Erziehermangel trifft auch Bönener Kitas

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Sandra Weniger von der DRK-Kita Puzzlekiste wartet dringend auf neue Kollegen. Zwei Stellen sind in ihrer Einrichtung derzeit unbesetzt.

Bönen - Noch in diesem Jahr soll – zunächst provisorisch im ehemaligen Container-Rathaus – eine neue Kindertageseinrichtung unter der Trägerschaft der Awo in Bönen eingerichtet werden. Damit reagieren die Gemeinde und der Kreis auf den wachsenden Bedarf an Betreuungsplätzen im Ort. Der Ausbau der Kita-Plätze geht also voran. Doch finden die Einrichtungen ausreichend Fachkräfte? Der landesweite Erziehermangel bedroht auch die Bönener Kitas.

Die DRK-Kita Puzzlekiste bekommt diesen Mangel zurzeit besonders deutlich zu spüren. „Wir haben aktuell zwei Stellen frei und bekommen sie nicht besetzt“, berichtet Sandra Weniger. Die Stellen seien schon mehrfach ausgeschrieben worden – ohne Erfolg. Und das ist nicht nur in Bönen so. „Unser Kreisverband hat viele Stellen auch für andere Kitas ausgeschrieben, bekommt jedoch keine Bewerbungen“, so die Kita-Leiterin. 

Das DRK bietet den neuen Mitarbeitern sogar wieder vermehrt unbefristete Verträge an. „Wer einen Zeitvertrag hat, bewirbt sich natürlich weiter, und wenn er anderswo eine feste Stelle bekommt, ist er wieder weg“, weiß Sandra Weniger. Sie hat vor allem dann Schwierigkeiten, wenn sie eine Elternzeit oder Krankheitsvertretung für eine befristete Zeit sucht. „Wenn bei uns eine Kollegin schwanger wird, bekomme ich sofort Panik. Woher soll ich eine Vertretung nehmen?“ 

Auch an der Bezahlung müsse sich etwas ändern. „Es wird inzwischen so viel Geld in die Erziehung gesteckt, doch Erzieher werden im Verhältnis zu den Lehrern immer noch viel schlechter bezahlt. Dabei bereiten wir ja auf die Schule vor.“ 

Die Ansprüche, die heute an eine Erzieherin im Kindergarten gestellt werden, sind allein durch den gesetzlich vorgegebenen Bildungsauftrag enorm. „Honoriert wird das aber nicht“, sagt sie. Zwar würde sich die Gewerkschaft Verdi darum bemühen, alle zwei Jahre mehr Geld für die Erzieher im Öffentlichen Dienst durchzusetzen, das Einkommen sei aber gemessen an den Anforderungen noch zu gering. 

„Von unseren 115 Kindern bleiben rund 80 Prozent über Mittag bei uns und werden erst am Nachmittag von ihren Eltern abgeholt. Sie sind also den ganzen Tag in der Einrichtung – das macht schon etwas mit den Kindern“, erzählt sie. Die Mädchen und Jungen forderten heute mehr Aufmerksamkeit und pädagogische Fähigkeiten als früher, so Sandra Weniger. 

Kibiz schränkt Einstellungen ein 

Helfen, dem Mangel entgegenzuwirken, würde es etwa, qualifizierte Kinderpflegerinnen einzustellen. Die wären gerade für den U-3-Bereich gut geeignet. „Sie dürfen aber laut Kibiz (Kinderbildungsgesetz) nicht in der Kita eingesetzt werden“, weiß die Einrichtungsleiterin. Und schließlich müsse die Ausbildung attraktiver werden. Sie dauert zu lang und wird darüber hinaus nicht bezahlt. „Und viele, die dann schon vier Jahre gelernt haben, machen dann weiter. Sie gehen gar nicht erst in die Praxis, sondern studieren. Viele möchten eine Führungsposition oder gehen in die Jugendarbeit. 

Alexandra Debel von der Evangelischen Kindertageseinrichtung Katharina Luther wartet zurzeit auf Bewerbungen von angehenden Berufspraktikantinnen. „Bis jetzt haben wir noch keine einzige bekommen. Dabei könnten wir ab Sommer gut jemanden gebrauchen“, erzählt die Einrichtungsleiterin. 

Wenn momentan auch alle Stellen besetzt sind, ist der Erziehermangel in ihrer Einrichtung und bei ihrem Arbeitgeber, dem Evangelischen Kirchenkreis Hamm, dennoch ein großes Thema. „Der Beruf ist für viele unattraktiv geworden. Das fängt schon bei der Ausbildung an“, sagt sie. 

Anforderungen an die Mitarbeiter wachsen 

Dafür wächst der Anspruch, der an die Erzieher gestellt wird, ständig, bestätigt Alexandra Debel ihre Kollegin Sandra Weniger. „Wir haben einen Erziehungsauftrag“, erinnert sie. Mit einer reinen Beaufsichtigung, mit Singen, Malen und Spielen, wie es vielleicht vor 30 oder 40 Jahren üblich war, hat der Alltag in einer Kita heute nichts mehr zu tun. Inklusion, Integration, Sprachförderung und die Betreuung der Kleinsten in den U-3-Gruppen fordert die Mitarbeiter ganz anders. 

Neben dem täglichen Betrieb in der Einrichtung besuchen viele Erzieher zusätzlich Fort- und Weiterbildungen, nehmen Abend- und Wochenendtermine wahr. Gerade in einem Familienzentrum falle da einiges an zusätzlicher Arbeit an, weiß Alexandra Debel. Honoriert werde das aber nicht. „Selbst studierte Kräfte bekommen das gleiche Gehalt wie die anderen Mitarbeiter“, sagt sie. „Die Gehälter müssten an die heutigen Anforderungen besser angepasst werden“, wünscht sich Alexandra Debel. 

Finanziell besser sieht es für Erzieher aus, die in der Jugendarbeit oder in der Jugendhilfe tätig sind. Da kommen allerdings häufig Schicht-, Nacht- und Wochenenddienste dazu. Eine gute Idee ist für sie die neue praxisintegrierte Ausbildungsform, die den Auszubildenden die Möglichkeit gibt, in verschiedene Bereiche „hineinzuschnuppern“ und Schule und Beruf direkt miteinander verbindet. „Das finde ich sehr sinnig“, so Alexandra Debel. 

Die Arbeiterwohlfahrt hat seit geraumer Zeit Personalprogramme aufgelegt, die die Kitas bei der Mitarbeitersuche begleiten. Das Awo-Familienzentrum Schatzkästchen hat nun gleich drei neue Kolleginnen bekommen. „Eine Mitarbeiterin hat am 1. Januar angefangen, eine kommt am 1. Februar, und eine am 1. März“, erzählt Tanja Galatzka. „Bei uns sind alle Stellen aktuell gut besetzt“, freut sich die Leiterin des Familienzentrums. 

Vom Erziehermangel sei das Schatzkästchen momentan nicht betroffen. Das liege sicherlich auch daran, dass die Awo den neuen Mitarbeitern Festverträge anbiete. Ihre drei neuen Kolleginnen ziehen nun sogar mit Arbeitsbeginn nach Bönen. „Wir merken allerdings schon, dass sich weniger professionelle Fachkräfte bewerben“, sagt Tanja Galatzka. 

Situation bei den Trägern unterschiedlich 

Sie hat dennoch das Gefühl, dass sich wieder mehr Menschen für den Beruf interessieren. „Vor einem Jahr hat man sich noch gefragt, wo man Erzieher herbekommen soll. Jetzt ist es besser geworden.“ 

Ebenfalls zufrieden ist Sarah Lublow-Hübener. Mit der Leiterin arbeiten sieben Fachkräfte in der Kita Sankt Bonifatius. Neue Mitarbeiter werden dort derzeit nicht gesucht. „Wir sind mit zwei Gruppen aber auch die kleinste Einrichtung in der Gemeinde“, erklärt sie. Und viele ihrer Mitarbeiter – sie eingeschlossen – hätten als Kinder selbst die Einrichtung besucht. „Wir haben natürlich eine besondere Bindung.“ Hilfe gibt es überdies durch die Pfarrei. So vermitteln sich die drei katholischen Kitas Christ König, Sankt Bonifatius und Herz Jesu gegenseitig Mitarbeiter, beispielsweise ehemalige Praktikanten, weiter. 

„Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass wir nicht betroffen sind. Aber wir wissen auch, dass wir ebenfalls in Bedrängnis kommen können, wenn bei uns jemand ausfällt.“

 Im Sachgebiet „Familie und Jugend“ des Kreises ist der Erziehermangel bekannt. „Nicht umsonst gibt es die Fachkräfte-Offensive des Bundesministeriums“, sagt Sachgebietsleiterin Birgit Nebling. Die Kita-Träger im Kreis seien davon unterschiedlich stark betroffen. Kommt eine Kita durch Personalmangel in Not, müsse der Landschaftsverband zur Regelung der Aufsichtspflicht eingeschaltet werden, erklärt sie.

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