Im Lockdown umorientiert

Scanner statt Kamm und Schere: Bönener Friseur Lukas Filler (28) hilft als Paketzusteller aus

Der Friseur Lukas Filler aus Bönen hat den Kamm gegen den Scanner getauscht und arbeitet im Lockdown als Aushilfsfahrer für die Post.
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Der Friseur Lukas Filler aus Bönen hat den Kamm gegen den Scanner getauscht und arbeitet im Lockdown als Aushilfsfahrer für die Post.

Was macht man, wenn man aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr in seinem Beruf arbeiten darf? Man sucht sich einen neuen Job. Das hat der 28-jährige Bönener Friseur Lukas Filler gemacht. Er hat während des Lockdowns die Schere mit dem Scanner getauscht und unterstützt derzeit die Postzusteller in der Gemeinde, die durch den Lockdown völlig überlastet sind. 

Bönen – Das Paketaufkommen war im Corona-Jahr 2020 noch viel höher als sonst vor dem Weihnachtsfest. Im Lockdown bestellten viele Menschen online Weihnachtsgeschenke und alles, was sonst fehlte, und ließen sich Ware bequem nach Hause liefern. Ein Postsprecher spricht von rund 20 bis 25 Prozent Zuwachs im Paketbereich.

Stadt Bönen
Fläche38,02 km²
BürgermeisterStephan Rotering

Eigentlich arbeitet Lukas Filler mit Kamm und Schere im Familiensalon „Susannes und Marios Haarstudio“ an der Dürerstraße. Hier arbeiten normalerweise drei Generationen – Oma, Vater und er – zusammen. Im Lockdown musste der Laden erneut geschlossen werden. „Irgendwie muss es ja weitergehen und ich meine Miete bezahlen“, sagt Lukas Filler. „Ich habe bisher noch nie Leistungen in Anspruch genommen und wollte das auch diesmal nicht.“

Deutsche Post: Bundesweit 10.000 Aushilfskräfte - darunter Friseur Lukas Filler aus Bönen

Die Paketzusteller wiederum sind im vergangenen Jahr an ihre Grenzen gekommen, weil sich in der Pandemie noch mehr Menschen als ohnehin vom Online-Handel beliefern ließen. Die Berge der Pakete und Päckchen, die in der Gemeinde ankamen, wuchsen vor Weihnachten noch einmal spürbar an. Waren bislang in der Gemeinde neun Auslieferungsfahrzeuge unterwegs, sind es mittlerweile elf, bestätigt Rainer Ernzer von der Deutschen Post/DHL. „Bundesweit haben wir 10.000 zusätzliche Aushilfskräfte eingestellt, um die Flut an Paketen bewältigen zu können.“

Dass die Post dringend Aushilfen sucht, um die Paketmassen zu bewältigen, erfuhr Lukas Filler aus einem Job-Portal im Internet. Er ergriff die Initiative und meldete sich bei der Deutschen Post und bekam den Job.

Rekordverdächtig ist die Zahl der Paketsendungen in der Gemeinde, die die Postmitarbeiter im vergangenen Jahr zu bewältigen hatten.

Friseur aus Bönen arbeitet im Lockdown als Paketzusteller - Lob von der Arbeitsagentur

„Ich finde das sehr ehrenhaft“, sagt Cordula Cebulla, Sprecherin der Arbeitsagentur. Eigeninitiative bei der Jobsuche sei aber die absolute Ausnahme. „Ich kenne ehrlich gesagt keinen Fall, wo sich jemand, der vom Lockdown betroffen ist, einen Job gesucht hat. Aber das läuft ja auch nicht zwingend über die Arbeitsagentur. In dem Fall bekommen wir das gar nicht mit. Die meisten Betroffenen versuchen, mit Kurzarbeit über die Runden zu kommen und hoffen, dass die Corona-bedingten Einschränkungen bald vorbei sind.“

Darauf wollte sich Lukas Filler nicht verlassen, der seit November für die Post unterwegs ist. „Ich habe zunächst einen Crashkurs bekommen als Beifahrer von erfahrenen Kollegen – und dann ging’s auch schon los.“ Seitdem ist er vor allem nachmittags unterwegs, um das zu verteilen, was die Kollegen nicht schaffen, denn jeden Tag müssen Berge von Paketen verteilt werden.

Friseur Lukas Filler arbeitet aus Aushilfe bei der Post - dazu gehört es auch, 25 Kilogramm in die dritte Etage zu schleppen

„Ich bekomme von den Kollegen eine Route zusammengestellt, die ich abfahren muss. Ich kenne jetzt viele neue Ecken in Bönen und weiß jedenfalls, wo die Eltern meiner Freunde wohnen“, erzählt er schmunzelnd.

„Es ist viel los“, erzählt Lukas Filler, während er Kartons in sein Fahrzeug einlädt. Das unterscheidet sich von den anderen Post-Fahrzeugen, weil es nicht gelb, sondern weiß ist. Der Leihwagen für zusätzliche Fahrten ergänzt den Bönener Fuhrpark. Lukas Filler scannt die Aufkleber mit einem Gerät. So kann nachvollzogen werden, dass die Sendung in der Auslieferung ist.

Paket-Zusteller im Lockdown mit mehr Arbeit denn je - Lukas Filler aus Bönen hat Verständnis für Kunden

„Selbst Schnürsenkel bekommt man ja nicht mehr an der Ecke, auch die muss man sich schicken lassen im Lockdown.“ Und es seien nicht nur die kleinen Dinge des Lebens, die benötigt werden, weiß Lukas Filler. „Katzenstreu und Hundefutter lassen sich die Leute besonders gern zuschicken. Als die Leute merkten, die bringen mir den 25-Kilo-Sack ja bis in den dritten Stock, da haben sie alles online bestellt. Und das wird immer mehr“, berichtet Lukas Filler. Wer könnte es ihnen verdenken. Er hat Verständnis dafür. Er selbst steht vor einem Umzug und muss renovieren. „Da habe ich selbst Material bestellen müssen. Das haben dann andere Zusteller zu mir gebracht. Und ich hab mich auch sehr gefreut.“

Ohne die fleißigen Zusteller geht im Moment also gar nichts. „Wären die Endorphine nicht da, die wir den Menschen mit jedem Paket bringen, dann würden vielleicht alle durchdrehen“, sinniert er. „So kommt mit der Lieferung ja auch ein bisschen Freude ins Haus.“ Er spürt, dass die Menschen im Lockdown dankbar sind, dass die Zusteller alles am Laufen halten.

 Ich werde das solange machen, wie sie mich brauchen.

Lukas Filler

„Die freuen sich schon, uns zu sehen. Und ich finde, ein paar freundliche Worte kann man wechseln, wenn man sich an der Tür sieht. Das tut den Kunden gut und das motiviert mich. Ich muss sagen, das macht mir richtig Spaß.“

Und um denen, die er nicht erreicht, das Schlange stehen am Postschalter im Rewemarkt zu ersparen, klingelt er auch schon mal beim zweiten und dritten Nachbarn, um ein Päckchen abzugeben. „Ich hab oft etwas mehr Zeit als meine Kollegen.“

Lukas Filler weiß, worauf er als Paketzusteller achten muss: Aus den Knien heben, nicht aus dem Rücken

Rein in den Wagen, raus dem Wagen, 20- oder 30-Kilo-Pakete Treppen raufschleppen – das sei schon ein Unterschied zu seinem normalen Beruf. Den ganzen Tag im Friseursalon zu stehen, sei zwar auch anstrengend, aber wenn es viele schwere Lieferungen waren, merkt er das abends im Rücken. „Ich versuche aber, darauf zu achten, dass ich wenig aus dem Rücken und mehr aus den Knien hebe.“

Er mag seinen Friseurberuf sehr, betont er. Aber es sei im Moment eben nicht möglich zu arbeiten. Also wird er erst mal weiter Pakete von Haustür zu Haustür bringen. „Ich werde das solange machen, wie sie mich brauchen.“ Die Kollegen werden sich freuen über die Unterstützung. Denn die Menschen werden auch nach dem Lockdown nicht aufhören, online einzukaufen. „Corona ist ein Beschleuniger des Paketwachstums“, bestätigt Postsprecher Rainer Ernzer. Für Lukas Filler und seine Kollegen wird es wohl weiterhin viel zu tun geben.

Lockdown: Verschärfte Maßnahmen seit Montag, 11. Januar, in Kraft - der Überblick im Video

Seit Montag, 11. Januar, sind die verschärften Corona-Regeln in Kraft - diese sind in der Coronaschutzverordnung des Landes verankert. Klar geregelt ist übrigens auch, ob im Lockdown ein Friseur nach Hause kommen darf, um Haare zu schneiden.

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