Viel verlorene Zeit

Fahrschule im Stau: Nach dem Lockdown muss Fahrlehrer aus Bönen viel abarbeiten

Fahrschule Symbolbild
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Die Fahrschulen dürfen wieder alle Schüler unterrichten. Das Dilemma: Durch den Lockdown ist ein großer Rückstau an Fahrstunden entstanden, der kaum aufzuholen ist.

Theoretisch dürfen die Bönener Fahrschulen wieder Gas geben und volle Fahrt aufnehmen, praktisch hat sich in den langen Wochen des Lockdowns, in dem bis auf Ausnahmen so gut wie nichts lief, ein ziemlicher Stau gebildet.

Bönen - Neben den Fahrschülern, die in Zwangspause geschickt werden mussten, drängen auch neue Kunden nach, die jetzt möglichst schnell ihren Führerschein machen wollen. Das ist gut und zugleich das Problem: Denn alles dauert derzeit länger – auch der Weg zum „Lappen“, der heute allerdings Scheckkartenformat hat.

Einerseits ist der Bönener Fahrschulbetreiber Thomas Kräenfeld sehr froh, dass es jetzt endlich wieder losgeht mit dem Fahrschulbetrieb, andererseits steht er vor einem großen Stau aus Theorie- und Fahrstunden, die sich in den vergangenen Monaten seit Dezember angesammelt haben. Die Stunden müssen nachgeholt werden. „Weil wir ein schlechtes Internet haben, können wir zum Beispiel Theoriestunden nicht online unterrichten. Zwölfmal 90 Minuten Grundunterricht und zweimal 90 Minuten zum Thema Auto sind obligatorisch“, erläutert er. „Hinzu kommen heutzutage durchschnittlich 35 bis 40 Fahrstunden bis zur Prüfungsreife.“

Viele Anfragen per Telefon

Gleichzeitig drängen neue Fahrschüler nach, die möglichst schnell ihren Führerschein machen wollen. „Als wir endlich wieder öffnen durften, da stand das Telefon ab sechs Uhr morgens nicht mehr still“, erzählt der Fahrlehrer, der seit 25 Jahren in der Fahrschule arbeitet, die sein Vater 1978 eröffnete. „Mit drei Leuten haben wir die Anfragen entgegengenommen.“

Fahrlehrer Thomas Kräenfeld kann sich aktuell über fehlende Nachfrage nicht beklagen.

Das sei einerseits ermutigend, weil die Nachfrage da sei – andererseits befindet sich Thomas Kräenfeld in einem Dilemma, das auch seine Bönener Kollegen kennen: „Da sind die Schüler, die schon vor Monaten mit dem Unterricht angefangen haben, dann in die Zwangspause geschickt werden mussten und nun endlich mal ihren Führerschein machen wollen“, erklärt Kräenfeld das Problem. „Weiterhin Stunden nehmen durften nur die Schüler, die schon über die Hälfte ihrer Fahrstunden absolviert hatten, oder wenn es sich um eine berufsbildende Maßnahme handelte – etwa bei Bus- oder Lkw-Führerscheinen. Es war manchmal schwierig, den Kunden zu erklären, warum darf der fahren und ich nicht, wenn sie mich im Schulungswagen auf der Straße sahen.“ Hinzu kam dann noch, dass während der Schneetage Anfang Februar keine Fahrten möglich waren.

Alles eben nicht ganz einfach. „Zumal viele Schüler jetzt monatelang nicht mehr im Auto am Steuer gesessen haben und sich erst mal wieder vertraut machen müssen mit der Materie“, sagt Kräenfeld. Manche müssten vielleicht auch die ein oder andere Stunde wiederholen. Der Lockdown bedeute viel verlorene Zeit für ihn als Fahrlehrer und Selbstständigen, aber auch für die Schüler, zieht Kräenfeld Bilanz.

Zahl der Fahrstunde ist begrenzt

Vor allem geht dieser kleine Virus aber wirtschaftlich an die Substanz: In fünf von zwölf Monaten konnte er nicht arbeiten. Die Kosten liefen aber weiter – bis auf den Kraftstoff, den er einsparte.

Jetzt, nach dem Lockdown, könnte er viel mehr Stunden geben, um den besagten Stau schneller aufzulösen. Das geht aber nicht: „Wir dürfen pro Tag maximal elf mal 45 Minuten unterrichten. Mehr geht nicht.“ Das sei auch gut so, denn irgendwann lasse auch die Konzentration nach. Die Pausen zwischen den Fahrten gehen inzwischen für die Desinfektion der Hauptkontaktflächen im Auto drauf. Die Unterrichtsstunden, die er, sein Mitarbeiter und eine Teilzeitkraft geben können, sind also begrenzt. Jetzt jemanden zusätzlich einzustellen und einen neuen Schulungswagen anzuschaffen – das wirtschaftliche Risiko sei einfach zu groß. „Und wenn die dritte Welle kommt?“ Das wäre eine Katastrophe. Schließlich wartet er immer noch auf die November-/Dezemberhilfe. Da sei noch nichts angekommen. Nutzt aber nichts, jetzt muss er nach vorn schauen. Und wie er betont, ist er froh, dass es jetzt wieder ein Stück Normalität gibt.

Eines sei aber auch klar, anders als normal dauert jetzt alles etwas länger. „Das fängt mit Passfotos, Sehtest, Erste-Hilfe-Kurs und Anträgen an – und endet bei den Prüfterminen beim TÜV. Da braucht man jetzt einfach mehr Geduld.“ Er sagt aber auch, dass er eine zunehmende Coronamüdigkeit spürt und dass die Menschen eben nicht mehr so geduldig sind wie noch im ersten Lockdown. „Da drängeln die ersten schon, dass sie die Fahrstunden aber vor allen anderen erhalten müssten, weil der Führerschein Voraussetzung für ihre neue Ausbildungsstelle sei“, erzählt Thomas Kräenfeld. Es bleibt schwierig.

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