Homoffice und Lernen auf Distanz:

Die Pandemie stellt den Alltag von Familie Rudolf auf den Kopf

Familie Rudolf aus Bönen erlebt die Corona-Krise mit Homeoffice und Distanzunterricht
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Wenn nichts mehr geht, geht‘s nach draußen: Im Garten können sich Luisa, Paul, Anton und Klara Rudolf austoben. Und auch Papa Niels Rudolf genießt die frische Luft.

Bönen – Die Schulen sind geschlossen, an die Eltern von Kita-Kinder geht der dringende Appell, ihre Kleinen, wenn möglich, doch lieber zu Hause zu betreuen. Und viele Arbeitgeber schicken ihre Mitarbeiter ebenfalls ins Homeoffice. Die Corona-Pandemie hat den Alltag von vielen Familien komplett auf den Kopf gestellt – eine Herausforderung für alle Beteiligten. Das stellen auch Sabine und Niels Rudolf fest. Die beiden sind Eltern von zwei Söhnen und zwei Töchtern im Alter von vier bis neun Jahren.

„Anstrengend“ ist das erste Wort, das Niels Rudolf einfällt, wenn er versucht, seinen derzeitigen Tagesablauf zu beschreiben. Seit März arbeitet der Teamleiter der Deutschen Telekom AG fast ständig von zu Hause aus. Das hat nicht nur im Hinblick auf den Infektionsschutz Vorteile. Der Arbeitsweg mit dem Auto entfällt, was Zeit spart und Umwelt und oft auch Nerven schont. Zudem kann der Bönener seine Pausen nun mit der Familie verbringen, ist im Notfall schnell zur Stelle und entlastet gerade aktuell im Lockdown seine Frau Sabine Rudolf bei der Kinderbetreuung. „Die Kinder wissen inzwischen zwar genau, dass sie mich im Büro nicht stören dürfen, aber ich bin eben zu Hause. Und man merkt, dass sie nicht ausgelastet sind“, erzählt der vierfache Vater.

Das trifft vor allem auf Paul und Anton zu. Die Zwillinge besuchen normalerweise die Kita Katharina Luther in Bönen, sind aber bereits seit einigen Wochen daheim. Und während ein Kindergartentag die Vierjährigen mit allen Eindrücken und Angeboten altersentsprechend fordert, bleibt ihnen zu Hause noch genügend Energie, um etwas anzustellen – wenn niemand aufpasst. „Wir haben uns angesichts des Infektionsgeschehens bewusst dafür entschieden, die Jungs nicht in den Kindergarten zu schicken“, erklärt Niels Rudolf. „Es ist zwar deutlich anstrengender, wenn alle vier Kinder den ganzen Tag um einen herumhüpfen, aber es ist ja nicht notwendig, deshalb ein Risiko einzugehen.“

Elternzeit ist Gold wert

Im Gegensatz zu anderen hat Familie Rudolf glücklicherweise die Möglichkeit, die Kleinen selbst zu betreuen. „Ich bin in Elternzeit. Das ist zurzeit natürlich Gold wert“, stellt Sabine Rudolf fest. So kann sich die studierte Agrarwirtin nämlich ganz dem Nachwuchs widmen – ohne zwischen Job und Familie hin und her springen zu müssen. Als ihre Töchter bis zu den Weihnachtsferien noch im Präsenzunterricht in der Schule saßen, konnte sie sich intensiv um die Söhne kümmern, jetzt müssen die Jungen sie mit den Schwestern teilen.

Viel Zeit für die Dinge, die Sabine Rudolf sonst erledigt, wenn alle Kinder außer Haus sind, bleibt ihr da nicht. Putzen, Einkaufen, Wäsche waschen: All das muss „nebenher“ erledigt, die Kinder dabei stets im Blick behalten werden. „Viel schafft man da nicht“, sagt sie. „Paul und Anton vermissen ihre Freunde im Kindergarten zwar weniger, weil sie einander haben, aber sie wollen beschäftigt werden. Die Mädchen vermissen dagegen ihre sozialen Kontakte, ihre Freunde in der Schule und auch den Sport am Nachmittag“, schildert die vierfache Mutter. Damit die Langeweile nicht zu groß wird, brauchen die neunjährige Luisa und ihre drei Jahre jüngere Schwester Klara ebenfalls Beschäftigung. „Die TuS bietet zum Beispiel online Übungen an. Da haben wir schon ein Mal über das Tablet mitgemacht“, berichtet Sabine Rudolf.

Hilfe beim Lernen auf Distanz

Sie ist froh, dass ihre „Rasselbande“ mit dem eigenen Garten und dem Hof ihres Bruders gegenüber ihres Hauses genügend Platz zum Toben hat. Und Luisa ist ohnehin oft zufrieden, wenn sie lesen kann. „Sie tauscht mit ihrer Freundin Bücher aus. Die werden dann vor die Tür gelegt“, erzählt ihre Mutter. Luisas kleinen Brüder müssen hingegen immer mal wieder zum Basteln und Malen an den Tisch geholt werden. Damit wird die Feinmotorik trainiert. „Sie gehen zwar erst nächstes Jahr in die Schule, aber ein bisschen üben müssen wir schon“, so die 35-Jährige.

Ihre Töchter unterstützt sie hingegen beim Lernen auf Distanz. Vor allem die sechsjährige Klara braucht dabei Hilfe. Sie ist im Sommer schließlich erst eingeschult worden und hat kaum Erfahrungen mit digitalen Medien. „Sie hat jeden Tag etwa 15 Minuten Digitalunterricht. In der Videokonferenz mit der ganzen Klasse erklärt der Lehrer den Kindern die Aufgaben für den Tag“, beschreibt Sabine Rudolf den Ablauf. Sie sitzt dann daneben, hilft der Erstklässlerin beim Einwählen und geht mit ihr anschließend die Aufgaben durch. Erledigt werden diese jedoch am Schreibtisch im eigenen Zimmer. Nur bei Fragen springt die Mutter wieder ein.

Das gilt genauso für Luisa. Die Viertklässlerin hat täglich schon etwas länger digitalen Unterricht, eine halbe bis dreiviertel Stunde. Wie bei ihrer Schwerster stammen die meisten Aufgaben, die anschließend erledigt werden müssen, aber noch aus den analogen Lehrbüchern oder von Arbeitsblättern, die die Familien über eine Lernplattform herunterladen sollen. „Die ausgefüllten Arbeitsblätter zeigen sie in der Videokonferenz vor, oder wir müssen sie einscannen und hochladen“, sagt Sabine Rudolf. Völlig selbstständig kann das wohl kaum ein Grundschüler bewältigen – da sind die Eltern mit gefragt.

Alle müssen Rücksicht nehmen

Grundsätzlich klappe das „Homeschooling“ aber inzwischen gut. „Bis zu den Sommerferien war es chaotisch und auch ein bisschen zu wenig“, findet die Bönenerin. Mittlerweile habe sich das aber eingespielt. Insbesondere der Unterricht in den wichtigen Fächern wie Deutsch und Mathematik funktioniere. Nebenfächer wie Religion oder Musik werden dagegen momentan weniger bedient, für Kunstprojekte kommen Vorschläge von den Lehrern. Wichtig sei, dass die Kinder Ruhe zum Lernen hätten. Und die ist eben nicht so einfach herzustellen, wenn gleich vier davon zu Hause sind. „Wir müssen sie trennen. Es ist schwierig, wenn ein Kind Unterricht hat und die anderen springen drumherum.“

Das sieht Vater Niels Rudolf genauso. Manchmal sitzen die Mädchen neben ihm und erledigen ihre Hausaufgaben, wenn er gerade in einer Telefonkonferenz steckt. Fragen kann er erst beantworten, wenn das Gespräch beendet ist. Es müssen also alle Rücksicht nehmen, Geduld haben.

Mit dem digitalen Unterricht kommt die neunjährige Luisa Rudolf gut zu recht. Ihrer Freundinnen aus der Schule vermisst sie aber.

„Die Mädchen sagen schon, dass sie lieber zur Schule gehen würden“, berichtet er. Das gemeinsame Lernen mit Gleichaltrigen, den direkten Kontakt zu den Lehrern und das Spielen mit Freunden in der Pause kann die Familie nicht ersetzen, wissen die Rudolfs.

Die besondere Situation ist aber auch ein Lehrmeister: „Die Kinder lernen alle sehr zügig den Umgang mit dem Computer“, hat Sabine Rudolf beobachtet. Sie staunt darüber, wie schnell beispielsweise die sechsjährige Klara die Funktionen der elektronischen Geräte begreift. „Wir müssen natürlich ein Auge darauf haben – selbst wenn die Computer kindersicher sind“, erzählt Niels Rudolf. „Plötzlich ist nämlich nicht mehr das kleine Einmaleins auf dem Bildschirm, sondern ein Video von Bibi und Tina“, sagt er und lacht. Im Umgang mit moderner Technik sind seine Kleinen ganz schön pfiffig.

Bewegung fehlt

Andersherum wissen die Kinder, dass er und seine Frau ständig erreichbar sind. „Wir mussten uns einen anderen Tagesablauf anerziehen. Solange ich im Büro bin, dürfen sie mich nicht stören. Aber sobald ich den Telefonhörer aufgelegt habe und aus der Bürotür komme, warten sie auf mich“, erzählt der 38-Jährige. Daran musste er sich gewöhnen. Normalerweise fährt er täglich 45 Minuten zu seiner Arbeitsstelle und zurück. Die Zeit im Auto hatte er bislang zum Umschalten vom Teamleiter zum Familienvater. Jetzt muss der „Papa“ sofort parat sein. „Die Tage sind ganz schön lang, und abends sind wir geschafft“, fasst er zusammen.

Besonders bemerkbar mache es sich, dass die Kinder körperlich nicht immer richtig ausgelastet sind. Die Bewegung in der Schule, der Kita oder beim Spielen mit den Freunden fehlt. „Wenn der Lagerkoller kommt, dann schnappen wir sie uns und gehen raus“, erzählt Niels Rudolf. Ein Spaziergang an der frischen Luft wirkt da manchmal Wunder.

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