Gedenkfeier für Holocaust-Opfer verbindet Bönener

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Gisela Habekost erzählt von der lebendigen jüdischen Gemeinde in Unna, Feridun Güney von seinem Besuch des KZ Bergen-Belsen.

BÖNEN - Das betretene Schweigen, das stille Auseinandergehen fehlte am Dienstagabend. Vielmehr verließen die meisten Gäste der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus den Zechenturm mit einem Lächeln - und dem guten Gefühl der Hoffnung auf ein besseres Miteinander.

Genau dazu hatte die gelungene Veranstaltung des Kulturbüros der Gemeinde nämlich beigetragen.

Und das zeigte sich schon zu Beginn. Die Helfer des Fördervereins Zechenturm Königsborn stellten nach und nach immer mehr Stühle in den großen Raum auf der Sechs-Meter-Ebene des Industriedenkmals. Fassen konnten die Plätze dennoch nicht alle Besucher. Mehr als 130 Bönener, Vertreter aller Kirchen und Glaubensgemeinschaften, der Politik und Gremien, sowie etliche Interessierte kamen, um sich zu erinnern. Vor allem aber waren sie da, um die jüdische Kultur und Religion näher kennen zu lernen. Genau dies stand im Mittelpunkt des Abends.

Gisela Habekost, stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Stern“ aus Unna stellte dazu die Jüdische Gemeinde

„ha Kochaw“ vor und gab einen Überblick über die Geschichte der Juden in der Kreisstadt. Mittlerweile hätten die liberalen Juden im ehemaligen Bodelschwingh-Haus in Unna Massen eine neue Heimat gefunden, erfuhren die Zuhörer. Sie leben in ihrer neuen Synagoge nicht nur ihren Glauben, sonderen laden die Menschen zu zahlreichen Veranstaltungen ein, führen Schulklassen und Gruppen durch das Haus und zeigen so, dass es wieder eine lebendige, offene jüdische Gemeinschaft in dieser Region gibt. Die Vorsitzende dieser Gemeinde, Alexandra Khariakova, gehörte so auch zu den Organisatoren rund um Bönens Kulturbeauftragte Fleur Vogel, die zu dieser Feier eingeladen hatten.

Natürlich blieben die Millionen Opfer des grausamen Nazi-Terrors am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz nicht unerwähnt. Bürgermeister Rainer Eßkuchen mahnte in seiner Begrüßung an, dass das Erinnern daran nichts von seiner Relevanz verloren habe. „Wer einmal in Auschwitz an der Rampe stand, kann nicht vergessen“, sagte er.

Dies unterstrich dann auch Feridun Güney in seinem berührenden, sehr persönlichen Bericht von der Reise des interreligiösen Arbeitskreises zum Konzentrationslager Bergen Belsen. „Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Vorstellung von einem KZ“, erzählte er. So habe er etwa erfahren, dass dort unter anderem Muslime gequält und getötet wurden, so der ehemalige Integrationsratsvorsitzende. „Ich bin Moslem, meine Religion ist der Islam. Sie sind Christen oder Juden, doch wir alle sind Menschen. Und wenn wir uns so begegnen, von Mensch zu Mensch, dann wird es keine Gewalt und keinen Krieg mehr geben.“ Gemeinsam mit Dieter Hinkmann vom interreligiösen Arbeitskreis lud Güney anschließend alle Zuhörer zum Gebet ein, was für einen sehr bewegenden Augenblick sorgte. Schließlich standen tatsächlich Christen, Muslime und Juden Seite an Seite auf, um für Frieden und Gnade zu beten.

Ein anderes Element, das Menschen seit jeher verbindet, ist die Musik. Diese brachte die Klezmer-Formation „Gute Fraynd“ mit in den Turm. André Brust, Jutta Bednartz und Hermann Schiefer spielten eine halbe Stunde lang jiddische Lieder und erklärten jeweils die Inhalte der einzelnen Stücke. Am Ende stimmte das Publikum sogar ein in den Refrain des letzten Liedes.

Nach dem offiziellen Programm erlebten die Besucher schließlich das, was sich die Initiatoren erhofft hatten: Es gab gute Gespräche bei leckeren Häppchen, die die jüdische Gemeinde vorbereitet hatte. Wer wollte, konnte sich zudem die Ausstellung ansehen, die Gemeindearchivarin Barbara Börste gestaltet hatte. Sie stellte darin die Schicksale der Juden vor, die einst in Bönen gelebt haben. „Wir haben das, was hinter uns liegt, nicht vergessen, aber wir gehen nach vorne“, brachte Gisela Habekost die Idee der Feier schließlich auf den Punkt. - pin

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