Gasthaus Middendorf in der Schieflage

Seit Montaten steht das Traditionsgasthaus Middendorf leer.

BÖNEN ▪ Seit beinahe einem Jahr sind die Zapfhähne zugedreht, Gaststube und Veranstaltungssaal sind geschlossen. Eine erneute Nutzung als Gastwirtschaft scheint sehr unwahrscheinlich – und so drängt sich die Frage auf, was mit dem stattlichen Anwesen geschehen soll. Anlass genug, die wechselvolle Geschichte des Hauses Middendorf nachzuzeichnen.

Das seit 1987 unter Denkmalschutz stehende Bauwerk wurde in den letzen Jahren des 19. Jahrhunderts als „zweigeschossiger, fünfachsiger Backsteinbau der Neorenaissance auf hohem Quaderputzsockel“ errichtet. Zu dem Gasthof gehörte auch ein großer rückwärtiger Veranstaltungssaal.

Fritz Emanuel erwarb das Haus 1929 und übergab es vier Jahre später an seinen Schwiegersohn Erich Middendorf. Dieser war ein gelernter Bäcker, der wegen einer Mehlstauballergie seinen Beruf hatte aufgeben müssen. Der Betrieb florierte, „Middendorf“ gehörte zu den angesehenen Häusern. Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte vorübergehend einen tiefen Einschnitt. Zunächst mussten zahlreiche Flüchtlinge untergebracht werden, wozu auch die Säle der Gaststätten gebraucht wurden. Zudem richtete die US-Armee nach dem alliierten Einmarsch ihre Standortkommandantur für einige Wochen bei Middendorf ein.

Der danach wiederaufgenommene Gaststättenbetrieb lief nur zögerlich an, und so bot sich dem 1946 gegründeten „Boxring Altenbögge“ die Chance, sich an diesem Ort niederzulassen. Die Kämpfer nutzten den Saal für ihr Training und trugen dort auch einige Jahre lang ihre Wettkämpfe aus. Die daraus resultierenden Einnahmen blieben jedoch recht bescheiden.

Bald ergab sich zu Beginn der 1950er Jahre eine andere, wesentlich lukrativere Nutzung der Middendorfschen Räumlichkeiten: In Deutschland hatte der Kino-Boom eingesetzt. Der abendliche Filmbesuch war eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Erich Middendorf kam mit dem Bönener Kino-Mogul Ludwig Hoeper ins Geschäft und verpachtete ihm den großen Saal. Im Mai 1951 wurde darin das „Union-Theater“ eröffnet. Die Idee, den Kinobetrieb mit einer Gastwirtschaft zu verknüpfen, ging zunächst durchaus auf. Dennoch hatte es das „Union-Theater“ neben den größeren und moderneren Bönener Kinos „Apollo“ und „Roxy“ zunehmend schwer. Als das Fernsehen in der Gemeinde aufkam und dessen Teilnehmerzahl von 450 im Frühjahr 1957 auf über 2 500 Ende 1959 anstieg, war das Ende besiegelt – das „Union-Theater“ musste schließen.

Wieder gelang es Middendorf, eine gewinnbringende Nutzung für den großen Anbau zu finden. Im Juni 1961 begann jetzt ein Zweigbetrieb der Kleiderfabrik „Nienhaus & Luig“ mit der Produktion von Damenoberbekleidung mit knapp 30 überwiegend weiblichen Beschäftigten. Die Fertigung lief im Akkordbetrieb, fünf Tage in der Woche, jeweils von 6 Uhr morgens bis zum frühen Nachmittag. Die Auftragslage entwickelte sich so gut, dass ständig zusätzliche Näherinnen gesucht wurden. Nach dem Tod von Peter Nienhaus, des Firmengründers, übernahm der Wattenscheider Klaus Steilmann den Betrieb. Unter seiner Leitung wuchs das Unternehmen Betrieb weiter, die Räumlichkeiten in Altenbögge platzten gleichsam aus allen Nähten. Steilmann suchte und fand einen anderen Standort im neu geschaffenen Gewerbegebiet „Am Mersch“. Im März 1986 wurde die Textilproduktion in die Robert-Bosch-Straße verlagert.

Unabhängig von der Entwicklung der Kleiderfabrik hatten Margret und Erich Middendorf den Gaststättenbetrieb erfolgreich weitergeführt. Das Lokal wurde zur Heimstatt einiger Vereine, an vorderster Stelle des Schützenvereins Altenbögge. Im Jahre 1960 errang der Gastwirt sogar die Königswürde. Fünf Jahre später beschloss das Ehepaar, sich zurückzuziehen und die Gaststätte zu verpachten.

Erst 1973, nach acht Jahren, übernahm die Familie wieder die Regie: Sohn Gerd kümmerte sich um die Wirtschaft, Ehefrau Marlies führte die Küche. Wieder florierte der Betrieb. Allmählich zeichnete sich jedoch ein Wandel in den Rahmenbedingungen der Branche ab. Die Ansprüche des Publikums wandelten sich, und die Konkurrenz wurde größer. Auf der Suche nach neuen Konzepten wandelten sich viele der bisherigen Thekenwirtschaften mit Skatrunden und Würfelspielen zu anspruchsvolleren Speiselokalen mit geselligen Freizeitangeboten wie einer Kegelbahn oder dem sommerlichen Biergarten. Auch Middendorf folgte diesem Trend, zumal die Gaststätte – auch durch den Strukturwandel innerhalb der Gemeinde – allmählich in eine Randlage geriet. Im Herbst 1987 wurde neben den altdeutsch eingerichteten Gaststuben eine Kegelbahn eröffnet. Zwei Jahre später wurde der neu gestaltete Saal für Veranstaltungen bis zu 120 Personen mit einem großen Fest eingeweiht.

Nach diesen Investitionen erlebte der Altenbögger Gasthof eine lange währende, ruhige Zeit, bis sich Gerd Middendorf im Jahre 2006 überraschend zurückzog. Er verpachtete das Lokal an eine griechische Familie, die es unter dem Namen „Mythos“ weiterführte. Schon nach nur acht Monaten folgte das Zerwürfnis wegen eines Streites über die Betriebskosten. Das Lokal wurde geschlossen.

Kurzfristig übernahm Tochter Sandra Middendorf in nunmehr vierter Generation die Bewirtschaftung. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Sascha Peifer verordnete sie dem Lokal eine optische und kulinarische Verjüngungskur, kreierte phantasievolle Abende wie etwa ein „Musical Dinner“ mit singenden Künstlern. Der nachhaltige Erfolg blieb ihnen indessen versagt – nicht zuletzt, weil sich das Umfeld im Ortsteil nachhaltig verschlechtert hatte. Um ihre gastronomischen Ideen umzusetzen, blieb dem jungen Paar am Ende nur die Möglichkeit, ein anderes Lokal zu finden. Schließlich konnte es Anfang dieses Jahres das „Haus Kreutz“ am Kletterpoth übernehmen. Seitdem ist das Lokal verwaist. Die Frage der weiteren Nutzung drängt sich allmählich auf, da allein die laufenden Kosten sich zu einem erheblichen Betrag aufsummieren. ▪ Dr. Ulrich Heitger

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