Stolperschwelle als Gedenken für Unrecht am Förderturm

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Rund 60 Besucher waren zur feierlichen Stolperschwellen-Legung gekommen.

Bönen – Vor dem Bönener Wahrzeichen erinnert ab sofort eine Stolperschwelle an das wahrscheinlich dunkelste Kapitel in der Geschichte des hiesigen Bergbaus. Zwischen 1940 und 1945 wurden auf der Zeche Königsborn 3/4 mindestens 1781 Menschen zum Arbeitsdienst gezwungen. Der Arbeitskreis Erinnerungskultur errichtete nun ein Denkmal am Förderturm.

„Sie wurden ausgebeutet, entrechtet, entwürdigt und misshandelt. Viele von ihnen fanden den Tod“, hat Gunter Demnig in den Messing eingravieren lassen, den der Künstler am Mittwochmorgen direkt vor der Eingangstür des Förderturms während der Feier konzentriert und andächtig in den Boden verlegte.

Knapp 60 Leute waren gekommen. „Wir wollten das jetzt unbedingt machen, auch wenn nur zehn Leute hätten kommen können“, sagte Gerda Gnad, die Vorsitzende des Arbeitskreises Erinnerungskultur. Ursprünglich hatten sich die Organisatoren einen Zeitpunkt rund um das 75-jährige Kriegsende am 8. Mai gewünscht.

Schon über 75 000 Stolpersteine

Doch Corona und der volle Terminkalender von Demnig standen dem im Weg. Der Berliner Künstler, der das Projekt „Stolpersteine“ 1992 initiiert hat, ist mittlerweile europaweit tätig. „Das ist für mich keine Routine. Es ist immer etwas Besonderes“, sagte Demnig. Ende des vergangenen Jahres verlegte er den 75 000. Stein. „Es sind immer wieder Einzelschicksale – oder ich weiß nicht wie viele Menschen. Das Gefühl ebbt nicht ab“, erklärte er seine Beweggründe. Seit dem 18. Juni ist er wieder nach dem Corona-Lockdown im Einsatz. „Der nächste Termin wäre erst Mitte 2021 frei gewesen“, meinte Gnad.

„Es ist eine Stolperschwelle, weil ein Stein nicht ausgereicht hätte“, sagte der Historiker Jürgen Drave in seiner Rede zu dem 100 mal zehn Zentimeter großen Messingblock, der ebenerdig auf das Leiden der Menschen aufmerksam macht.

Noch nicht alle Opfer sind bekannt

Rund 2600 Kriegsgefangene aus 15 Nationen wurden in Bönen entgegen den Genfer Konventionen eingesetzt – die 1781 auf der Zeche, vor allem Russen und Polen, unter schlimmsten Bedingungen. „Das ist eine offene Zahl. Es gibt immer noch Namen, die dazukommen“, sagte Drave. Das Geschen ereignete sich „unter den Augen der Ortsbevölkerung“, so der Historiker, als er aus Zeitzeugenberichten zitierte. „Die meisten haben weggeschaut, viele haben mitgemacht. Verantwortlich waren alle“, mahnte Robert Eisler, Vorstand der Bürgerstiftung.

1750 Euro hat die Stolperschwelle gekostet. Viele Spenden seien zusammengekommen, sagte Gnad, noch fehlen aber rund 500 Euro, um mit dem Stück Erinnerung kostenneutral zu bleiben. In Bönen gibt es seit 2011 in der Fußgängerzone bereits Stolpersteine, die an die jüdischen Opfer durch die Nazi-Herrschaft gedenken. Damals waren Schüler Demnigs Arbeit zugegen. Das war diesmal nicht erlaubt.

Auch in Corona-Zeiten ein bisschen Musik

Dafür spielte André Brust auf der Gitarre zum Auftakt das bergbau-typische Steigerlied und „Die Moorsoldaten“, ein Werk, das von NS-Gegnern im KZ Börgermoor geschaffen wurde. Ein kleines Ensemble der „Zugvögel“, einem Chor aus Unna, der sich Anfang der 90er nach den rassistischen Anschlägen in Hoyerswerda und Solingen gegründet hat, trug drei Lieder vor. Eines davon ein russisches Wiegenlied. Chormitglied Ingrid Kollmeier hatte zuvor von vielen im Lager gestorbenen Kindern und Babys sowie Zwangsabtreibungen berichtet.

„Das Leid der geknechteten Menschen mahnt uns, nein zu sagen, wenn gegen Menschenrechte verstoßen wird“, schlug Drave den Bogen in die Gegenwart. Dem schloss sich Eisler an, als er von Ungerechtigkeit, Intoleranz und Rechtsradikalismus sprach. „Jeder muss auch heute entscheiden, wie er reagiert.“

Hier eine Liste der Bönener Stolpersteine

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