Interview mit Schweinemäster aus Bönen

„Es muss über den Preis gehen“: Das bedeuten die Aldi-Pläne für die Landwirtschaft

Schweine
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Der Discounter Aldi hat angekündigt, bis 2030 nur noch Fleisch von Tieren zu verkaufen, die mehr Platz haben und möglichst frische Luft. (Symbolfoto)

 Den Tieren soll es besser gehen, bevor sie zu Schnitzel, Braten und Co. verarbeitet werden. Das wollen nicht nur Tierschützer, sondern auch der Discounter Aldi will ab 2030 nur noch Fleisch aus den oberen Haltungsformen anbieten. Die Produzenten unterstützen mehr Tierwohl durchaus. Es muss aber bezahlt werden, sagt der Schweinmäster Christian Möllmann.

Bönen – Es ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt, laut Statistik-Portal Statista um durchschnittlich fast vier Kilogramm pro Kopf innerhalb von fünf Jahren. Grund für Einschränkung und gar kompletten Verzicht ist bei vielen der Tier- und Klimaschutzgedanke.

Der Discounter Aldi hat jetzt darauf reagiert und verspricht, bis zum Jahr 2030 stufenweise den Verkauf von Fleisch aus den unteren Haltungsformen einzustellen und nur noch Produkte aus den beiden oberen anzubieten. Was das für die Produzenten bedeutet, darüber hat der Schweinemäster und Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Bönen, Christian Möllmann mit WA-Redakteurin Sabine Pinger gesprochen.

Christian Möllmann hat einen Schweinemastbetrieb in Bönen und ist Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins.
Herr Möllmann, der Deutsche Tierschutzbund und die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüßen den Vorstoß von Aldi. Sie auch?
Wenn die Gesellschaft möchte, dass die Tierhaltung verändert wird, ist das gut. Dann stellen wir uns darauf ein. Ich persönlich kann mir vorstellen, alles mitzugehen, wenn die Gesellschaft nicht will, dass ich so produziere, wie ich es jetzt tue. Aber neben dem Tierwohl muss das auch wirtschaftlich darstellbar sein. Das Gesamtpaket muss für alle Beteiligten passen. Dann ist das kein Problem.
Gibt es dazu schon Ideen oder konkrete Vorschläge?
Es gibt die Kommission rund um Jochen Borchert (CDU), den sogenannten Borchert-Plan. Es geht darin um die künftige Entwicklung der Nutztierhaltung, um mögliche Strategien. Dabei kommt klar heraus, dass der gesellschaftliche Wille da ist und das es machbar ist, in den verschiedensten Stufen Fleisch zu produzieren. Auf der anderen Seite wird aber auch deutlich, dass wir da ein Finanzierungsproblem haben.
Wo sehen Sie das Problem?
Die zusätzliche Leistung, die dafür erbracht wird, die Haltungsbedingungen zum Wohl der Tiere zu verändern, muss bezahlt werden. Das muss über den Preis gehen, sonst funktioniert das Spiel nicht. Die Mehrleistung, die Landwirtschaft an dieser Stelle erbringt, muss von der Gesellschaft ausgeglichen werden. Ich kann nicht zusätzliche Leistungen für das gleiche Geld erbringen.
Glauben Sie nicht, dass die Verbraucher bereit sind, den höheren Preis zu bezahlen?
Die Diskrepanz zwischen dem aktuellen Kaufverhalten der Leute und dem ‘Klappe aufreißen’, was man sich denn so vorstellen könnte, liegt so weit auseinander, das passt einfach nicht zusammen. Und dann kommen Probleme hinzu. Wie kriegen wir den Ferkelerzeuger mit ins Boot, den Muttertierhalter und den Ferkelaufzüchter? Die verkaufen ja kein Fleisch, das macht der Schweinmäster. Und wenn es rein über den Preis geht, würde der Ferkelerzeuger hinten rüber fallen. Das kann nicht sein. Die Gesamtkette muss betrachtet werden.
Glauben Sie, dass die Fachleute das im Blick haben?
Es gibt noch viele offene Baustellen. Man arbeitet dran. Ich glaube aber, dass wir auf einem, für alle Seiten erträglichen Weg sind. Die Landwirtschaft ist in der Breite bereit, diesen Weg mitzugehen – unter der Vorgabe, dass das wirtschaftlich darstellbar ist. Wir können nicht Lebenshaltungskosten am unteren Ende der Skala in Europa haben und auf der anderen Seite die Standards immer höherschrauben. Sobald das im Einklang ist, sind viele Dinge machbar. Aber es gibt offene Fragen. Und jetzt kommt Aldi ins Spiel und verkündet, ab 2030 nur noch Fleisch aus den Haltungsstufen drei und vier verkaufen zu wollen. Im Moment findet noch ganz viel eine Stufe über dem gesetzlichen Standard statt. Da wird den Tieren etwas mehr Platz angeboten, Raufutter, organisches Beschäftigungsmaterial und solche Dinge.
Geld ist das eine, die Betriebe müssten aber auch darüber hinaus den Anspruch an das Tierwohl umsetzen. Ist das überall gegeben?
Das ist die andere große Problematik: das Baurecht in Deutschland. Landwirtschaftliche Betriebe sind in der Regel im Außenbereich angesiedelt. Und wenn mein konventioneller Stall in den Stall der Zukunft umgekrempelt werden soll und ich einen Stroh- oder Außenklimareizbereich anbauen müsste, muss das geregelt werden. Nicht überall ist das zurzeit möglich. Für solche gesellschaftlich gewollten Dinge müssen dann auch Baugenehmigungen erteilt werden. Tierhaltung ist mit Immissionen verbunden. Was passiert damit? Der klassische, moderne Schweinestall ist in dieser Hinsicht relativ unproblematisch. Wenn wir aber anfangen, Wände herauszureißen und Mist anzuschleppen, dann kann das richtig stinken. Das sind Probleme, die noch gar nicht richtig angesprochen wurden. Nichtsdestotrotz definiert Aldi jetzt Ziele, die aus landwirtschaftlicher Sicht nicht so schnell zu realisieren sind.
Ist die Ankündigung überambitioniert?
Der Weg dahin ist relativ weit. Umso sportlicher ist es, dass Aldi damit vorankommt, das so schnell umsetzen zu wollen. Natürlich liegt es in der Hand einer Handelskette, Ziele zu definieren. Aber ein bisschen drängt sich schon der Gedanke auf, dass man damit aktuell Marktanteile erhaschen will.
Eine reine Marketingstrategie also?
Sie erinnern sich daran, dass vor ein paar Jahren die Bauern vor Lidl gestanden haben wegen des Preisverfalls bei der Milch? Lidl hat danach eine Zeit lang die Milchprodukte teurer gemacht. Nach vier oder sechs Wochen wurde zurückgerudert, weil angeblich Marktanteile verloren gegangen und diese Umsatzrückgänge nicht zu ertragen gewesen wären.
Ist angesichts der wachsenden Forderungen nach mehr Tier- und Klimaschutz nicht ein zügiger Wandel erforderlich?
Noch sind wir einfach nicht soweit. Der gesellschaftliche Konsens ist nicht da. Und es gibt nach wie vor deutliche Probleme. Das sieht auch der Landwirtschaftsverband so. Wir brauchen Zeit und kümmern uns darum.
Aldi will das Sortiment ja stufenweise innerhalb von neun Jahren umstellen. Reicht diese Zeit nicht aus, um sich betrieblich umzustellen?
Das ist ein holdes Ziel. Aber bis dahin muss einiges passieren. Was ist mit dem Kohleausstieg, der CO2-Reduzierung, den Elektroautos? Da gibt es Laufzeiten ohne Ende. Die Landwirtschaft braucht ebenso Zeit. Ein Stall bezahlt sich schließlich nicht von jetzt auf gleich. Wenn wir bei einem Fußballspiel in der Halbzeit die Regeln ändern, kommt das dem ziemlich gleich. Wir sind einfach noch nicht so weit.
Die Borchert-Kommission hat Vorschläge dazu gemacht, wie sich der Umbau finanzieren lässt, etwa durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf tierische Produkte oder einer mengenbezogenen Verbrauchssteuer. Wäre das sinnvoll?
Ich bezweifle, dass wir es als Gesellschaft gut finden, wenn der Staat regulierend in einen Markt eingreift, wenn er Hilfen bereitstellt, damit Ställe umgebaut werden. Und können wir uns das erlauben?
Also muss der Fleischpreis steigen, um dem Anspruch zum Beispiel von Aldi gerecht zu werden?
Ja, es muss über den Preis gehen. Der Verbraucher muss sich daran gewöhnen, dass die Preise stufenweise steigen. Ich bin kein Freund davon, dass der Staat mir Geld zuschiebt, damit ich meine Ställe umbauen kann. Für solche Subventionen muss ich mich in fünf Jahren vor der Gesellschaft rechtfertigen und mir vorwerfen lassen, dass ich Steuergelder verprasst habe. Den Deckel muss der Verbraucher zahlen: Wer viel Fleisch isst, zahlt mehr, wer weniger isst, weniger.
Inzwischen verzichten viele Menschen auf Fleisch oder gar tierische Produkte. „Veggie“ ist Trend, wie viele Studien belegen. Und oft steckt der Tierschutzgedanke dahinter. Wie kommt das bei Ihnen an?
Das ist vom Grundsatz her in Ordnung. Und wenn der Markt sich an dieser Stelle verändert, merken wir das auch an unseren Zahlen. Fleischkonsum, gerade Schweinefleisch, ist rückläufig. Wenn die Leute tatsächlich weniger Fleisch kaufen, führt das sicherlich zu einem Wandel. Und natürlich habe ich Verständnis dafür, wenn die Verbraucher sagen: So wie in Deutschland, in Westfalen oder auch in Bönen Tiere gehalten werden, das wollen wir nicht. Der Wille ist nachvollziehbar, aber wenn sie etwas anderes wollen, dann muss das in irgendeiner Weise wirtschaftlich sein. Noch ist es aber so, dass die Menschen nach Veränderungen schreien, ihr Portemonnaie aber streng geschlossen halten.
Wie kann verhindert werden, dass die Landwirte dabei auf der Strecke bleiben?
Das ist die dritte Variante. Die erste ist, dass der Staat uns helfend unter die Arme greift. Die zweite Variante wäre, dass wir das rein über den Preis regeln. Das wollen die Leute aber nicht. Ketzerisch gesagt: ,Ich fliege lieber zweimal pro Jahr nach Malle, als einmal mehr für das Stück Fleisch zu bezahlen.‘ Das Dritte ist tatsächlich, dass wir auf gutem Wege sind, heimische Landwirtschaft zu ruinieren. Wir schweben in einer Planungsunsicherheit. Dadurch verlieren wir Marktanteile innerhalb Europas. Das tut der heimischen Landwirtschaft nicht gut.
Ist sie demnach gezwungen, sich umzustellen?
Sich zu verändern ist das eine, sich von den Entwicklungen anderer Länder abzukoppeln ist andererseits schwierig. Wir laufen Gefahr, in einen Investitionsstau zu kommen. Die Betriebe sind verhalten, weil keiner weiß, was kommt. Wenn ein Landwirt 20 Jahre kalkuliert, um einen neuen Stall abzuschreiben, da lächelt beispielsweise ein Chemieunternehmen drüber. Wenn das Abschreibungen von 20 Jahren hätte, würden es das nicht tun, weil es unwirtschaftlich ist. Für solche Unternehmen muss ein Objekt nach sechs bis acht Jahren abgeschrieben sein, damit es Geld verdient. Bei Landwirten herrscht hingegen noch ein Generationendenken.
Und wie ist das bei Ihnen, bei den Fleischproduzenten, mit dem Geldverdienen?
Aktuell ist die Situation auf dem Schweinemarkt aus den verschiedenen Gründen mehr als bescheiden. Das Futter ist sehr teuer, Ferkel sind ebenfalls relativ teuer. Die Afrikanische Schweinepest hat dazu geführt, dass wir nicht nach China exportieren dürfen. Bekannterweise isst der Mitteleuropäer aber keine Pfoten, Ohrmuscheln und Ähnliches, sodass Erlösminderungen da sind. Innerhalb Europas werden die wertvollen Teilstücke, die wir essen, hin und her geschoben. Der Markt ist im Moment schwierig. Ich würde fast behaupten, meine laufenden Kosten bekomme ich gedeckt, aber einen neuen Stall im Moment nicht bezahlt.
Wie viel verdienen die Mastbetriebe zurzeit mit Schweinefleisch?
Der Vereinigungspreis, der von der Erzeugergemeinschaften im Vieh- und Fleischbereich ermittelt und wöchentlich veröffentlicht wird, liegt in der laufenden Woche bei 1,48 Euro pro Kilogramm. Bei einem Schwein mit 95 Kilogramm Schlachtgewicht plus Steuern und solche Dinge, bekommt der Bauer also 148 Euro für das Schwein. 75 Euro hat das Ferkel gekostet, als er es übernommen hat, und unter den aktuellen Preisen sind die Futterkosten auch schnell bei 75 Euro. Und meine Arbeit ist damit noch nicht entlohnt, ich habe keinen Strom gekauft und kein Wasser. Natürlich haben die Schlachtunternehmen aber die Möglichkeit, sich von diesem Preis abzukoppeln und weniger zu bezahlen.
Rechnet sich das für Sie?
Spätestens wenn ich meine Festkosten bezahlen muss – und einen Gewinnanspruch habe ich ja auch – ist die Nummer tiefrot. Dann habe ich für lau gearbeitet.
Lohnt es sich da überhaupt noch, Schweinemast zu betreiben?
Das ist die letzte Konsequenz: Wenn die Forderungen immer höher werden, überlegt sich sicher der eine oder andere Landwirt, komplett aufzuhören und aus der Produktion auszusteigen.
Oder er muss etwas verändern...
Wenn man die vergangenen 20 Jahre in der modernen Tierhaltung betrachtet, haben wir uns deutlich zum Positiven entwickelt. Alles was wir tun, hat nicht nur zu einer biologischen Leistungssteigerung geführt, sondern auch zu einer deutlichen Reduktion von Tierarzneimitteln. Und ich bin der festen Überzeugung, dass die dynamischen Jungbauern den Weg zu mehr Tierwohl mitgehen werden. Aber der Anspruch auf das Geldverdienen, auf Wirtschaftlichkeit, muss eben da sein. Irgendwie kriegen wir das gerockt, alle miteinander. Aber wenn Einzelne meinen, sie könnten vorpreschen, funktioniert das nicht.

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