Wenig Verständnis für Regeln

Fast allein in dunkler Nacht: Unterwegs in Bönen und Bergkamen während der Ausgangssperre

Skater Anlage Bönen Ausgangssperre
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Die Skater-Anlage an der Goetheschule ist sonst ein beliebter abendlicher Treffpunkt. Durch die Ausgangssperre war der Bereich am Dienstagabend aber komplett verwaist.

Verlassene Straßen, einsame Plätze, kaum noch Menschen zu sehen – unser Reporter war am Dienstagabend in Bönen und Bergkamen unterwegs. Das Verständnis für die Ausgangssperre hielt sich bei den wenigen Personen, die er noch antraf, in Grenzen.

Bönen/Bergkamen – Keine besonderen Vorkommnisse – so lautet das einvernehmliche Credo der beiden für die öffentliche Ordnung zuständigen Sachgebietsleiter der Kommunen Bönen und Bergkamen nach Tag zwei der kreisweiten Ausgangssperre. Christine Busch wie auch Jörg-Andreas Otte bestätigen Aufklärungsgespräche ihrer Mitarbeiter mit einigen nach der Sperrstunde angetroffenen Personen. Ansonsten sei alles ruhig gewesen.

Auch ich habe das auf meiner abendlichen Runde durch Bönen und Bergkamen festgestellt. Nur die Anreise durchs Industriegebiet Am Mersch Richtung Bönener Bahnhof bedeutet: viel Verkehr durch Lkw, auch jetzt, kurz vor 21 Uhr. Auf dem Parkplatz am Rathaus stehen um 20.55 Uhr nur noch zwei Pkw. Das Rathaus ist komplett unbeleuchtet. Der Discounter Lidl entlässt noch ein Pärchen und einen jungen Mann. „Ich find das gut mit der Ausgangssperre“, meint dieser. „Wenn sich die ganze Zeit Leute illegal treffen oder in Urlaub fahren, geht es ja nicht anders.“ Er bleibt an diesem Abend der Einzige mit Verständnis für die Ausgangssperre.

Auch am Busbahnhof in Bergkamen ist am späten Abend niemand mehr auf der Straße.

Ein Besuch der Skateranlage und dem „Autoposer“-Treff auf dem Parkplatz dort bringt nichts. Es ist absolut leer. Das ist anders als sonst, während die Fußgängerzone nebenan ja nach Geschäftsschluss sowieso meist leer ist. Am Rande steht ein einsamer Raucher. Zwei gut gelaunte junge Männer sind auf dem Weg „wer weiß wohin“.

Kein Geld für das Bußgeld

Ich entdecke noch einen mittelalten Mann, sitzend auf den Möbeln am Gemeindeteich. Er surft im Internet. „Der Empfang ist hier sehr gut. Zu Hause habe ich kein Internet, das ist schädlich für die Kinder“, meint der Bönener. Das seine älteste Tochter in der Schule getestet wird, findet er auch nicht gut. Er äußert seine Bedenken, dass der Abstrich „ganz tief in der Nase“ sie verletzt. Ein bisschen klingt das nach Verschwörungstheorie.

Seine Erklärung, warum er die Coronaschutzmaßnahmen an sich und die Ausgangssperre im Besonderen schlimm findet, begründet der Mann, der seit vier Jahren in Deutschland lebt und einen Aufenthaltstitel besitzt, aber stimmiger. „Ich bin doch hier in Deutschland, das ist eine Demokratie, habe ich doch im Eingliederungskursus gelernt. Hier kann man Grundrechte nicht einfach einschränken.“ Man dürfe das Infektionsschutzgesetz nicht so abändern, dass es über dem Grundgesetz stehe.

Er hätte im November einen Job gehabt, die Firma sei aber wegen Corona pleite gegangen, teilt er sein ganz persönliches Schicksal mit. Er hätte kein Geld, sagt er auf mögliche Bußgelder angesprochen. Schließlich ist er trotz Ausgangssperre noch draußen unterwegs. „Wir sollten lernen mit Viren umzugehen. Es ist ja nicht das letzte Virus. Ich meine, Krankheit gehört zum Leben.“

Die Fußgängerzone in Bönen ist um kurz nach 21 Uhr schon menschenleer.

Weiter geht’s über Nordbögge Richtung Bergkamen. Am Bahnhof im Bönener Norden stehen gleich drei junge Menschen. Der Bönener in der Runde bringt zwei Freundinnen aus Hamm zur Bahn. „Bei uns gilt ja morgen auch die Ausgangssperre“, sagen sie, eher unbeeindruckt.

Die konkrete Maßnahme selber verstehen alle drei nicht. „Schläft das Virus abends“, fragt er, tagsüber sei doch alles voll, zum Beispiel im Supermarkt. Ansonsten könne er sich schon das Durchsetzen härterer Maßnahmen vorstellen, wenn die tatsächlich zum Ende der Pandemie beitragen.

Bergkamen gegen 22 Uhr wirkt tot. Nur Autos sind zu sehen, nicht auszumachen, ob die von der Arbeit nach Hause oder zu privaten Treffen fahren. In Overberge sehe ich ein Pärchen mit Hund. Hmm. Dürfen die zu zweit unterwegs sein?

Am Rathaus und Busbahnhof – nichts. Moment. An der Sparkasse spielen ein Junge und Mädchen im Grundschulalter verstecken. Alleine, um diese Zeit? Dann tauchen die Eltern aus der Schalterhalle auf. Alle machen sich auf den Weg nach Hause.

Moschee weiter geöffnet

Auf dem Weg nach Oberaden verfahre ich mich, lande in der Scheringstraße. Autos parken, Menschen gehen in das unscheinbare Gebäude vor der Bahnbrücke – zur Arbeit? Ich lese IGMG, darunter steht Darul Erkam Camii. Camii steht für Moschee. Hinter dem Fenster sind auch Betende zu sehen. Es ist Ramadan, fällt mir ein. Religionsausübung ist auch nach 21 Uhr weiterhin erlaubt.

Ich drehe, sehe einen hell beleuchteten Dönergrill und Menschen. „Wir kommen von der Arbeit“, erklärt der auf der anderen Straßenseite Wartende. „Ich find die Regel Blödsinn“, sagt der Bergkamener, „es heißt doch, wir sollen der Gesundheit willen, frische Luft schnappen“, führt er aus. Das ginge in seiner Butze kaum. Tagsüber würde er arbeiten.

In der Moschee an der Scheringstraße in Bergkamen brennt noch Licht. Der Besuch ist auch nach 21 Uhr noch gestattet.

Sein Kumpel kommt vom Imbiss. „Müssen wir heute Abend doch nicht verhungern“, schwenkt er die Dönertüte. Gespeist wird unterwegs.

Letzte Station Rünthe. Erneut ein Pärchen und ein eiliger Radfahrer. Auf der Flucht vorm Ordnungsamt? Kaum. Weder in Bönen noch in Bergkamen habe ich Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes gesehen. Es ist eine Momentaufnahme, denn das Bönener Ordnungsamt war nach eigenen Angaben von 19 bis 24 Uhr unterwegs. Und auch Buschs Leute hätten Dienstagabend die bekannten und beliebten Treffpunkte in Bergkamen abgearbeitet. Übrigens: Die üblichen Verdächtigen, Jugendliche und Schüler, konnte ich bis auf die am Nordbögger Bahnhof nicht in der Öffentlichkeit ausmachen.

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