Entgleister Wohnheimstreit: SPD-Frau Lutz-Kunz bedauert Schärfe ihrer emotionalen Reaktion 

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An dieser Straße befinden sich einige der Häuser, in denen die Gemeinde Flüchtlinge einquartiert. Über den Standard gab's Streit. 

Bönen - Abstand tut gut: Vier Monate, nachdem der Streit um die Wohnheime eskalierte, hat der Rat Rückschau gehalten.

Als „absoluten Tiefpunkt“ beschrieb ein Ratsmitglied im Februar die hitzige Diskussion über die Bönener Flüchtlingsunterkünfte allgemein und speziell um Mängel der Wohnung einer libanesischen Familie. Die Aufarbeitung des Eklats, bei dem Sabine Lutz-Kunz (SPD) mit den Worten „Ich schäme mich für diesen Rat“ empört den Saal verlasse hatte, beschäftigte den Rat nun erneut, denn mit Ausnahme der SPD hatten alle Fraktionen und die fraktionslosen Ratmitglieder Christiane Geiger-Caen und Klaus Herbst eine Aussprache zu den Ereignissen in der Sitzung am 6. Februar beantragt.

"Wollte Otte nicht beleidigen oder diffamieren"

Eine Entschuldigung an Fachbereichsleiter Jörg-Andreas Otte wegen des Vorwurfs der Lüge, wie sie Bürgermeister Stephan Rotering von Sabine Lutz-Kunz gefordert hatte, hörte die Runde am Donnerstagabend aber nicht. Zumindest räumte die Ratsfrau aber ein, dass ihr Vortrag in seiner Schärfe überzogen war: „Herr Otte, ich wollte Sie nicht beleidigen oder diffamieren.“ Ihr sehr emotionaler Zuruf an die Ratskollegen sei ein Appell an deren christliche Nächstenliebe, an Mitgefühl und Solidarität mit den Ärmsten. „Ich hoffe, dass wir wieder zu einer konstruktiven Zusammenarbeit zurückfinden“, sagte Sabine Lutz-Kunz, die auch Bönens erste Stellvertretende Bürgermeisterin ist. 

CDU-Mann Pilz: Habe so etwas noch nicht erlebt 

Zuvor hatte Detlef Pilz (CDU) begründet, warum ihm und seiner Fraktion diese Aussprache so wichtig war. „Das, was in der Ratssitzung im Februar und eine Woche zuvor im Haupt- und Finanzausschuss geschehen ist, wollten ich so nicht stehen lassen. Ich bin seit 1994 im Rat und habe so etwas bis dahin noch nie erlebt. Den Fachbereichsleiter als Lügner darzustellen: Diese Behauptung ist keineswegs haltbar“, betonte Pilz. Alle Ratsmitglieder hätten die Möglichkeit gehabt, sich zu informieren und die Unterkünfte zu besuchen. Selbstverständlich seien diese keine „1-A-Unterkünfte“, sie seien aber in Ordnung. Für die Sauberkeit, die in der Tat zu wünschen übrig ließe, seien die Bewohner hingegen selbst verantwortlich. Bei der Besichtigung mit den Ratskollegen – Sabine Lutz-Kunz war nicht dabei – der Räume habe sich eindeutig gezeigt, dass der vermeintliche Schimmel in den Sanitäranlagen schlicht und einfach Schmutz gewesen sei.

Angeblicher Defekt des Herdes nicht belegbar

„Ich habe Akteneinsicht genommen“, berichtete Pilz. Der Stein des Anstoßes, ein angeblich defekter Elektroherd in der Wohnung der libanesischen Familie, sei demnach durchaus funktionsfähig gewesen. Das habe zum einen der Hausmeister und zum anderen ein Elektriker schriftlich bestätigt. „Außerdem sind in der Akte Fotos. Auf den Bildern ist ein Blech mit frischen Fritten auf dem Tisch zu sehen.“ Für Pilz eine weitere Bestätigung, dass der Backofen funktioniert habe. Das angeblich kaputte Gerät sei danach verschwunden, dafür ein gespendeter gebrauchter Herd vom Verein Zuflucht.Bönen in der Wohnung installiert worden. Wie ein Fachbetrieb festgestellt habe, sei dieser dann tatsächlich defekt gewesen. Danach habe die Familie von der Gemeinde einen neuen Ofen bekommen. „Aus Sicht der CDU ist es nicht verständlich, wie man hier sagen kann, Herr Otte habe gelogen“, urteilte Detlef Pilz.

BgB-Mann Lauer: Wahlkampf mit den Ärmsten 

Eine Erklärung dafür hatte dagegen Christian Lauer (BgB): „Das sind die Ärmsten der Armen. Und damit macht ihr Wahlkampf“, warf er der SPD vor. Aus deren Reihen war zuvor zu hören, die Verwaltung habe die Unterkünfte vor der Besichtigung in Ordnung bringen lassen. Das entkräftete Friedhelm Lange von Bündnis 90/Die Grünen. „Da waren neue Duschen eingebaut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das innerhalb einer Woche möglich ist", so der Fraktionssprecher. „Wer Vorwürfe erhebt, sollte auch dabei sein“, wandte er sich zudem an Sabine Lutz-Kunz.  „Wir haben eine konstruktive Lösung mit der Verwaltung gefunden. Wem es um die Sache geht und nicht um Publicity, für den geht es nur über diesen Weg“, schloss Lange.

Bürgermeister: "Wollen vertrauensvoll zusammen arbeiten"

Versöhnlich zeigte sich auch Bürgermeister Stephan Rotering, obwohl das verlangte Wort „Entschuldigung“ nicht fiel. Er war offenbar froh, dass sich die Wogen wieder einigermaßen geglättet haben. „Wir als Verwaltung haben großes Interesse daran, zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zurückzukommen.“ Jeder im Rat habe die Möglichkeit Anträge zu stellen. „Was nicht funktioniert, ist, über solche Wege Druck auszuüben.“

Rückblick: Das war der Auslöser

Das Schicksal der vierköpfige Familie aus dem Libanon hatte den Verein Zuflucht.Bönen und die SPD über den Jahreswechsel tätig werden lassen. Sie kam im April 2019 nach Bönen, wurden aber nach Frankreich abgeschoben: Dort sei ihr Asylantrag zu prüfen. Zu unrecht, wie sich herausstellte. Die Familie kehrte im Dezember in die Gemeinde zurück. Ihre Wohnung war jedoch bereits an andere Flüchtlinge vergeben, inklusive aller Einrichtungsgegenstände. Die Verwaltung wies ihr auf die Schnelle eine neue Unterkunft mit der üblichen Minimalausstattung zu. Zuflucht.Bönen beklagte öffentlich deren extrem schlechten Zustand - etwa besagten Elektroherd, der stark verschmutzt und defekt gewesen sei, so der Verein. Die SPD sprang Zuflucht.Bönen bei. Später besichtigten die Ratsfraktionen die Quartiere, fanden aber nichts zu beanstanden.

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