Handy, Amazon und Pay-TV: Das sind die häufigsten Gründe für Verschuldung

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Wenn nichts mehr geht, hilft nur noch die Privat- oder Verbraucherinsolvenz.

Bönen – Laut „Schuldneratlas 2018“ der Wirtschaftsauskunftei Creditreform waren im vergangenen Jahr 11,69 Prozent der Männer und Frauen in Nordrhein-Westfalen überschuldet, im Kreis Unna lag die Quote sogar bei 11,80 Prozent. Auch viele Bönener wissen dabei nicht, wie sie ihre offenen Rechnungen bezahlen sollen. 

Hilfe bieten ihnen die Experten der Awo-Schuldnerberatung. Im Gespräch mit WA-Redakteurin Sabine Pinger erklärt Sandra Bartsch wie diese Unterstützung aussehen kann. Sie ist Juristin und leitet die Zentrale Schuldnerberatung im Kreis Unna.

Wie viele Bönener hatten im vergangenen Jahr Schulden?

Das lässt sich gar nicht so genau sagen. Schulden sind noch immer ein Tabuthema, man spricht nicht gerne darüber. Zu uns in die Beratung sind im vergangenen Jahr aber 98 Menschen aus Bönen gekommen, im gesamten Kreis Unna – ohne Lünen – 1856. Die Dunkelziffer liegt aber sicher deutlich höher.

Was sind häufige Gründe für Schulden? Warum reicht das Geld bei manchen nicht?

Das ist ganz unterschiedlich. In Fröndenberg zum Beispiel haben die Menschen im Schnitt ein gutes Einkommen, Geld ist vorhanden. Dort sind es eher gescheiterte Immobilienfinanzierungen, die zu Schulden führen. In Bönen ist das Einkommen niedriger. Dort sind es mehr die normalen Unwirtschaftlichkeitsschulden. Die Leute geben also schlicht mehr Geld aus, als sie haben. Probleme mit Immobilienfinanzierungen gibt es in Bönen weniger.

Können die Betroffenen einfach schlecht mit Geld umgehen? Oder machen sie Schulden, weil ihr Einkommen zu niedrig ist? 

Sandra Bartsch

Das kann man so nicht sagen. Es gibt ganz verschiedene Gründe für eine Verschuldung. Manchmal sind es die Lebensumstände, die sich plötzlich ändern, etwa durch Arbeitslosigkeit, Trennung oder Krankheit. Das ist nicht selbst verschuldet, aber es steht auf einmal weniger Geld zur Verfügung, und die Kosten, die man hat, bleiben die gleichen. Die Hälfte unserer Klienten bezieht hingegen Einkommen aus dem SGB II, Hartz IV. Sie haben natürlich wenig Geld, aber die Qualität der Schulden zeigt, dass sie es für Dinge ausgeben, die nicht unbedingt notwendig wären, zum Beispiel für Versandhausbestellungen oder Handys, also für Dinge die mit dem Konsumverhalten zu tun haben.

Wenn nicht für Wohnung, Nahrung und Strom – wofür geben die Menschen dann ihr Geld aus? 

Ganz vorne weg, bestimmt zu 95 Prozent, liegen bei uns in der Beratung immer noch die Telekommunikationsschulden. Dabei geht es inzwischen weniger um die Verträge oder Gebühren, als um die Geräte. Viele meinen, sie müssen sich immer die aktuellsten, teuersten Smartphones anschaffen. Und dann sind es die Versandhändler, bei denen sie ihr Geld lassen: Amazon, Zalando, H&M und immer noch Otto. Das kommt ein bisschen auf das Alter an. Auch Bezahl-Fernsehen spielt eine Rolle. 

Gibt es eine Altersgruppe, die besonders häufig verschuldet ist? Sind es mehr Männer oder mehr Frauen? 

Bei uns im Kreis Unna ist es vor allem das Mittelfeld, die 30- bis 55-Jährigen. Wir haben weder besonders viele junge, noch besonders viele ältere Klienten. Von Altersarmut können wir bei uns nicht sprechen. Und verschuldet sind beide Geschlechter gleichermaßen. Das Klischee von der verschuldeten Alleinerziehenden trifft zumindest bei uns im Kreis nicht zu.

Wie kommen die Menschen zu Ihnen? 

Unter anderem stellt das Jobcenter Beratungsgutscheine aus und schickt die Klienten zu uns. Das machen aber die wenigsten. Die meisten wollen nämlich möglichst wenig Einblicke geben, und wir erstatten dem Jobcenter nach der Beratung Bericht. Manche kommen auf eigene Veranlassung, entweder, weil es wirklich nicht mehr geht und sie keinen anderen Ausweg sehen oder ihnen eine Zwangsvollstreckung droht. Einige haben auch von Bekannten vom Verbraucherinsolvenzverfahren gehört und wollen sich bei uns informieren, etwa über das Pfändungsschutzkonto.

Was genau ist dieses Pfändungsschutzkonto? Wer hat ein solches?

Einzelpersonen, nicht Ehepartner oder Selbstständige, können sich auf dem Girokonto einen Freibetrag in Höhe von 1130 Euro eintragen lassen. Bis zu dieser Höhe kann dann nicht gepfändet werden. Bei Unterhaltspflichtigen erhöht sich der Freibetrag.

Wie können Sie den Ratsuchenden helfen? 

Das hängt vom Einzelfall ab und von den Beweggründen, wegen derer die Klienten zu uns kommen. Wenn es noch nicht zu spät ist, können wir beispielsweise gemeinsam einen Haushaltsplan aufstellen und schauen, wofür zu viel Geld ausgegeben wird und wo sich noch etwas einsparen lässt. Manche Klienten haben auch nur eine Sache, die ihnen akut unter den Nägeln brennt, etwa eine Stromnachzahlung. Dann schauen wir, wie wir diese Spitze bereinigen können. Vielleicht lässt sich mit den Gläubigern eine Ratenzahlung vereinbaren? Es kann aber auch sein, dass schon alles zu spät ist, wenn die Leute etwa mit Tausenden Euros Schulden zu uns kommen. Dann kommt nur noch eine Verbraucherinsolvenz infrage. Da helfen wir dann, den Antrag zu stellen.

Nehmen Sie den Menschen damit nicht zu viel Verantwortung ab? 

Nein, wir erwarten von unseren Klienten schon, dass sie entsprechend mitarbeiten. Wir nehmen nicht, wie das im Fernsehen gezeigt wird, Wäschekörbe voller ungeöffneter Briefe entgegen und machen auch keine Hausbesuche. Viele wollen aber tatsächlich ab einem gewissen Grad nichts mehr hören und sehen. Sie haben Angst und Scham, Schlafprobleme. Nach dem Motto „Aus den Augen, aus den Sinn“ horten sie die verschlossenen Briefe dann in einer Schublade. Aber irgendwann müssen sie sich nun mal mit ihrer Situation auseinandersetzten. Die Leute müssen uns zeigen, dass sie etwas tun wollen, alle Briefe öffnen und die Rechnungen nach Gläubigern sortieren. Wenn es allerdings jemand intellektuell einfach nicht schafft, machen wir das auch.

Wie lange dauert in der Regel die Unterstützung der Schuldnerberatung? 

Auch das kommt auf den Einzelfall an. Oft reicht ein einziger Beratungstermin. Bei einer Langzeitberatung sind das dann mehrerer Termine. Wir müssen alle Unterlagen durchsehen, Gläubiger anrufen und den Insolvenzantrag stellen, wenn wir Unterlagen zusammen haben. Nach drei Monaten kann aber dann schon alles erledigt sein. Viele staunen, wie schnell das geht.

Finden Sie denn immer eine Lösung? 

Ja, die finden wir. Ob das für die Klienten immer die wünschenswerte ist, ist natürlich nicht gesagt. Manche haben da ganz eigene Vorstellungen. Wir sagen aber durchaus, was machbar ist und was nicht. Das tut dann meistens weh. Wenn der erste Schritt aber erst mal gemacht ist, sind viele Menschen sehr, sehr dankbar dafür.

Ansprechpartner und Sprechstunden Die Geschäftststelle der Awo-Schuldnerberatung befindet sich in Kamen an der Unnaer Straße 29a. Die Mitarbeiter dort sind unter der Rufnummer 0 23 07/92 48 80 oder per E-Mail an schuldnerberatung@ awo.de zu erreichen. Jeden Mittwoch berät Martina Kosmann von der Schuldnerberatung außerdem von 9 bis 12 Uhr im Bönener Rathaus. Eine Anmeldung für diese Sprechstunde vor Ort ist ebenfalls über die oben genannte Telefonnummer möglich.

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