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Denkmalgeschütztes Fachwerkhaus am Kirchplatz wird mit viel Hingabe saniert

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Von: Sabine Pinger

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Altes Fachwerkhaus am Bönener Kirchplatz soll seinen ursprünglichen Charakter wiederbekommen.
Andrea Csellich (Mitte) sowie die Handwerksmeister Christoph Ableiter und Uta Görler wollen das Haus in Bönen mit traditionellen und natürlichen Baustoffen sanieren. Der ursprüngliche Charakter soll dabei wieder hergestellt werden. © Robert Szkudlarek

Liebe kann eine Herausforderung sein. Das stellt auch Andrea Csellich fest. Sie hat sich vor rund zwei Jahren verliebt – in ein Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert. Und sie hat sich der Herausforderung gestellt: Seit knapp eineinhalb Jahren saniert und renoviert die 41-Jährige das Gebäude am Bönener Kirchplatz eigenhändig mit viel Hingabe. Zu tun gibt es reichlich. „Das Haus hat es auf jeden Fall verdient“, sagt die Eigentümerin.

Gesucht hat Andrea Csellich eine neue Wohnung oder ein Haus für sich, den kleinen Sohn und ihre beiden jugendlichen Töchter. Die Drei-Zimmer-Wohnung in Unna wurde für die Familie zu klein. Vor allem sollten die beiden Mädchen jeweils eigene Zimmer bekommen. Fast sechs Jahre lang hat die dreifache Mutter gesucht, bis sie 2019 endlich das Richtige für sich fand: das Haus gegenüber der Alten Kirche in Bönen. Es muss aber wohl tatsächlich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gewesen sein, denn der Zustand des Fachwerkbaus war alles andere als anheimelnd. Immerhin stand es drei Jahre lang leer, davor war jahrzehntelang kaum etwas daran gemacht worden.

Die Substanz war jedoch noch in Ordnung, wie Andrea Csellich herausfand. Die Heizungsanlage relativ neu, das Dach noch „gut in Schuss“. „Ich habe ein Jahr gebraucht, um es zu kaufen“, erzählt sie. Bevor sie den Vertrag unterschrieb, schickte sie Gutachter durch und die neun Zimmer, lud Mitarbeiter des Denkmalamtes ein und erkundigte sich nach den Auflagen. Das Haus, das eines der ältesten in Bönen ist, steht unter Denkmalschutz. „Die Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde in Münster und Unteren Denkmalbehörde bei der Gemeinde klappt aber wunderbar“, ist die Hausbesitzerin dankbar für die gute Unterstützung.

Jede Menge Arbeit

Sie schlug zu und begann im April vergangenen Jahres mit der Sanierung. „Alles, was ich machen kann, mache ich selbst“, sagt die Bauherrin. Und das ist offenbar eine ganze Menge: Von den groben Arbeiten wie Wände herausschlagen, Fliesen und Bodenbeläge entfernen und Bauschutt schleppen bis hin zum Verputzen der Innenwände und dem Abschleifen der alten Holzfenster erledigt Andrea Csellich alles allein. Die Elektrik, die noch aus den 1950er Jahren stammte, musste komplett erneuert, ebenso etliche Bodendielen, und der Kamin musste wieder instandgesetzt werden. Die Balken der Innenwände waren ebenfalls in keinem guten Zustand. Sie wurden größtenteils ausgetauscht und verkleidet. Gedämmt hat Andrea Csellich die Wände umweltfreundlich mit Schafwolle, die sie von einem Schäfer bekommen hat.

Das Esszimmer im Fachwerkhaus von Andrea Csellich in Bönen ist bereits renoviert.
In der guten Stube: Das Esszimmer ist bereits fertig. Andrea Csellich hat dort den Boden einen halben Meter tiefer gelegt. © Robert Szkudlarek

Eine handwerkliche Ausbildung hat die Neu-Bönenerin dabei nicht. Sie ist Buchhalterin. Dafür aber zwei geschickte Hände, eine Menge Kreativität und den festen Willen, die Aufgaben zu stemmen. Vieles, was sie in den vergangenen Monaten gemacht hat, hat sie sich selbst beigebracht und einfach ausprobiert. Bei einigen Arbeiten hat sie hingegen Helfer, und auch ihre beiden Töchter packen fleißig mit an.

Im Esszimmer etwa hat sie den Fußboden einen halben Meter tiefer gelegt und mit Klinkersteinen belegt. „Man hat sich sonst immer den Kopf gestoßen“, beschreibt sie und lacht. Das Haus hat eben seinen eigenen Charme. Die niedrigen Decken, verwinkelte Räume und unterschiedliche Ebenen sind typisch für so alte Bauwerke. Das muss man mögen.

Zudem hat das Haus offenbar einiges erlebt. „Einige Balken waren ganz schwarz. Es muss hier also mal gebrannt haben“, erzählt die Besitzerin. Außerdem scheint sich das Haus im Laufe der Jahrhunderte „gedreht“ zu haben, das Holz hat mächtig gearbeitet. Einige Wände und Stürze sind ziemlich schief.

Die Grundsubstanz ist hingegen erstaunlich solide. „Man merkt, dass es alt ist, damals aber gut gebaut wurde“, fasst Uta Görler zusammen. „Die dicken Holzbalken weisen daraufhin, dass es von reichen Leuten errichtet wurde.“ Die Zimmerermeisterin und Lehmbauerin kennt sich mit historischen Gebäuden aus. Sie hat bereits einige Fachwerkhäuser, Kapellen und kleine Kirchen saniert. Jetzt arbeitet sie gerade an der Fassade des Hauses von Andrea Csellich, gemeinsam mit ihrem Kollegen Christoph Ableiter.

Zwei Fachleute aus Fröndenberg am Werk

Die beiden Experten haben ihre jeweiligen Betriebe in Fröndenberg, die Mitarbeiter der Denkmalbehörde hat sie der Bauherrin empfohlen. „Wir tauschen kaputte Teile aus, wie etwa die Schwelle. Die war von Fäulnis und Wurm zerfressen“, schildert Christoph Ableiter. An der Fassade zur Witheborgstraße hin mussten ebenfalls Fachwerkbalken erneuert werden. Uta Görler mauerte die Gefache nun mit Lehmziegeln aus. Früher wurden in die Felder Weidenmatten eingelegt und dann ein Stroh-Lehmgemisch aufgebracht. „Die Ziegel sind aber wirtschaftlicher“, weiß Ableiter. Viel schneller werden die Gefache damit geschlossen und schützen dann vor Wind und Wetter. Sie bestehen aber ebenfalls aus Lehm und Stroh sowie Sand. „Man nennt das abmagern. Der Lehm alleine würde beim Trocknen sonst brüchig werden“, erklärt der Zimmerermeister.

Dass bei der Sanierung die ursprünglichen Baustoffe verwendet werden, ist nicht nur Auflage des Denkmalamtes, sondern gleichfalls ein Anliegen von Andrea Csellich. „Ich möchte es so natürlich und ursprünglich wie es nur geht wiederherstellen“, sagt sie. Die 41-Jährige will zudem so wenig Chemie wie möglich in und an ihren eigenen vier Wänden haben. Innen verwendet sie deshalb vor allem Kalkanstriche für die Wände, Holz für die Böden. Tapeten, Laminat oder Lacke kommen für sie nicht infrage.

Für die Außenwände sind die Fachleute aus Fröndenberg zuständig, und die sind der gleichen Ansicht: Zur Sanierung soll möglichst nur natürliches Material verwendet werden, wie es schon zur Bauzeit des Hauses der Fall war. „Lehm hat den Vorteil, dass es die Feuchtigkeit aufnimmt. Das schützt das Holz“, kennt Christoph Ableiter einen großen Vorteil des Naturproduktes. Uta Görler nutzt ihn daher inzwischen auch bei Neubauten. Ihr Herz schlägt ähnlich wie bei Ableiter und Czellich für alte Häuser. „Für mich hat jedes eine Geschichte, die es lohnt, sie der Nachwelt zu zeigen“, so Ableiter. Gleichzeitig schone eine Sanierung Ressourcen, Altes werde weiter genutzt. Das ist nachhaltiger als ein Neubau.

Gute Substanz weist auf reiche Bauherren hin

Das Haus am Kirchplatz sei vermutlich ein sogenanntes Ackerbürgerhaus, vermutet der erfahrene Handwerker. „Darauf deutet der Deelenbogen hin, den man noch erkennen kann“, zeigt er auf die gebogenen Balken über der heutigen „Gartentür“ zur Witheborgstraße. „Da sind die Leute früher mit dem Wagen rein.“ Die gute Bausubstanz, die Größe von rund 180 Quadratmetern und die Nähe zur Alten Kirche wiesen des Weiteren daraufhin, dass an dieser Stelle eher vermögende Menschen ihr Heim errichtet haben. „Da durfte nicht jeder bauen“, kennt Ableiter alte Traditionen.

Uta Görler stimmt ihm und vor allem der Eigentümerin zu, dass es sich unbedingt lohnt, das Haus zu renovieren. „Es ist einfach schön, das zu erhalten, was schon 200, 300 Jahre alt ist und so wieder herzustellen, dass es vielleicht noch mal 200 Jahre halten kann“, sagt sie.

Da kommt es auf die drei, vier Jahre nicht an, die es noch dauern wird, bis das Haus komplett saniert ist. Die Außenwände sollen mindestens zwei, drei Heizperioden trocknen, bevor sie verputzt und weiß gestrichen werden können. „Sonst gibt es Risse“, erläutert Andrea Csellich.

Sobald die Handwerker ihre Arbeit an der Außenfassade fürs Erste abgeschlossen haben, will sie die Wände von innen bearbeiten, damit ihr neues Heim im Winter warm und dicht ist. „Ich habe ja sonst keine Hobbys“, sagt sie und lacht erneut ihr ansteckendes Lachen. Die Arbeit scheut sie jedenfalls nicht. Und sie weiß, wofür sie so viel Zeit, Kraft und Geld opfert. „Das ist mein Zuhause. Ich fühle mich hier richtig wohl, die Gegend ist wunderschön und wir haben genug Platz für alle – vor allem für die Kinder.“

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