"Fast alles ist möglich": Bönener arbeitet seit 45 Jahren in der Sargfabrik

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Jeder Handgriff passt, wenn Reiner Driesner zur Tat schreitet. Dank seiner jahrzehntelangen Erfahrung weiß der Tischler genau, worauf es bei der letzten Ruhestätte eines Menschen ankommt.

Bönen – „Gestorben wird immer“ lautet eine Lebensweisheit. Deshalb sollte die Herstellung von Särgen eigentlich eine krisensichere Sache sein. Wie sich auch hier die Trends und Wünsche verändern, erlebt der Bönener Reiner Driesner seit 45 Jahren.

So lange arbeitet der gelernte Tischler bereits in der Sargfabrik Heinrich Glunz an der Gemeindegrenze am Wilhelm-Lange-Weg. Särge in edlem Mahagoni oder in solider Eiche, mit Blumen bemalt, mit geschnitzten Ornamenten oder in den Farben des geliebten Fußballvereins, in schwarz-gelb oder blau-weiß – „Eigentlich ist fast alles möglich“, sagt Reiner Driesner, der als Abteilungsleiter seit vielen Jahren für die Fertigung verantwortlich ist. 

Als er seine Tischlerlehre bei Scheckermann in Bönen antrat, da war es eigentlich nicht sein Plan, einmal sein ganzes Berufsleben der Fertigung von Särgen zu widmen, räumt er mit einem Augenzwinkern ein. Aber so sei das nun einmal mit den Träumen und Plänen im Leben. 

Seit über vier Jahrzehnten ist Reiner Driesner in der Sargfabrik tätig.

Sein Chef dagegen, Thomas May – bereits die dritte Generation, seit Reiner Driesner bei Glunz angefangen hat – ist dagegen mit Särgen aufgewachsen. Alles was mit Tod und Bestattung zu tun habe, sei für viele ja immer noch ein Tabu, sagt er. „Als Kind habe ich mit meinen Schulfreunden in den Hallen zwischen den Särgen gespielt. Das war ganz normal.“ 

Mittlerweile gehört die Firma zu den führenden Unternehmen in der Bestattungsbranche und liefert deutschlandweit, hauptsächlich aber innerhalb von NRW. „Wir verkaufen allerdings nur an Bestattungsunternehmen, nicht an Privatkunden“, sagt Thomas May. Dennoch zeigen die Aufträge, wie sich die Zeiten und die Bedürfnisse verändern – auch in diesem Bereich.

Hochwertige Särge nicht mehr gefragt

„Die Zahl der hochwertigen Särge geht zurück“, erläutert er, „weil rund drei Viertel der Leute sich mittlerweile einäschern lassen. Die meisten Angehörigen wollen nicht mehr über 25 oder 30 Jahre die Verpflichtung zur Pflege eines Grabplatzes eingehen. Deshalb wählen immer mehr Menschen eine Feuerbestattung.“ 

Da der Sarg verbrannt würde, soll er möglichst einfach und preiswert sein. „Bei der Erdbestattung wird der Sarg nach der Beisetzung zwar auch im Boden versenkt, aber da bevorzugen die meisten doch ein aufwendigeres Modell.“ 

Vorbei also die Zeiten, wo zu einer Beerdigung für den teuren Verblichenen nur das Beste in Frage kam. „In der Stadt spielt es keine so große Rolle mehr, was die Leute sagen“, so Mays Erfahrung. „Im ländlichen Bereich – und da zähle ich Bönen auch dazu – wird auch heute noch darauf geachtet, ob der Verstorbene in einem angemessenen Sarg beerdigt wird oder in einem Billigmodell.“ 

Dabei ist die Auswahl nahezu unbegrenzt. Es gibt für jeden etwas“, findet Reiner Driesner. Das erleichtert die Aufgabe für die trauernden Hinterbliebenen nicht gerade. Hätte die Großmutter Kirschbaum bevorzugt oder doch lieber Eiche? Einen geschnitzten hohen Deckel oder einen flachen Korpus mit schlichten Beschlägen? 

Man weiß es nicht, weil man über so etwas in der Regel nicht spricht. Wohl dem, der vorsorgt, und sich selbst darum kümmert, worin er einst lange Zeit ruhen wird. „Es gibt mittlerweile viele Leute, die für den Tag X nicht nur ihre Beerdigung bis ins Detail planen, sondern auch ihren Sarg selbst aussuchen“, erzählt Reiner Driesner. 

Gestaltungsmöglichkeiten unbegrenzt

Die Gestaltungsmöglichkeiten seien nahezu unbegrenzt. „Unser Katalog zeigt deshalb auch nur einen kleinen Ausschnitt der möglichen Varianten“, ergänzt Thomas May. Was nicht standardmäßig auf Lager ist, wird nach Wunsch angefertigt – auch Übergrößen. 

„Dafür bleibt in der Regel wenig Zeit. Sonderanfertigungen müssen oft bis zum Beerdigungstermin in ein oder zwei Tagen fertiggestellt und ausgeliefert werden.“ Denn die meisten Särge werden von den Mitarbeitern in verschiedenen Arbeitsgängen in Handarbeit gefertigt. 

Wenn Reiner Driesner seine Schnitzarbeit beginnt, fliegen die Späne.

„Außer Modelle in Mahagoni, Nussbaum oder Kirsche“, schränkt Thomas May ein. „Die beziehen wir von italienischen Herstellern, die führend sind in der Produktion von Edelhölzern. Dort werden auch Beerdigungen traditionell noch aufwendiger gestaltet.“ 

Haben sich die Wünsche und Vorlieben in den vergangenen Jahrzehnten verändert? „Ja“, sagt Driesner, „der Trend geht weg von dunklen Hölzern, rustikalen Verzierungen und hohen Deckeln zu flachen Modellen, hellen Hölzern und schlichten Beschlägen.“ 

Im Grunde spiegele das auch den sich wandelnden Geschmack bei der Wohnungseinrichtung wider. „Wer ein Wohnzimmer in Eiche rustikal hat, wird sich eher für einen klassischen Sarg entscheiden, wer modernes Design bevorzugt, der wählt auch eher einen schlichten Sarg.“ 

Herstellung von Kindersärgen fällt schwer

Aber noch sind Verzierungen wie Schnitzereien in Form von Palmblättern, Rosenranken und Ornamenten, aber auch Initialen und Sprüchen durchaus gefragt. Da legt Driesner selbst Hand an und fräst die gewünschten Schnitzereien nach Vorlage ins Holz. Hat er selbst ein Lieblingsmodell? „Die Nummer zehn“, antwortet er kurz entschlossen. „Robuste Eiche im klassischen Stil.“ 

Die Arbeit an einem Sarg ist für die Mitarbeiter bei Glunz also eine ganz normale alltägliche Arbeit, wie die Herstellung eines Möbelstücks. Ganz anders verhält es sich aber, wenn es darum geht, einen Kindersarg anzufertigen. „Das fällt mir nach all den Jahren immer noch schwer“, sagt Driesner. 

In einem halben Jahr wird Reiner Driesner in den Ruhestand gehen und freut sich, endlich mehr Zeit zum Motorrad fahren zu haben. So ganz kann er sich aber nicht von der Wirkungsstätte verabschieden, wo er fast ein halbes Jahrhundert gearbeitet hat. „Ich werde doch noch tageweise kommen, nach dem Rechten sehen und mithelfen.“

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