Fokus auch auf weniger bekannte Berufe

Da geht noch was: Unbesetzte Lehrstellen nicht nur bei Welser

Verfahrenstechnologie-Azubis in der Lehrwerkstatt bei Welser
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Präzises Arbeiten lernen die Verfahrenstechnologie-Azubis in der Lehrwerkstatt bei Welser. Zwei Stellen sind aktuell noch zu besetzen.

Der Countdown läuft. Am 1. September beginnt das neue Ausbildungsjahr. Noch sind aber längst nicht alle Ausbildungsstellen vergeben. Um Ausbildungswillige und Betriebe zusammen zu bringen, besuchen Arbeitsagentur und Jobcenter in den kommenden Tagen verschiedene Betriebe im Kreis Unna im Rahmen der Kampagne „Sommer der Berufsausbildung“.

Bönen – Die Aktion soll auf offene Lehrstellen in Berufen aufmerksam machen, die nicht jedem Jugendlichen geläufig sind, und dafür sorgen, dass noch offene Ausbildungsstellen besetzt werden. Am Montag stand das Bönener Unternehmen Welser Profile auf dem Besuchsplan, um den Ausbildungsberuf des Verfahrenstechnologen Metall – Stahlumformung vorzustellen.

Was da in den Hallen des Unternehmens Welser Profile alles entsteht, weiß kaum jemand. Dabei finden sich Produkte des Metall verarbeitenden Betriebs nahezu in jedem Haus, versichert Maximilian Leusmann, Ausbilder für Verfahrenstechnik. „Wir fertigen beispielsweise Metallprofile für Fliesenspiegel oder Führungsschienen für Schubladen, aber auch Teile für Solaranlagen oder Baugerüste“, erläutert Leusmann.

Im Rahmen der Aktion „Sommer der Berufsausbildung“ besuchten Holger Wortmann und Sebastian Wittek Ausbilder Maximilian Leusmann (von links) bei Welser.

Auch für Holger Wortmann und Sebastian Wittek, die bei der Agentur für Arbeit die Arbeitgeber betreuen, ist der Besuch der Lehrlingswerkstatt und der Fertigungsbereiche neu und interessant. Schließlich kennen auch die Fachleute der Arbeitsagentur nicht alle Berufe. Um so wichtiger sei es, auch Ausbildungsberufe, die nicht jeder kennt, vorzustellen und an den Mann oder die Frau zu bringen. Denn es können durchaus auch Frauen als Verfahrenstechnologinnen arbeiten, betont Leusmann. „Leider bewarben sich in den letzten Jahren kaum Frauen.“

Derzeit bildet die Firma Welser an der Edisonstraße 63 Azubis aus – auch in anderen Bereichen, aber hauptsächlich Verfahrenstechnologen. 18 sollen am 1. September anfangen. „Wir haben rund 150 Bewerbungen erhalten. Dennoch machen wir die Beobachtung, dass das rückläufig ist. Möglich ist eine Bewerbung „ab einem guten Hauptschulabschluss bis zum Fachabitur“, fasst Leusmann die Voraussetzungen für eine Ausbildung zusammen. 16 Ausbildungsverträge seien bereits fix, zwei Plätze seien noch zu besetzen. „Bewerbungen sind noch möglich“, ermuntert er alle, die sich einen technischen Ausbildungsberuf vorstellen können, sich noch zu bewerben.

Die Top Ten der unbesetzten Ausbildungsstellen

Beruf Anzahl Anteil

Verkäufer/in 77 9,9 %

Kaufmann/-frau im Einzelhandel 67 8,6 %

Kaufmann/-frau - Büromanagement 35 4,5 %

Handelsfachwirt/in (Ausbildung) 34 4,4 %

Fachkraft - Lagerlogistik 32 4,1 %

Berufskraftfahrer/in 28 3,6 %

Medizinische/r Fachangestellte/r 25 3,2 %

Fachverk.-Lebensm.handwerk - Fleischerei 22 2,8 %

Florist/in 21 2,7 %

Dachdecker/in 20 2,6 %

übrige Berufe 415 53,5 %

Azubis aus dem dritten Lehrjahr stellten in der Lehrwerkstatt ihre Ausbildung bei Welser vor. Verfahrenstechnologen Metall der Fachrichtung Stahlumformung verarbeiten mithilfe von Walz-, Tiefzieh-, Press- oder Schmiedeanlagen Stahl zu Blechen, Trägern, Platten, Profilen, Draht oder zu Schmiedestücken – beispielsweise für den Automobilbau. Sie richten die Produktionsanlagen ein, montieren Walzen und andere Umformwerkzeuge, beschicken die Fertigungsanlagen, überwachen und steuern die Umformprozesse. Sie prüfen Maße, Form und Oberfläche ihrer Erzeugnisse. Abschließend behandeln sie Produkte nach, veredeln die Oberflächen von Werkstücken oder schneiden Bleche, Stahlstangen oder Rohre zu. Also, eine durchaus vielseitige Arbeit

Voraussetzungen für diesen Beruf, ergänzt Leusmann, seien vor allem Sorgfalt, Umsicht und handwerkliches Geschick, aber auch technisches Verständnis, Entscheidungsfähigkeit und Reaktionsschnelligkeit. In den Bewerbungen werde besonders auf die Noten in Mathe, Physik und Chemie sowie Werken und Technik geschaut.

Viel läuft über persönliche Werbung

Die Auszubildenden, die derzeit im dritten Lehrjahr ihre Ausbildung bei Welser machen, sind auf unterschiedlichen Wegen dahin gekommen. Denn ganz oben in den Hitlisten der Wunschberufe tauchen Verfahrenstechnologen Metall der Fachrichtung Stahlumformung nicht gerade auf. „Ich habe zunächst eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann gemacht. Als ich die Konditionen in meinem Arbeitsvertrag sah, habe ich gedacht, ich sollte noch mal was Anderes machen“, erzählt Pascal Mantey. „Über persönliche Kontakte habe ich von der guten Ausbildung bei Welser erfahren. Seitdem bin glücklich hier – und die Konditionen stimmen auch.“

274 unbesetzte Lehrstellen

Die Gemeinde Bönen wird von der Geschäftsstelle Unna der Bundesagentur für Arbeit betreut. Hier hat es in diesem Jahr einen deutlichen Zuwachs an Ausbildungsstellen gegeben, ebenso haben sich mehr junge Menschen an die Arbeitsagentur gewandt mit dem Wunsch nach einem Ausbildungsplatz. Für das im Herbst beginnende Ausbildungsjahr wurden von Betrieben 855 Berufsausbildungsstellen (Stand Juli 2021) gemeldet, 128 mehr als im Vorjahr – das macht ein Plus von 17,6 Prozent. Davon sind bisher noch unbesetzt 274 Ausbildungsstellen, 60 mehr im Vergleich zum Vorjahr. Das entspricht mit 27,5 Prozent mehr als einem Viertel des Angebots.

574 junge Frauen und Männer sind im Bezirk registriert, die einen Ausbildungsplatz suchen. Das sind 43 oder 8,1 Prozent mehr als 2020. 164 Schulabgänger sind bislang noch unversorgt, 15 Personen (10 Prozent) mehr als im Vorjahr. Auf jeden Bewerber kommen derzeit 1,5 Ausbildungsstellen. Auf jeden unversorgten Bewerber kommen statistisch in der Geschäftsstelle Unna 1,7 Lehrstellen - die beste Relation im Kreis.

Wer noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, erreicht die Berufsberatung unter Telefon 02303 2807 111 oder kreis-unna.berufsberatung@arbeitsagentur.de

Arbeitgeber können dem gemeinsamen Arbeitgeber-Service von Arbeitsagentur und Jobcenter ihre freien Stellen melden oder sich zum Thema Ausbildung beraten lassen unter 0800-4 5555 20.

Überhaupt sei Mundpropaganda ein großes Thema, bestätigt auch Philipp Hayduk, der nach dem Fachabi zu Welser kam. Oft werben Azubis und Mitarbeiter von Welser für die Ausbildung in ihrem Betrieb. „Wir sind ein Familienunternehmen und legen Wert auf ein besonderes Miteinander“, sagt Maximilian Leusmann.

Seit 2002 bildet Welser Azubis aus. Derzeit beschäftigt das Unternehmen, dessen Stammsitz in Österreich ist und neben Bönen auch einen Standort in den USA hat, 180 Verfahrensmechaniker im Betrieb, 49 Verfahrenstechnologen sind derzeit in der Ausbildung. „Durch die intensive Ausbildung, die auch andere Bereiche der Produktion einbezieht, damit unsere Mitarbeiter alle Arbeitsschritte kennen, sichern wir uns auf lange Sicht qualifizierte Fachkräfte, die auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten sind,“ sagt Maximilian Leusmann.

Es geht noch was in Sachen Ausbildung, und zwar nicht nur bei Welser, sondern in vielen Betrieben, betonen Holger Wortmann und Sebastian Wittek. Wer jetzt noch eine Ausbildung anfangen möchte, der sollte sich sputen, flexibel sein und auch weniger bekannte Berufe in Betracht ziehen.

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