Eigenen Strom in Bönen erzeugen

Geteilte Ansichten zum Grünen-Vorschlag, ein Windrad im Inlogparc zu bauen

Windkraftanlagen in Hamm-Freiske
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In Hamm-Freiske gibt es bereits „Bürgerwindräder“, an denen sich die Hammer beteiligen können. Ein ähnliches Modell wäre auch für Bönen denkbar.

 Profit oder Klimaschutz? Diese Frage bringt nicht nur Unternehmen in den Zwiespalt. Das wichtige Thema bei der Bundestagswahl beschäftigt nun auch die Mitglieder des Gemeinderates. Sie müssen am Donnerstag, 7. Oktober, nämlich über einen Antrag der Bönener Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen entscheiden. Die fordert, dass die Verwaltung prüfen soll, ob sich im Gewerbegebiet Am Mersch eine Windenergieanlage errichten lässt. Die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses diskutierten bereits am Donnerstag darüber.

Bönen- Ohne erneuerbare Energie ist es unmöglich, die gesteckten Klimaschutzziele zu erreichen. In Bönen sollte der CO2-Ausstoß gemäß Ratsbeschluss aus dem Jahr 2014 bereits bis Ende vergangenen Jahres um 40 Prozent gesunken sein. Ob dies gelungen ist, weiß man nicht. Ein Bericht darüber blieb bislang aus. Fakt ist aber, dass die Gemeinde „am Ball bleiben“ muss, um dem fortschreitenden Klimawandel etwas entgegenzusetzen.

Windkraftanlagen sind in dieser Region dabei eine gute Möglichkeit, um umweltgerechte Energie zu gewinnen. Nur lässt es die aktuelle Rechtslage es nicht zu, Anlagen an beliebigen Standorten innerhalb der Gemeinde zu bauen. Die vorgeschriebenen Mindestabständen – ein Kilometer zur nächsten Siedlungen ab zehn Häuser – können nicht eingehalten werden.

Machbar wäre dies allerdings in Gewerbe- und Industriegebieten, etwa im Inlogparc. Dort gibt es freie Grundstücke, die der Gemeinde gehören, auf denen die Installation eines Windrades erlaubt wäre. Auf die haben die Grünen für diesen Zweck ein Auge geworfen. „Die Errichtung einer Windenergieanlage für Bönen, auf einem Standort der Gemeinde, ist das konsequente Signal an die Bürger, den Beschluss des Gemeinderates zur Verringerung des CO2-Ausstoßes von 2014 noch mit maßvoller Verspätung in die Tat umzusetzen“, heißt es in dem Antrag der Fraktion. Die Anlage könnte gegebenenfalls sogar als „Bürgerwindrad“ mit der Beteiligung von Bönenern als eine Art Genossenschaftsmodell umgesetzt werden. Ein Beispiel dafür gibt es in der Nachbarstadt Hamm, wie die Grünen aufführen.

Infrage kommen nach dem geltenden Bebauungsplan der Gemeinde jedoch nur wenige Grundstücke. Die Flächen im Industriegebiet nördlich der Edisonstraße sind laut Verwaltung bereits alle verkauft. Lediglich zwischen der Edison- und der Siemensstraße liegt ein 25 000 Quadratmeter großes Restgrundstück. Dort wäre ein Windrad zwar zulässig, doch hat die Wirtschaftsförderung (WFG) dort schon den Daumen drauf. Es soll verkauft werden. Details dazu wurden im nichtöffentlichen Teil der Haupt- und Finanzausschussitzung am Donnerstagabend erörtert.

Grundstück hat hohen Verkaufswert

Die Flächen südlich und östlich der Siemensstraße sind indes mit einer maximalen Bauhöhe von 15 Metern festgesetzt, sodass eine Windenergieanlage dort nicht zulässig ist.

Auf der anderen Seite, im Inlogparc, bliebe schließlich ein rund vier Hektar großes Areal, das sich wohl mit einer Anlage bebauen ließe. Optimal wäre das für die Verwaltung aber nicht. „Gemäß Landesbauordnung bemisst sich die Abstandsfläche eines Windrades nach 50 Prozent seiner größten Höhe. Im Fall einer mittelgroßen Enercon E3-Anlage mit einer Höhe von 133 Metern beträgt die Abstandsfläche und damit der Flächenbedarf für ein Baugrundstück minimal 14 960 Quadratmeter“, hält sie dem Vorschlag der Grünen entgegen. Dabei müsse berücksichtigt werden, dass für die WFG vermarktungsfähige Grundstücke übrig bleiben. Im schlechtesten Fall müsste das Grundstück für die Anlage so zugeschnitten werden, dass gerundet 19 044 Quadratmeter verbraucht werden. „Bei einem aktuellen Kaufpreis von 85 Euro pro Quadratmeter beträgt der Grundstückkaufpreis 1 271 600 Euro beziehungsweise 1 618 740 Euro“, rechnen die zuständigen Mitarbeiter im Rathaus vor.

Das Geld müsste die Gemeinde sich entgehen lassen, wenn sie, statt zu verkaufen, das Land für ein eigenes Windrad nutzt. „Zudem entfiele die Möglichkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen“, argumentiert die Verwaltung weiter.

Grüne sehen Standortvorteil für die Betriebe

Dem widersprach Klaus Viertmann am Donnerstagabend in der Aula des Marie-Curie-Gymnasiums. „Eine Windenergieanlage kann sehr wohl Arbeitsplätze nach sich ziehen, vor allem aber sichern.“ Eine solche Anlage sei nämlich ein eindeutiger Standortvorteil für Unternehmen. „Ihnen steht dadurch günstige, saubere und CO2-neutrale Energie zur Verfügung“, so der Ratsherr. Selbstverständlich wäre jedoch eine Machbarkeitsstudie für verschiedene Anlagen sowie eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung Grundlage aller weiteren Planungen.

In der Tat spricht viel für die Idee der Grünen. Zum einen müsste die Gemeinde kein Geld für das Grundstück ausgeben, da sie bereits Eigentümerin ist. Zum anderen „stört“ ein Windrad zwischen Industrie- und Gewerbebetrieben keine Anwohner oder eine empfindliche Tier- und Pflanzenwelt. Es produziert klimafreundliche Energie, die auch gleich die benachbarten Betriebe für sich nutzen könnten. Dadurch verringert sich der Verbrauch von fossiler und Atomenergie. Das spart sprich- und wortwörtlich „jede Menge Kohle“. „Die Anlage wäre ein Meilenstein im CO2-Minimierungsbemühen der Gemeinde“, unterstrich Klaus Viertmann.

Auch Thomas Cieszynski von der Bürgergemeinschaft Bönen (BgB) sieht in dem Bau einer Windenkraftanlage eine Chance. „Es ist aufgrund der Vorschriften schwierig, eine solche Anlage aufzustellen. Hier hätten wir jetzt eine Möglichkeit. Vielleicht ergibt sich eine solche Chance nicht noch einmal“, gab der Ratsherr zu bedenken.

Bürgermeister Stephan Rotering gab an, der Sache keinesfalls abgeneigt zu sein – schon im Sinne der Nachhaltigkeit. Dennoch gäbe es gute Gründe, die gegen den Bau im Inlogparc sprächen. „Hochwertige Gewerbeflächen sind im Kreis Unna rar gesät. Eine solche Vier-Hektar-Fläche bekommt man so kaum. Wenn wir dort ein Windrad hinstellen, müssen wir auf die Investitionseinnahmen verzichten und auf mögliche Gewerbesteuern“, so der Bürgermeister. Hinzu käme die Grundsteuer B. Rotering wies dabei auf die Haushaltssituation hin, die durch die Pandemie, geringere Steuereinnahmen und die gestiegene differenzierte Kreisumlage erheblich belastet wird. Jetzt auf das Geld aus dem Grundstücksverkauf und dessen Folgen zu verzichten, fiele der Gemeinde schwer. „Ich finde es richtig, dass wir diese Idee haben. Ich finde es nicht richtig, die Anlage auf dieser Fläche zu bauen.“

SPD will sich nicht öffentlich äußern

Die Ratsmitglieder müssen also abwägen, was für sie Priorität hat – Klimaschutz oder Geld in der Kasse. Alternativ müssen andere Flächen innerhalb der Gemeinde ausfindig gemacht werden, die eine Bebauung mit einer Windkraftanlage erlauben – oder ein neues Planverfahren für das Industriegebiet südlich beziehungsweise östlich der Siemensstraße eingeleitet werden. Damit könnte zulässige Bauhöhe von bisher maximal 15 Metern so erhöht werden, dass sich dort die Rotorenblätter drehen könnten. „Das ist aber eine Grundsatzentscheidung“, machte Fachbereichsleiter Robert Eisler deutlich.

„Wir haben da noch weiteren Beratungsbedarf“, erklärte der CDU-Fraktionsvorsitzende Detlef Pilz schließlich für die Ausschussmitglieder der Christdemokraten. Er bat, die Abstimmung in den Rat zu verschieben.

Die SPD hatte offenbar gleichfalls etwas zu dem Thema beizutragen, wollte dies aber lieber hinter verschlossenen Türen kundtun. „Wir möchten uns dazu im nichtöffentlichen Teil der Sitzung äußern“, gab der SPD-Fraktionschef Dirk Lampersbach an. Die Meinung der Genossen zum Thema Windenergieanlage im Gewerbegebiet ist demnach vorerst nicht für die Ohren der Bönener Bürger bestimmt. Dabei blieb Lampersbach auch am Freitag nach der Sitzung bei Nachfrage

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