Corona-Lockdown light trifft Gastronomen, Kosmetiker und Co. hart

Einige Bönener Betriebe müssen wieder schließen

Kosmetikbehandlungen darf Silke Beier in ihrem Wellnesshaus den kommenden vier Wochen nicht anbieten.
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Kosmetikbehandlungen darf Silke Beier in ihrem Wellnesshaus den kommenden vier Wochen nicht anbieten.

Bönen – Vier Wochen die Tür geschlossen halten, vier Wochen keine Kunden, keine Buchungen, keine Termine: vier Wochen kein Einkommen. Der „Lockdown light“, der am Mittwochnachmittag in Berlin beschlossen wurde, trifft auch einige Bönener hart.

Silke Beier, die das Wellnesshaus Lifestyle by Beier in der Bönener Fußgängerzone betreibt, weiß dabei noch gar nicht, was genau auf sie zukommt. „Kosmetik ist raus, das ist sicher. Nagelstudios sollen hingegen nicht zur Kosmetik gehören, sondern zum Einzelhandel und könnten damit geöffnet bleiben. Und bei der Fußpflege streiten sich die Geister. Ich weiß also selber noch gar nicht, wie das laufen soll“, sagt die Geschäftsinhaberin. Sie bietet all diese Bereiche an. Zudem teilt sie sich das Geschäft an der Bahnhofstraße mit ihrer Mutter Eleonore Beier, die in ihrer kleinen Boutique Kleidung, Modeschmuck und Accessoires verkauft. „Sie kann den Laden auflassen, ich muss zu machen“, so Silke Beier. Ob sie dann staatliche Hilfe aufgrund ihres Verdienstausfalles bekommt, ist fraglich. Schließlich gehören beide Geschäftszweige zusammen. „Das ist schon echt heftig“, blickt sie sorgenvoll auf die kommenden Wochen. „Man weiß irgendwann nicht mehr, wie man seine Miete bezahlen soll.“

Bis Sonntag will Silke Beier nun auf jeden Fall durcharbeiten, um wenigstens etwas Umsatz zu machen, bevor sie ihre Kasse bis Ende November abschließen muss. „Für das Weihnachtsgeschäft ist das eine Katastrophe“, befürchtet die Bönenerin. Und sie glaubt auch nicht, dass das Geschäft ihrer Mutter in dieser Zeit gut laufen wird. „Ich denke, die Fußgängerzone wird dann nicht besonders belebt sein.“

„Schutzmaßnahmen grundsätzlich richtig“

Die Erinnerungen an den Lockdown im Frühjahr sind bei Silke Beier sehr präsent. „Als wir wieder öffnen durften, kamen erst mal alle Kunden zurück. Dann kam ein richtiger Einbruch, und jetzt sind wir gerade wieder auf dem Niveau von vor dem ersten Lockdown“, erzählt sie. Ob sie eine erneute Schließung wirtschaftlich verkraftet, kann Silke Beier heute noch nicht sagen. „Im Frühling habe ich gedacht, ich muss schließen. Aber ich habe tolle Kunden und hoffe, dass sie mich auch weiter unterstützen werden. Wichtig ist, dass es bei den vier Wochen bleibt und ich danach weiter machen kann.“

Trotz der für sie schwierigen wirtschaftlichen Lage findet Silke Beier die beschlossenen Schutzmaßnahmen grundsätzlich aber richtig. „Es ist gut, dass die Leute jetzt zu Hause bleiben. Wichtig ist doch, dass sich keiner mehr ansteckt und alle gesund bleiben“, wünscht sie sich.

Auch Ute Nüsken hat durchaus Verständnis für die drastischen Einschnitte angesichts der beängstigend steigenden Corona-Fallzahlen. „Ein kleiner Funke in mir versteht, dass es notwendig ist. Aber im Moment überwiegt doch Frust und Traurigkeit“, erzählt die Gastronomin. „Ich muss das alles erst einmal sacken lassen.“ Gemeinsam mit ihrem Mann Torsten Nüsken führt sie die Gaststätte Dörnemann als Familienbetrieb in Nordbögge. Als das Paar nach dem Lockdown im Frühling ihren Betrieb wieder öffnen durfte, hat es alles getan, damit das Essengehen dort für jeden sicher ist. „Wir haben Tische raus gestellt, ein Lüftungskonzept erarbeitet und sogar ein CO2-Messgerät angeschafft, damit wir wissen, wann wir lüften müssen. Wir desinfizieren uns die Hände wund und machen alles, um dem Hygienekonzept gerecht zu werden. Wir strampeln und strampeln und müssen trotzdem zu machen“, ist die Nordböggerin merklich betroffen. Ihre Gaststätte sei bestimmt kein Infektionsherd. „Aber wir müssen das jetzt alle mittragen.“

Außer-Haus-Verkauf nicht für alle möglich

In den vergangenen zwei Monaten konnten die Nüskens ihre Mitarbeiter endlich wieder komplett aus der Kurzarbeit holen, nun müssen sie im November wieder dazu zurückkehren. Einen Außer-Haus-Verkauf gab es bei Dörnemann bisher nicht. „Uns ist der ökologische Aspekt sehr wichtig. Die ganze Plastikverpackung ist nicht unsere Sache“, erklärt die Wirtin. Für Pommes frites seien Pappteller sicher in Ordnung, doch bei der Hausmannskost, die ihr Restaurant anbietet, bräuchte es eben doch etwas Stabileres. „Wir suchen nach einer Lösung. Wenn wir etwas gefunden haben, dann werden wir vielleicht auch einen Außer-Haus-Verkauf anbieten.“

Solche Alternativen wird Jan Rozanka wohl kaum finden, höchstens für seine fünf Restaurants. Seine drei Fitnessstudios, zu denen das von vielen Bönener besuchte Red Fitness in Kamen gehört, muss er hingegen für mindestens vier Wochen komplett schließen. Dabei hatte er bis zuletzt die Hoffnung, dass die Studios dieses Mal vom „Lockdown light“ ausgeschlossen werden. „Ich dachte, die Politik hätte verstanden, dass wir systemrelevant sind. Aber das ist scheinbar nicht angekommen.“ Die Entscheidung von Bund und Ländern stoße nicht nur bei ihm auf großes Unverständnis. „Ich habe zahlreiche Nachrichten von den Mitgliedern bekommen“, erzählt er. Wie er seien auch die Sportler maßlos enttäuscht von der Entscheidung.

Als Fitnessstudiobetreiber und Gastronom hat Jan Rozanka die volle Breitseite bekommen, wie er sagt. „Es wurden zwar Hilfen in Aussicht gestellt, doch wenn die so ausfallen wie beim ersten Mal, dann ist das nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Seine Mitarbeiter muss er zumindest im November erneut in die Kurzarbeit schicken, in der Hoffnung, dass es danach weitergeht. Dass die Pandemie mit den verschärften Maßnahmen einzudämmen ist, glaubt Rozanka nicht. „Die Zahlen werden in den kommenden Wochen nicht runter gehen. Das sehen wir ja jetzt in Berchtesgaden, wo es bereits seit fast zwei Wochen einen Lockdown gibt.“ Seiner Ansicht nach war der Anstieg der Infektionen voraussehbar. „Nach dem ersten Lockdown war klar, dass es in Richtung November wieder schlimmer wird. Im Herbst ist es feucht, nass und kalt. Da ist es vollkommen normal, dass sich mehr Menschen anstecken – sei es mit einem Grippevirus oder eben mit Corona“, so der Geschäftsmann. Die Gesundheitsämter hätten deshalb schon im Sommer reagieren und ihr Personal aufstocken müssen. „Jetzt wird ein Versäumnis auf dem Rücken von Branchen ausgetragen, die gar nichts dafür können.“ Er habe etwa 10 000 Mitglieder in seinen drei Studios in Kamen, Schwerte und Lüdenscheid, und darunter habe es bisher keinen einzigen Coronafall gegeben. Auch das zeige, wie wichtig das Training für die Gesundheit der Menschen sein.

Nur noch bis Sonntag dürfen im Red Fitness in Kamen Gewichte gestemmt werden.

„Wir werden das Virus nicht los. Es wird für alle Zeiten auf der Erde bleiben. Wir müssen deshalb versuchen, damit umzugehen.“ Rozanka verweist auf Studien, die nachweisen, dass sich Muskeltraining positiv auf das Immunsystem auswirkt – deutlich mehr sogar als Ausdauersport. „Wenn man sich anschaut, welche Leute wir besonders vor einer Ansteckung schützen müssen, dann sind das ältere Menschen, die ein schwaches Immunsystem und eine geschwächte Muskulatur haben, Menschen mit Adipositas, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Genau das ist unsere Zielgruppe. Wir Fitnessstudios verkleinern die Risikogruppe“, ist er überzeugt. Mit der Schließung werde den Menschen die Möglichkeit genommen, etwas für ihre Gesundheit zu tun.

„Am Ende werden wir das irgendwie überleben, aber es ärgert mich, dass hier nicht mit Augenmaß gehandelt wird, sondern mit der Brechstange“, sagt Jan Rozanka.

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