Berater des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld 

Flugzeugunglück: Vor 60 Jahren starb der Bönener Diplomat Heinrich Wieschhoff

UN-Sicherheitsrat Heinrich Wieschhof
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Heinrich Wieschhof (hinten links) bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates im Juli 1960.

Vor 60 Jahren starb einer der bekanntesten Bönener: Heinrich Wieschhoff. Zusammen mit dem damaligen UN-Generalsekretär kam er bei einem Flugzeugunglück in Afrika ums Leben. Die Ursache des Unglücks wurde nie aufgeklärt.

Bönen – Kurz hinter dem Ortseingang am neuen Kreisverkehr zweigt die Heinrich-Wieschhoff-Straße von der Bahnhofstraße ab. Benannt wurde sie nach einem bekannten Bönener: nach dem Wissenschaftler und Diplomat Heinrich Wieschhoff. Er starb in der Nacht vom 17. auf den 18. September 1961 bei einem Flugzeugabsturz.

Die genauen Umstände des Unglücks sind bis heute nicht aufgeklärt. Lange hieß es, ein Pilotenfehler sei Ursache. Von Anfang an wurde aber vermutet, dass es in Wirklichkeit ein Abschuss war. Erst 2018 wurden die Ermittlungen erneut aufgenommen. Laut des im September 2019 veröffnetlichte Abschlussberichtes ist ein Abschuss plausibel.

In Altenbögge aufgewachsen

Die Maschine zerschellte in der Nähe von Ndola in Nordrhodesien, im heutigen Sambia. Augenzeugen berichten von einem großen Feuerball am Himmel, als das Flugzeug schon in der Nähe des Flugplatzes war. An der Absturzstelle befindet sich heute das Dag Hammarskjöld Crash Site Memorial, eine Gedenkstätte für alle 16 Opfer – darunter Heinrich Albert Wieschhoff.

Der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld war in einem schwierigen diplomatischen Auftrag während der sogenannten Katanga-Krise unterwegs. Der Schwede sollte zwischen der kongolesischen Regierung und der „abtrünnigen“ Provinz Katanga vermitteln. Da die Belgier mit der Absicht, die Ordnung im Kongo wiederherzustellen, militärische Kräfte mobilisierten und die Regierungschef Patrice Lumumba auf der anderen Seite sich um russische Hilfe bemühte, wurde die Kongo-Region zum Brennpunkt des Kalten Krieges.

Berufswechsel nach Unfall

Zum Beraterstab des Generalsekretärs gehörte Wieschhoff. Er wurde 1905 in Hagen geboren und stammte aus der Familie Wieschhoff-Altena, die bereits im 13. Jahrhundert in Hilbeck nachweisbar ist. Er wuchs in Altenbögge auf und besuchte das Pestalozzi-Gymnasium in Unna bis zum „Einjährigen“. Danach machte er eine Lehre als Elektriker und arbeitete auf der Zeche Königsborn III/IV. Nach einem Unfall musste er seinen Beruf aufgeben. Er besuchte er noch einmal das Gymnasium und legte dort sein Abitur ab. Anschließend studierte er in Frankfurt am Main Ethnologie und promovierte 1933 mit einer Arbeit über Rhodesien. 1936 wanderte er in die USA aus. Er arbeitete an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia und wurde Kurator der Afrika-Abteilung des Universitäts-Museums.

Dort veröffentlichte er mehrere Beiträge, unter anderem einen mit dem Titel „Afrika“, in dem er die Geschichte und die Völkerschaften dieses Kontinents beschreibt und ihre Kulturen mit ihren Einflussbereichen untersucht.

Intensive Beschäftigung mit Afrika und Kolonialmächten

Seine Darstellung „Colonial Policies in Africa“ von 1944 war dann eine ausführlichere Monographie. Sie zeigt, dass damals nur drei Staaten eine relative Unabhängigkeit besaßen: Ägypten, Äthiopien und Liberia. Die Südafrikanische Union stellte einen Sonderfall dar. Alle anderen Länder standen unter der Verwaltung der Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal und in geringem Maße auch Italien und Spanien.

Wieschhoff wollte sich nicht als Richter über das Verhalten der Kolonialmächte verstehen, er stellte nur eine große Diskrepanz zwischen der Theorie der afrikanischen Politik und der Wirklichkeit fest. Er belegte, wie ungerecht die Verhältnisse in den Kolonien waren: Eine kleine Minderheit von Europäern beanspruchte den größten Teil des Landes, zum Beispiel die Belgier den Kongo. Mit ihrem Besitzanspruch standen die Europäer im Widerspruch zu dem Verständnis von Landbesitz bei den Eingeborenen. Demnach gehört das Land dem Stamm, der es bewohnt. Die Regelungen der Europäer führten zur Landflucht und der Verelendung der Schwarzen in den Städten.

Wieschhoff machte aber deutlich, dass eine Rückkehr der Afrikaner zu einem vorkolonialen Status-Quo eine unrealistische Vorstellung war. Die Zukunft musste in einem fairen Verhältnis zwischen Europäern und Afrikanern liegen, Ausbeutung und Diskriminierung nicht mehr Bestandteile der Politik sein.

Zielscheibe für Gegner der afrikanischen Selbstbestimmung

Wieschhoff verfolgte die Ziele britischer und französischer Kolonialpolitik, indem er aus Reden der Verantwortlichen zitierte. Fast übereinstimmend wurde die Erziehungsaufgabe gegenüber den Afrikanern betont, um die Mit- und später die Selbstbestimmung der Völker Afrikas zu erreichen. An Beispielen aus mehreren Ländern machte er deutlich, wie groß der Unterschied zwischen den idealistischen Reden der Politiker in den „Mutterländern“ und dem Verhalten der europäischen Siedler vor Ort war. Das Schlagwort von der „indirect rule“, das die Selbstverwaltungsansätze der Eingeborenen einbeziehen soll, hielt er für eine Fortsetzung des Feudalismus in neuer Terminologie.

Am Schluss seines Buches gab Wieschhoff einen Ausblick auf die Zukunft der Kolonien. Mehrere Konzepte lagen auf dem Tisch. Das Einsetzen einer internationalen Kontrollkommission und der Beitritt zur UN wurden vorgeschlagen. Regionale Räte sollten gebildet werden, ein Konzept des „Pan-Afrikanismus“ war im Gespräch. Allen Vorschlägen lag die Idee zugrunde, dass die Weißen die verantwortlichen Stellen besetzten, die Beteiligung der Schwarzen stieß immer wieder auf den Widerstand der weißen Siedler. Die Forderung der Afrikaner nach Autonomie lag zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Wieschhoff meinte, es bedürfe eines „deus ex machina“ – eines göttlichen Geschehens, um nach dem Krieg die afrikanischen Probleme zu lösen. Zu große Hoffnungen könnten nur enttäuscht werden, nur kleine Schritte weiterhelfen.

Wieschhoffs Darstellung zeigt, wie gut er die afrikanischen Verhältnisse zu seiner Zeit kannte. Nach der Lektüre des Buches kann man gut verstehen, warum er zum Afrika-Berater des UN-Generalsekretärs berufen wurde. Verständlich wird aber auch, dass er sich mit seiner Beschreibung der kolonialen Verhältnisse zur Zielscheibe der erbitterten Gegner der Selbstbestimmung der Afrikaner machte. Das lässt die Theorie eines Abschusses des Flugzeugs in einem anderen Licht erscheinen. VON WILFRIED PANKAUKE

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