Glocken-Trio an der Alten Kirche soll Unterstützung bekommen

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„Maria“, „Agatha“ und „Catrina“ heißen die aktuellen Glocken der Alten Kirche. Die alten Instrumente könnten Unterstützung gebrauchen.

Bönen – Beim Gemeindefest der evangelischen Kirchengemeinde bietet Glockenexperte Matthias Overbeck am kommenden Sonntag stündlich Führungen im Glockenturm der Alten Kirche an. Unser Tipp: Diese Gelegenheit sollten Sie nicht verpassen!

Als stiege man in eine andere Zeit hinauf. Fast 600 Jahre schon tragen die Eichenbalken im Glockenstuhl ihre tonnenschwere Last. Sie haben sich gut gehalten, aber für die Ewigkeit sind sie nicht. So wenig wie die drei Glocken, die die Bönener sehr oft im Plenum – gemeinsam geläutet also – hören. 

Früher war das ganz anders, erklärt Overbeck. Eine Läuteordnung legte fest, zu welchen Anlässen die drei Glocken „Maria“, „Agatha“ und „Catrina“ ihre mächtigen Stimmen erschallen ließen: allein, im Duett oder eben im Plenum. Dadurch konnten die Menschen intuitiv zwischen traurigen, frohen und vielen besonderen Anlässen unterscheiden – und die einzelnen Glocken wurden weniger stark in Anspruch genommen. Das wäre auch heute wieder notwendig, um die zwar lange, aber letztlich doch endliche Lebenserwartung der großen Instrumente deutlich zu verlängern. 

90 Stunden musikalische Schwerstarbeit

Eine neue Läuteordnung hat das Presbyterium daher bereits beschlossen. Sie soll am 1. Advent in Kraft gesetzt werden. Noch nicht entschieden aber ausdrücklich erwünscht ist die Anschaffung einer vierten Glocke. Die Neue würde vor allem „Agatha“ entlasten, die bis jetzt das dreimal täglich erklingende, fünfminütige Gebetsläuten übernimmt. 

Glockenexperte Matthias Overbeck ist vor allem von Marias Klang begeistert.

Allein dabei kommen im Jahr mehr als 90 Stunden musikalischer Schwerstarbeit zusammen, die „Agatha“ eben nicht mal einfach so wegsteckt – auch wenn sie mit ihren gerade mal 367 Jahren die jüngste des Trios der Alten Kirche ist. Eine neue Glocke würde außerdem die Variationsmöglichkeiten des Bönener Geläutes erweitern. Auch in qualitativer Hinsicht, denn die drei historischen Glocken verdanken ihre Zusammenstellung nicht einer gemeinsamen Planung. Das sei auch zu hören, erläutert Overbeck. 

Da zwischen den Stimmen „Marias“ und „Agathas“ nur ein verengter Halbtonschritt liegt, würden die Menschen dies so wahrnehmen, als hätten beide Glocken fast den gleichen Ton. Niemals würden moderne Glockengießer einen solchen Zusammenklang planen. 

Im Krieg bereits auf dem "Glocken-Friedhof"

Und doch ist in der Alten Kirche ein eben ganz besonderes Ensemble entstanden, das musikalisch, liturgisch, kulturhistorisch und ortsgeschichtlich außerordentlich wertvoll sei – und von den Bönenern auch als unverwechselbar wahrgenommen werde, so Overbeck. 

Möglicherweise war der hohe kulturelle Wert des Trios auch entscheidend dafür verantwortlich, dass die Bronzeglocken beide Weltkriege überdauern konnten. Zwar waren „Maria“, „Catrina“ und „Agatha“ auch schon wie so viele ihrer Schwestern zum Einschmelzen abgeholt worden, damit aus ihrem Metall Geschosshülsen hergestellt werden könnten – auf dem „Glockenfriedhof“ in Lünen muss aber irgendjemand ihre besondere Qualität erkannt und sie ganz hinten in die Reihe gestellt haben. 

Diese gotischen Minuskeln weisen den Glockenstuhl als den ältesten datierten in Westfalen aus.

Dort wurden sie nach Kriegsende wieder aufgefunden und konnten für Bönen gerettet werden. Hier hängen die drei nun schon wieder über 70 Jahre an ihrem Platz und begeistern Laien und Fachleute. Wenn Overbeck zum Beispiel von „Maria“ und ihrem Schöpfer Wolter Westerhues schwärmt, ist das einfach ansteckend. Ein Künstler, dessen Leistungen heute überhaupt nicht mehr erreicht werden könnten, sei der holländische Glockengießer gewesen. 

Festerlös für vierte Glocke

Klangschönheit, Gestalt und Zier seien unverkennbar. Wer zuhört, sich das zeigen lässt, wird zum Glockenfan – zumindest zum Fan der Glocke „Maria“. Vielleicht hört man die Glocken aber auch wieder ganz anders, wenn man ihnen einmal ganz nahe gekommen ist. Eine ältere Bönenerin hatte Overbeck einmal erzählt, wie das früher war: Beim Leuten der Mittagsglocke ließen die Menschen die Arbeit auf dem Feld für eine kurze Weile ruhen und beteten. Solche Auszeiten sind heute selten geworden. 

Dabei gäbe es Anlässe genug, sich durch Glockenklänge auf Wesentliches zu besinnen. Auf die Zeit, die wir leben, auf längst vergangene Zeiten, von denen die mittelhochdeutsch formulierten Inschriften der Glocken zeugen – oder auch vom unsäglichen Ungeist des Krieges, den die Glocken mit knapper Not überdauert haben. Wer am Samstag beim Gemeindefest die Chance zur (gar nicht so anstrengenden) Turmbesteigung wahrnimmt, bekommt jedenfalls viele Denkanreize und weitere spannende Informationen über Maria & Co. 

Der Großteil des Festerlöses soll übrigens zur Finanzierung der neuen vierten Glocke verwendet werden. Wie die aussehen soll, darüber könnten Kinder aus der Gemeinde mitentscheiden. Die Idee dahinter: Das Geläut wird deutlich sichtbar um ein junges Element erweitert. Ein Stück gemeinsam gestaltete Zukunft, das die historische Dimension des Geläuts der Alten Kirche bewahrt und erweitert.

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