„Da geht noch mehr“:

Der Bönener Klimatologe Dr. Gerrit Heil hält EU-Klimaziele für unambitioniert

In Nordbögge erzeugen Windkrafträder Energie
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Energie aus Wind und Sonne zu gewinnen, ist heute vielerorts schon billiger als aus fossilen Brennstoffen.

Bönen – Es war ein zähes Ringen. Am Ende haben sich das Europäische Parlament und die Mitgliedsstaaten jetzt geeinigt: Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß in der EU um 55 Prozent unter den Wert von 1990 gesenkt werden. 20 Jahre später sollen die EU-Länder dann sogar klimaneutral sein. In Deutschland wird nun darüber gestritten, ob dieses Ziel „ambitioniert“ ist, wie die CDU es nennt, oder lediglich ein enttäuschender „Rechentrick“, wie die Grünen kritisieren. Eines steht jedoch fest: Um es zu erreichen, müssen alle an einem Strang ziehen – die Menschen in der Gemeinde eingeschlossen. Der Bönener Klimatologe Dr. Gerrit Heil weiß, wo es anzupacken gilt.

„Weniger und bewusster“: Das sind für ihn zwei Vokabel, die für den Klimaschutz wichtig sind. Gemeint ist damit beispielsweise weniger Autofahren und bewusster einkaufen. Wer sein Auto stehen lässt und stattdessen zu Fuß geht, mit dem Rad fährt oder den öffentlichen Nahverkehr nutzt, trägt dazu bei, die schädlichen Gase zu senken. Und die beiden ersten Varianten kosten dazu nichts und sparen sogar Geld. „Wir haben unser zweites Auto abgeschafft und dafür zwei E-Bikes und ein E-Mofa angeschafft“, erzählt der Wissenschaftler. Er räumt aber ein: „Das muss man können.“ Nicht jeder habe die Mittel dazu oder könne auf den Pkw verzichten. Ähnliches gelte für den Beruf: Erlaubt der Arbeitgeber das Homeoffice, wenn auch nur ein-, zweimal pro Woche, fällt der Arbeitsweg weg und der CO2-Ausstoß wird reduziert.

Beim Einkaufen kann gleichfalls jeder das Klima schützen: Wer weniger Fleisch isst oder auf biologisch-nachhaltig produzierte Lebensmittel achtet, hat schon etwas für die Atmosphäre getan. Bei anderen Konsumgütern lohnt es sich wiederum, genauer hinzuschauen. „Ich zitiere gerne, was meine Oma immer gesagt hat: Kauf nicht billig, sonst kaufst du zweimal“, sagt Gerrit Heil. Lieber für gute Qualität mehr Geld ausgeben und dafür länger etwas davon haben – das zahlt sich am Ende nicht nur für das Klima aus.

Einfache Dinge, die etwas bewirken

„Todsünden“ für den Klimaschutz sind dagegen seiner Ansicht nach Kreuzfahrten und unnötige Flugreisen. Zwar gibt es Organisationen, die anbieten, für einen bestimmten Betrag Treibhausgasemissionen von Flugreisen, Fernbusfahrten, Hotelübernachtungen oder Ähnlichem mit Klimaschutzprojekten zu kompensieren, doch ließe sich dadurch kein 1:1-Ausgleich erreichen. „Das CO2 in der Luft, das beim Fliegen entsteht, hat eine andere Wirkung als am Boden“, erklärt der Experte. Grundsätzlich sei es aber dennoch sinnvoller, an eine solche Organisation zu spenden, als gar nichts zu tun.

Oft sind es aber ganz einfache Dinge, mit denen sich etwas bewirken lässt – regionales und unverpacktes Gemüse kaufen etwa, mal das Schnitzel weglassen oder die Kinder zu Fuß aus der Kita abholen. „Und dann gibt es noch ein paar Große“, so Gerrit Heil. Für den Bönener, der sich als Grünen-Abgeordneter im Kreistag engagiert, ist der aktuelle EU-Beschluss unambitioniert, wie er sagt. „Da ist viel mehr möglich.“ Und deshalb sei es auch ohne Weiteres machbar, dieses Ziel einzuhalten.

Fünf Sektoren nennt der Wissenschaftler, die dafür eine bedeutende Rolle spielen. „Der Erste ist die Energie, die Stromerzeugung“, so Heil. Strom aus Sonne und Wind sei heute schon an vielen Standorten günstiger zu produzieren als aus fossilen Brennstoffen, sogar günstiger als aus der billigsten Braunkohle. „Da ist jetzt nur die Frage: Will ich das?“, stellt er fest. Gefragt ist die Politik.

Dr. Gerrit Heil hat Geologie, Geochemie und Klimatologie studiert und beschäftigt sich seit Langem mit den Auswirkungen des Klimawandels.

Der zweite Sektor, nämlich die Industrie, sei sehr einfach zu beeinflussen: Sie produziert das, was der Markt möchte. „Wenn die Politik und die Konsumenten sagen, sie möchten ein CO2-freies Produkt, dann liefert die Industrie“, ist Heil überzeugt. Als Beispiel nennt er das Elektroauto, das in den vergangenen Jahren in immer größeren Stückzahlen vom Band rollt. Wichtig sei, dass die Verantwortlichen in Deutschland, in der EU und natürlich darüberhinaus weltweit dafür die Rahmenbedingungen schaffen.

Deutlich schwieriger auf Klimaschutzkurs zu bringen, ist laut Heil der Bereich Wohnen. Dort werde bisher viel zuviel Kohlenstoffdioxid „rausgehauen“. „Und da wird es schwer, das auf den Stand zu bringen“, gibt der Experte zu bedenken. Schließlich werden nicht alle zehn Jahre neue Häuser nach aktuellem Klimaschutzstandard gebaut. Bei älteren Gebäuden hilft nur die Modernisierung: die alte Heizung gegen eine neue, CO2-ärmere auszutauschen beispielsweise oder das Haus besser zu dämmen. Eine Solaranlage auf dem Dach ist wünschenswert – auf möglichst vielen Dächern.

All das kostet jedoch Geld. „Das muss vorhanden sein oder die Bereitschaft, dafür einen Kredit aufzunehmen“, so der Bönener. Zwar gebe es für vieles Fördermittel, doch sei das Beatragen oft zu kompliziert, die Zuwendungen dagegen häufig gering. „Da könnte auf jeden Fall mehr gemacht werden“, sieht er dabei ebenfalls die Politik in der Pflicht.

Bewusster und nachhaltiger einkaufen

Es gibt indes Schrauben, an denen alle drehen können, nämlich beim Konsum. „Es gibt zwei Hebel, an denen sich ansetzen lässt. Zum einen bei der Industrie, wie schon gesagt. Zum anderen bei den Konsumenten. Wird weniger gekauft, wird auch weniger produziert“, so der Fachmann. Andersherum: „Doppelt so viele Produkte produzieren doppelt so viel CO2.“

Früher hätten Waschmaschinen zum Beispiel 20 Jahre und länger gehalten, heute hätten sie „Sollzeiten“: Sie sollen möglichst schnell kaputt gehen, damit der Kunde sich ein neues Modell zulegt. Würden die Hersteller ihre Waren klimafreundlich oder gar klimaneutral herstellen würden, fiele das zumindest fürs Klima nicht so stark ins Gewicht. Sinnvoller – insbesondere für die Käufer – wäre es zweifelsohne, die Lebensdauer der Geräte würde verlängert.

Als fünften, großen Baustein nennt Heil die Landwirtschaft. „Wir haben in der EU eine maschinelle Landwirtschaft. Das sind im Prinzip Fabriken“, sagt er. Besser sei eine naturnahe Landwirtschaft. „Wo viel wächst und viel stehen gelassen wird, kann sich Humus bilden. Und der wirkt sogar als CO2-Senker.“ In der Steppe Argentiniens oder Amerikas sei dies zu beobachten. „In Deutschland gibt es das aber nicht“, weiß Heil. In der Landwirtschaft etwas zu ändern, gehe aber nicht von heute auf morgen. Das brauche Zeit und die Landwirte Unterstützung.

Insgesamt ist also viel Luft nach oben. „Es ist deutlich mehr zu erreichen, als jetzt in der EU vereinbart wurde. Aber man muss es planen. Es nützt ja nichts, wenn wir in zwei Jahren das Klimaziel erreichen, der Staat aber pleite ist“, sagt der Klimatologe.

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