Alternativangebot in den Evangelischen Kirchen

Besinnliche Rundgänge statt Gottesdienst am Heiligabend

Kleine Krippen aus Pappe auf dem Tisch durften die Besucher bei ihrem Rundgang im Bodelschwingh-Haus mitnehmen.
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Kleine Krippen aus Pappe durften die Besucher bei ihrem Rundgang im Bodelschwingh-Haus mit nach Hause nehmen.

Bönen – Der Schock saß tief, als Pfarrerin Susanne Krämer-Puzicha sowie die Pfarrer Detlef Belter, Thomas Melloh und Joachim Zierke in der Woche vor Weihnachten erfuhren, dass es an den Festtagen keine Präsenzgottesdienste geben würde. Doch gänzlich auf ein Angebot in diesen schweren Zeiten wollten die evangelischen Geistlichen nicht verzichten. An Heiligabend öffneten sie die Kirchen und Gemeindehäuser für bestimmte Zeitfenster und führten die Besucher auf besinnliche Rundwege.

Es war ruhig vor dem Bodelschwingh-Haus am Nachmittag des Heiligen Abends. Es parkten kaum Autos an der Straße vor dem Eingang, mit großen zeitlichen Abständen betraten immer mal wieder vereinzelte Menschen das Gemeindehaus. Kein Vergleich zu dem Treiben, das in all den vorherigen Jahren zu verschiedenen Zeiten an Heiligabend auf dem Gelände herrschte.

Beim Eintreten erinnerte die Besucher noch vieles an die derzeitige Pandemie. Bänder trennten den Ein- und Ausgang voneinander, Schilder machten auf die Maskenpflicht aufmerksam, ein Spender mit Desinfektionsmittel stand für die Hände bereit. Doch kaum betraten die Gemeindemitglieder den Hauptraum, öffnete sich ihnen eine andere Welt. Für wenige Momente galt es, sich der besinnlichen Atmosphäre hinzugeben, zur Ruhe zu kommen, den Alltagsstress und die Ängste, die in diesem Jahr bei vielen Menschen einen so großen Platz einnahmen, kurz loszulassen.

Pfarrer Tomas Melloh begrüßt eine Besucherin im Bodelschwingh-Haus

„Wir haben einen kleinen Rundgang aufgebaut“, erklärt Pfarrer Thomas Melloh, der die Gemeindemitglieder begrüßte und mit ihnen das Gespräch suchte. „Die Besucher gehen in eine Richtung und entdecken mehrere Stationen.“ So standen direkt neben dem Eingang unzählige kleine Pappkrippen bereit, davor lagen kleine Broschüren mit Weihnachtsliedtexten, der Weihnachtsgeschichte und eine Bildbetrachtung. „Die Gemeindemitglieder sind eingeladen, die Krippen und Broschüren mit nach Hause zu nehmen“, erzählt Thomas Melloh.

Am Ende waren das nicht die einzigen Sachen, die die Besucher des Bodelschwingh-Hauses in Händen hielten. Am Ende des Rundgangs brannte eine große Kerze, davor ein Zettel mit der Aufschrift „Licht von Bethlehem“. Kleinere Kerzen auf dem Tisch luden dazu ein, sie mit dem heiligen Feuer zu entzünden und mit nach Hause zu nehmen.

Einzelne Stühle in der Mitte des Raumes, mit großen Abständen zueinander aufgestellt, luden ein, umringt von mehreren Krippen und Lichtern Ruhe zu finden. Im Hintergrund waren Weihnachtslieder zu hören. Immer wieder betrat Diakon Dirk Bennemann die Kanzel, um aus der Weihnachtsgeschichte zu lesen.

Pfarrer Detlef Belter begrüßte Gemeindemitglieder im Bonhoeffer-Haus in Nordbögge.

„Die Gemeindemitglieder sind sehr dankbar für dieses Alternativangebot“, erzählt Thomas Melloh, der von den Besuchern viel positives Feedback bekam. „Viele bedrückt es sehr, dass kein traditioneller Gottesdienst möglich ist. Aber sie versuchen, bei uns soweit es geht zur Ruhe zu kommen.“ Geöffnet war das Gemeindehaus von 14 bis 18 Uhr und noch einmal von 22 bis 23 Uhr. „Wir haben die Zeitfenster bewusst so lang ausgewählt, damit nicht zu viele Menschen auf einmal erscheinen“, informiert Melloh.

Die gleichen Zeiten galten auch für die Alte Kirche, in der Pfarrerin Susanne Krämer-Puzicha die Menschen in Empfang nahm, für die Evangelische Kirche Flierich mit Pfarrer Joachim Zierke sowie für das Bonhoeffer-Haus mit Pfarrer Detlef Belter. Gerade in dem Haus in Nordbögge musste im Vorfeld für die Aktion noch einiges vorbereitet werden. „Eine Öffnung des Bonhoeffer-Hauses war ja unter normalen Umständen gar nicht vorgesehen“, erzählt Belter. „Unsere Küsterin Manuela Kosch-Standop hat in den vergangenen Tagen noch alles in die Wege geleitet und dekoriert.“

Besucher entzünden Kerzen im Bonhoeffer-Haus in Nordbögge.

Ähnlich wie im Bodelschwingh-Haus begaben sich die Besucher auch hier auf einen kleinen Rundgang, konnten eine kleine Krippe und das Licht von Bethlehem mit in die eigenen vier Wände nehmen. Dazu kam das Angebot, auf kleine Sterne seine Sorgen zu schreiben und sie in dem Gemeindehaus aufzuhängen. Organist Gerrit Heermann spielte von Zeit zu Zeit auf der Orgel weihnachtliche Stücke.

Organist Gerrit Heermann sorgte für weihnachtliche Stimmung im Bonhoeffer Haus.

Wer wollte, konnte im Anschluss an die Runde im Gemeindehaus noch einen Spaziergang durch Nordbögge machen. In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Hörde entstand in dem Ort ein kleiner Rundweg.

So lassen sich am Bonhoeffer-Haus und an sieben weiteren Stationen verteilt in ganz Nordbögge mehrere QR-Codes entdecken. Werden diese gescannt, erscheinen auf dem Smartphone-Display beispielsweise Ausschnitte der Weihnachtsgeschichte oder es ertönen Weihnachtslieder.

Pfarrer Detlef Belter ist sichtbar glücklich über das gebotene Alternativangebot. Doch er gibt auch zu: „Für mich ist es gerade sehr schwierig, an den Weihnachtstagen keinen Gottesdienst zu feiern, nicht predigen zu können.“

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