Ein Jahr Corona im Kreis Unna

Gesundheitsdezernent Hasche: Sorgen vor dritter Welle und Erinnerung an die Corona-Anfänge

Ein turbulentes und arbeitsreiches Jahr hat Kreisgesundheitsdezernent Uwe Hasche hinter sich. Der Bönener koordiniert die Corona-Maßnahmen im Kreis Unna und die Pandemie wird ihn noch einige Zeit beschäftigen.
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Ein turbulentes und arbeitsreiches Jahr hat Kreisgesundheitsdezernent Uwe Hasche hinter sich. Der Bönener koordiniert die Corona-Maßnahmen im Kreis Unna und die Pandemie wird ihn noch einige Zeit beschäftigen.

Die Ministerpräsidentenrunde bespricht mit der Kanzlerin am Mittwoch das weitere Vorgehen in der Pandemie. Fast auf den Tag ein Jahr ist es her, dass der Coronavirus im Kreis Unna erstmals nachgewiesen wurde. Kreisgesundheitsdezernent Uwe Hasche blickt auf das Jahr zurück, das für ihn „wie der Blitz“ verging.

Bönen/Kreis Unna – Er erzählt, wie alles damals losging und was sich seitdem im Gesundheitsamt verändert hat. Er spricht über einen Ausnahmezustand für seine Mitarbeiter, beschreibt die Phasen der Pandemie und gibt seine Einschätzung zur aktuellen Lage.

Wie hatte sich das Gesundheitsamt auf Corona vorbereitet?

Früh sei klar gewesen, dass es auch im Kreis Unna Coronafälle geben würde, erinnert sich Hasche. Als die ersten Fälle im Januar bei Webasto in Bayern bekannt wurden, sei die Aufmerksamkeit im Gesundheitsamt um ein Vielfaches größer geworden. Ab da wurden viele Gespräche mit dem Land, Verbänden und Behörden geführt. Es sei darum gegangen, Informationen über das unbekannte Virus zu sammeln. „Richtig angefangen hat es dann, als es in Heinsberg die ersten Fälle gab. Da war es für mich nur noch eine Frage der Zeit, bis auch wir welche haben“, sagt Hasche.

Wie war die Lage, als der erste Fall im Kreis Unna bekannt wurde?

Zu diesem Zeitpunkt sei das Wissen über das Virus schon angewachsen gewesen. Es gab Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts. Es kümmerte sich aber noch lediglich die Stammbelegschaft des Gesundheitsamts um die neue Lage. „Erst in den darauffolgenden Tagen ist es dann richtig rundgegangen“, sagt Hasche. Die Pandemie startete mitten in der Grippewelle. „Jeder, der Symptome hatte, hatte Sorgen, ob das das neue Virus ist. Die Ungewissheit in der Bevölkerung war relativ groß.“ Alle hätten Tests gewollt, doch die gab es in der Menge nicht.

Chronologie: Ein Jahr Coronavirus im Kreis Unna

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Dr. Roland Staudt, Kreis-Dezernent Uwe Hasche und Landrat Michael Makiolla sehen noch keinen Grund zur Sorge. Der Kreis sei aber bei einem Anstieg der Fallzahlen gewappnet.
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Chronologie: Ein Jahr Coronavirus im Kreis Unna

Wie ging das Gesundheitsamt in den ersten Tagen vor?

Mit dem Auftreten des ersten Falles wurde ein Krisenstab gegründet. Gespräche der Verantwortlichen hätte es aber schon deutlich vorher gegeben. „Danach haben wir tagtäglich zusammengesessen“, sagt Hasche. Anfang Mai sei die Frequenz der Treffen auf zweimal wöchentlich zurückgefahren worden. Inzwischen komme der Krisenstab kaum noch zusammen. Kurzes Austauschen reiche meist.

Schutzkleidung und -materialien waren große Probleme in der Anfangszeit. Das Gesundheitssystem musste erst einmal für ein Pandemiegeschehen hochgefahren werden. „Wir mussten gucken, wie wir den Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen mit der Ausrüstung helfen können“, erläutert Hasche. Beispiel FFP2-Masken: „Da konnte man zugucken, wie die Preise in die Höhe geschossen sind.“

Was waren die ersten Maßnahmen?

Aus Hasches Sicht ist das Gesundheitsamt schnell handlungsfähig geworden. Am 5./6. März gingen in Unna und in Lünen die Testzentren in Betrieb, um die Hausärzte zu entlasten und zu schützen. Dort konnten aber nur Abstriche vorgenommen werden. Dann hieß es warten. „Dramatischen Szenen“ hätten sich abgespielt. Viele hätten nicht gewusst, was sie erwartet.

Die technischen Voraussetzungen im Gesundheitsamt waren den Anforderungen zu Beginn der Pandemie nicht gewachsen. „Da haben wir uns schnell entschieden, eine eigene Lösung aufzubauen“, berichtet Hasche, dass der Kreis eigenständig die EDV installierte. „Das System läuft richtig gut. Unsere Workflows sind komplett digitalisiert“, sagt er jetzt. Auch deshalb behalte man dieses System nun bei.

Wir haben das halbe Kreishaus auf den Kopf gestellt.

Uwe Hasche, Gesundheitsdezernent des Kreises

Wie hat sich die Pandemie-Entwicklung in den ersten Monaten entwickelt?

„Man kann die Entwicklung genau verfolgen“, sagt Hasche, der seit Beginn die Daten dokumentiert. Die erste Welle im Kreis sei durch die Gruppe der Skiurlaubsrückkehrer gekommen. „Die hatten Unmengen an Kontakten.“ Mit Schrecken erinnert er sich an die Zeit, in der das Virus in Altenheimen ausbrach. Für Massentests hätten damals die Kapazitäten gar nicht gereicht. Die Drähte liefen heiß, um herauszufinden, wo es noch Tests gab und welche Labore diese untersuchen könnten, besonders am Wochenende. „Da haben wir sogar Feuerwehrautos hin und her geschickt, damit die für uns Tests von irgendwo abholen. Das war ein wahnsinniger Organisationsaufwand“, so Hasche. Heute sei Routine eingekehrt, die Kapazitäten vorhanden: „Alles ist eingespielt.“

Was hat sich beim Gesundheitsamt seit dem ersten Coronafall geändert?

Hasche erläutert, dass auch das Gesundheitsamt erst einmal wachsen musste. Um die Aufgaben bewältigen zu können, wurden zahlreiche Mitarbeiter aus anderen Abteilungen abgezogen. „Wir haben das halbe Kreishaus auf den Kopf gestellt“, sagt der Gesundheitsdezernent. Über 100 Kräfte wurden zusammengezogen und im Verlauf des Sommers geschult. Irgendwann kamen die Bundeswehrsoldaten hinzu. „Die sind mittlerweile top eingearbeitet. Ich habe vergangene Woche den Antrag gestellt“, dass sie hierbleiben, ist Hasche für die Unterstützung dankbar.

Ich habe Sorgen vor der dritten Welle.

Uwe Hasche

Wie hoch ist die Belastung des Personals?

„Was die Leute für Arbeitstage hatten, da darf ich gar nicht drüber nachdenken. Ich weiß noch, wie mir Josef Merfeld (Leiter des Fachbereichs Gesundheit – Anm. d. Red.) einmal spätabends gesagt hat, ich schicke die jetzt nach Hause, die können nicht mehr“, spricht Hasche davon, dass seine Mitarbeiter weit über die Belastungsgrenze hinausgegangen seien. er ist voll des Lobes. Sieben-Tage-Wochen waren keine Seltenheit. Alle paar Tage gab es Neuregelungen vom Land, das Robert-Koch-Institut passte ständig die Vorgaben an.

Doch er befürchtet, dass das Ganze noch ein Nachspiel haben wird. „Ich glaube, das dicke Ende kommt noch. Die Kollegen müssen ja zigweise Überstunden und Resturlaub abbauen. Außerdem muss das aufgeholt werden, was anderswo liegengeblieben ist. Andere Infektionskrankheiten zum Beispiel sind durch Corona ja nicht weg gewesen.“

Wie beurteilt der Gesundheitsdezernent die Impfthematik?

„Ich muss noch einmal betonen: Wenn mir im Herbst jemand gesagt hätte, dass wir Weihnachten mit dem Impfen anfangen, hätte ich das nicht geglaubt.“ Außerdem findet er die gewählte Strategie „zu 100 Prozent“ richtig, alle zur Verfügung stehenden Impfstoffe zunächst in den Altersheimen zu verimpfen. Die meisten Todesfälle seien dieser Gruppe zuzurechnen. „Wenn ich sehe, dass wir im Dezember 367 Infektionen bei über 80-Jährigen hatten und jetzt noch 24, dann ist das ein Beleg dafür, dass das Impfen funktioniert.“

Was für Gedanken prägt die aktuelle Pandemie-Entwicklung?

Für den Gesundheitsdezernenten bahnt sich ein Wendepunkt an. Zwar seien die Fallzahlen weit weg von denen im November, aber sie stiegen wieder. „Die Inzidenz war ja mal runter bis auf 53.“ Jetzt ist sie wieder über 70. Dazu käme die täglich steigende Zahl von nachgewiesenen Mutationen. „Ich habe Sorgen vor der dritten Welle“, sagt Hasche. Für ihn kommt die Öffnung von Kitas und Schulen zu früh. Er hätte sich gewünscht, dass ein Öffnungskonzept mit Schnelltests zuerst da ist. „Wir haben auch an unseren Kurven gesehen, welche Auswirkungen die Lockerungen an Weihnachten hatten.“ Die Zahlen in den Altenheimen seien im Januar wieder hochgegangen, auch wenn die Inzidenz runtergegangen sei.

Was kann jeder Einzelne gegen die Ausbreitung des Virus tun?

Hasche ist überzeugt von der der Wirkung der Schutzmaßnahmen wie Maskenpflicht, strenge Kontaktbeschränkungen und die später erfolgten verschärften Arbeitsschutzregeln, Stichwort Telearbeit und Homeoffice. „Wir sind nicht ohne Grund von den hohen Zahlen runtergekommen.“ Dementsprechend ist für ihn die Mitarbeit der Bürger entscheidend, was Abstands- und Schutzmaßnahmen angehe, aber auch im Verdachtsfall die Übermittlung von Kontakten. „Ich frage mich aber: Werden die Menschen müde und halten sich nicht mehr an die Regeln? Das sorgt den Gesundheitsdezernenten, denn für ihn ist das Wichtigste „Disziplin und Geduld.“

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