Fiege will Mitarbeiter von DWL übernehmen

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Im Eingangsbereich von DW-Logistics warb Fiege gestern bereits mit einem Informationsstand um neue Mitarbeiter für die Standorte Ibbenbüren und Bocholt. ▪

von Andreas Tiggemann BÖNEN ▪ Im Innern des riesigen Gebäudes herrscht flüsterleise Geschäftigkeit. An der Empfangstheke sitzt ein Mitarbeiter und gibt Besuchern Ausweise heraus, als sei ein ganz normaler Arbeitstag. Hinter ihm geben lange Flure die Blicke auf die Lagerhallen frei, gähnende Leere herrscht dort. Vor einem halben Jahr waren hier noch weit über 500 Mitarbeiter beschäftigt. Jetzt räumen die letzten Verbliebenen auf. Ab Donnerstag wird der Geschäftsbetrieb eingestellt, DWL – einst als Zugpferd des Bönener Industriegebietes gefeiert – gibt es dann nicht mehr.

Ist es da wirklich eine gute Nachricht, dass das Logistikunternehmen Fiege 100 DWL-Beschäftigten und ehemaligen Mitarbeitern, die sich inzwischen in einer Transfergesellschaft befinden, einen neuen Arbeitsplatz anbietet? Fiege, mit Stammsitz in Greven im nördlichen Münsterland, sieht sich einem kaum zu bewältigenden Aufschwung gegenüber und braucht schnellstmöglich viele Lagerarbeiter für seine Standorte in Ibbenbüren und Bocholt. Schon zum 1. Juli sollen die ehemaligen DWL‘er ihre Arbeit bei Fiege aufnehmen, ein halbes Jahr lang gleicht die Agentur für Arbeit eventuelle Nettoeinbußen aus, zahlt sogar eine „Mobilitätszulage“ in Höhe von monatlich 350 Euro.

Möglichkeit, schnell Mitarbeiter zu gewinnen

„Für uns ist dies eine sehr effektive Möglichkeit, schnell Mitarbeiter zu gewinnen, die wir so am Markt nicht bekommen können“, erklärt Fiege-Geschäftsführer Jürgen Hachenberg. Aber: Wer sich darauf einlässt, muss für An- und Abfahrt ab Bönen mit jeweils rund 90 Minuten Fahrzeit rechnen. Einen Pendelbus stellt Fiege zwar zum Selbstkostenpreis (100 Euro monatlich) zur Verfügung, die Begeisterung der verblieben DWL-Mitarbeiter hielt sich dennoch in Grenzen, als ihnen das Angebot gestern Morgen unterbreitet wurde. Hachenberg hat dafür Verständnis, die Angst vor soviel Veränderung in so kurzer Zeit sei nachvollziehbar groß. Das weiß auch Wolfgang Köbernik von der Bob-Transfergesellschaft, der in den nächsten Tagen möglichst viele Mitarbeiter motivieren möchte, das Angebot anzunehmen.

Für Dr. Georg Bernsau, den Frankfurter Insolvenzverwalter der DWL, ist das Fiege-Angebot indes eine höchst erfreuliche Angelegenheit. „Ich mache das jetzt seit über 20 Jahren, und ich kann Ihnen sagen, dass wir es hier mit einem relativ einmaligen Angebot zu tun haben“, sagt Bernsau, der in den vergangenen Monaten hart um die Weiterführung des Geschäftes in Bönen gerungen hatte.

Neben Fiege wirbt derzeit auch die Woolworth-Nachfolgegesellschaft „Wowo“ um Mitarbeiter. Über 100 Ehemalige aus den Reihen der DWL haben sich dort bereits beworben. Doch sucht „Wowo“ für seinen Standort im Kreis Unna dem Vernehmen nach ausschließlich Männer. „Da geht es nur ums Schleppen“, sagt ein DWL-Mitarbeiter verächtlich.

Die Perspektive, die Fiege zu bieten hat, sieht da schon anders aus. Zwar fällt die Bezahlung der Grevener letztlich geringer aus als bei DWL, doch bietet das 1873 gegründete Unternehmen mit seinen 20 000 Mitarbeitern in 18 Ländern nach Aussage von Jürgen Hachenberg gute Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. „Wir haben beispielsweise eine eigene Lkw-Fahrschule“, erklärt der Geschäftsführer. Und Fiege bietet eine langfristige Perspektive. „Wenn die Mitarbeiter bereit sind, übernehmen wir nach Ablauf des halben Jahres 100 Prozent“, versichert Hachenberg. Mit drei Kollegen ist er nach Bönen gereist, heute und morgen wollen sie mit den interessierten Lagerarbeitern Bewerbungsgespräche führen.

Dipl.-Ing. Axel Wlecke gehört nicht zu ihnen. Der hoch qualifizierte DWL-Betriebsleiter verliert mit dem Ende des Unternehmens seinen Job. Mit traurigem Blick sitzt er in seinem Büro. „Mit tut es leid um meine Mitarbeiter, die hier bis zuletzt jeden Tag pünktlich waren und sich bis zur letzten Minute eingesetzt haben“, sagt Wlecke. „Ich kann mich nur bedanken für das, was hier bis zuletzt geleistet wurde.“ Er rät seinen ehemaligen Kollegen, das Angebot von Fiege anzunehmen. „Aus meiner Sicht ist es eine gute Möglichkeit, für mindestens ein halbes Jahr ein vernünftiges Arbeitsverhältnis zu haben“, sagt er.

Draußen auf dem Parkplatz unterhalten sich zwei junge DWL-Kollegen, eine Frau und ein Mann. Sie haben ihre letzten Sachen aus den Büros geholt; vor dem Kofferraum eines Minivans steht eine Palme, drinnen liegen zwei weitere. Beide haben schon neue Stellen gefunden, finden es aber gut, dass Fiege vielen ehemaligen Mitarbeitern nun eine neue Perspektive bietet.

Und die lange Anfahrt nach Ibbenbüren oder Bocholt muss kein Dauerzustand bleiben. Denn die neuen Mitarbeiter haben laut Hachenberg reelle Chancen, später näher an ihre Heimat zu rücken. Die nächst gelegenen Fiege-Standorte sind Oberhausen und Dortmund.

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