlich keine. Und das Summen ist gut für das Gewebe, erfahre ich aus dem Lautsprecher.

Den Abschluss macht das Yoga Nidra, die Perle der Tiefenentspannung, wie ich später dem Netz entnehme. Ich liege auf meiner Matte, eingekuschelt in eine Decke und spüre meinen einzelnen Körperteilen nach. Leise schnarcht der Hund neben mir, noch entspannter als ich. Die beiden Kursstunden sind erstaunlich schnell vergangen. Ich fühle mich frisch und erholt.

Und das geht den anderen Teilnehmern genauso. Deshalb freuen sie sich auch, dass die VHS diese Möglichkeit gefunden hat, die beliebten Yoga-Kurse fortzusetzen. Als sie während des ersten Lockdowns ausfielen, haben die begeisterten „Yogis“ das Angebot ziemlich vermisst. „Ich habe zuhause weitergemacht. Aber wenn niemand da ist, der guckt, dann machst du das eben doch anders“, stellt Hartmut Hegewald fest. Gemeinsam mit seiner Frau Gerda Gnad besucht er seit Jahren die Kurse von Smaragda Paraskevopoulou-Behrens bei der VHS. Für die beiden Bönener war es daher selbstverständlich, das Online-Angebot zu nutzen.

„Wir finden das richtig toll und sind froh, dass es weiter geht. Natürlich ist es live besser, aber zur Not geht es auch so. Es ist ein Ersatz“, sagt Hegewald. Etwas Positives hat er gleichfalls ausgemacht, selbst wenn ihm der Austausch mit den anderen Teilnehmern fehlt. „Man hat vorher und nachher mehr Zeit, weil man sich ja nicht mehr auf den Weg machen muss“, so Hegewald.

Technische Probleme sind normal

Dass beim Online-Training immer mal wieder Probleme auftreten können, nimmt er in Kauf. Dieses Mal war es beispielsweise die Anleitung zur Yoga Nidra, die nur abgehackt bei ihm angekommen ist. „Technische Schwierigkeiten sind natürlich da“, nimmt der VHS-Besucher das gelassen. „Aber das ist ja bei allen Videokonferenzen so.“ Hegewald hat festgestellt, dass die Tageszeit dabei eine Rolle spielt. Wenn viele Schüler Homeschooling haben und etliche Menschen im Homeoffice arbeiten, seien die Leitungen schnell überlastet – wie etwa am Montagvormittag. „Mittwochsabends läuft es besser“, hat er beobachtet. Dann besuchen er und seine Frau einen weiteren Online-Yoga-Kursus bei der VHS.

Smaragda Paraskevopoulou-Behrens ist auf jeden Fall froh und dankbar, wieder unterrichten zu können. Für die hauptberufliche Yoga-Lehrerin ist das schließlich existenziell. Deshalb hat sie sich entsprechend ausgestattet, als der erneute Lockdown drohte. „Ich habe mir alles gekauft, was ich brauche, um digital zu unterrichten“, erzählt sie. Seit acht Wochen kommt sie nun regelmäßig in die Wohnzimmer der Teilnehmer ihrer fünf Kurse bei der VHS in Kamen und Bönen. Die Gruppen sind kleiner als bei der Präsenzform, aber die Übenden nichtsdestotrotz mit Freude bei der Sache, hat sie ausgemacht.

Anfangs sei es jedoch etwas komisch gewesen, die Teilnehmer nur am Bildschirm zu sehen, sagt Smaragda Paraskevopoulou-Behrens. Inzwischen ist sie begeistert davon, wie gut das funktioniere. „Mir ist es ganz wichtig, dass ich die Leute sehe und korrigieren kann“, sagt sie. Und das sei über die Videofunktion gut möglich. „Natürlich ist die Energie anders, wenn man gemeinsam in einem Raum übt, aber es ist eine gute Alternative“, so die Unnaerin.

Yoga-Nidra per Whatsapp

Um die erforderliche Technik zu beherrschen, hat sie insbesondere am Anfang viel Hilfe von den VHS-Mitarbeitern bekommen. Die haben sich sogar mit in die Kurse geschaltet, um notfalls unterstützen zu können. „Wir helfen uns aber auch gegenseitig“, freut sich Smaragda Paraskevopoulou-Behrens. Diejenigen, die technisch mehr Erfahrung haben stehen den anderen Teilnehmern gerne zur Seite, die bislang wenig mit Videokonferenzen und Ähnlichem zu tun hatten. Sollte es bei dem einen oder anderen mal haken, dürfen die Betreffenden die Stunde später in einem anderen Kursus nachholen.

Und wenn es beim Yoga-Nidra zu sehr in der Leitung knackt, dann bekommen die Teilnehmer die Anleitungen per Whatsapp zugeschickt. Nicht jeder muss übrigens einen PC oder ein Tablet haben, der mitmachen möchte. „Einigen reicht das Smartphone“, weiß die Dozentin. Sie ist rechtzeitig vor jeder Kursstunde online, um Neulingen beim Einstieg zu helfen.

Mich hat das Angebot überzeugt. Ich kann mir durchaus vorstellen, weiter im Wohnzimmer Yoga zu üben. Und es hat Spaß gemacht, andere Menschen zu sehen, ohne Maske, mit einem Lächeln im Gesicht – wenn auch nur virtuell.

Das neue Semester beginnt im März

Das neue Semester der VHS Kamen-Bönen beginnt coronabedingt erst am 1. März. Verschiedene Kurse werden dann unter anderem zunächst digital angeboten. Dazu gehören verschiedene Yoga-Kurse mit Smaragda Paraskevopoulou-Behrens, Qi Gong, Power-Gymnastik, einige Sprachkurse und, falls gewünscht, auch Line Dance. Sollte sich die Situation entspannen, werden diese Kurse wieder in Präsenzform angeboten. Hinzu kommen einige Vorträge zu verschiedenen Themen, die ebenfalls online zu besuchen sind. Das komplette Programm ist auf der Internetseite https://www.vhs-kamen-boenen.de/service/home.html einsehbar.

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