Kafi Biermann stammt aus Flierich

Erst der FC und dann die Bläck Fööss: Wie ein Bönener Köln erobert hat

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Kafi Biermann lebt seit über 40 Jahren in der Dom-Stadt. Als ehemaliger Sänger der Bläck Fööss kennt ihn dort jeder.

Bönen - 20.000 Menschen feiern im Sommer 1998 den 750. Geburtstag des Kölner Doms. Auf der Bühne stehen die „Bläck Fööss. Sänger Kafi Biermann stimmt den „Treuen Husaren“ an, ein Karnevalshit, dem er an diesem Abend mit eindringlicher Stimme seine ursprüngliche Bedeutung zurückgibt. Es ist ein Antikriegslied. In diesem Moment ist es mucksmäuschenstill vor dem Wahrzeichen, dann brandet tosender Applaus auf. „Jetzt habe ich ein Stück Kölner Geschichte geschrieben“, denkt Biermann in diesem Augenblick. Er, ein Westfale aus Bönen.

20 Jahre später sitzt Karl Friedrich Biermann in einer Traditionskneipe ganz in der Nähe des Domes. Vor zwei Jahren hat er sich von den Bläck Fööss verabschiedet. Erkannt wird er noch immer. „Sind Sie nicht der Sänger von den Bläck Fööss?“, wird er von einer Lüneburgerin angesprochen, die am Nachbartisch sitzt. „Und er war beim 1. FC“, kommt es prompt von der anderen Seite. Vier Österreicher sind an diesem Freitag zum Spiel des Kölner Klubs angereist, verkürzen sich die Zeit bis zum Anpfiff mit „Kölsch“ und wissen, dass der gebürtige Fliericher die „Geißböcke“ jahrelang als Konditionstrainer betreut hat. 

Kafi Biermann – den Spitznamen hat ihm eine Uni-Dozentin vor über 40 Jahren in einer seiner ersten Vorlesungen verpasst – scherzt locker mit den Fans an beiden Tischen, posiert für ein gemeinsames Handyfoto. Im Gespräch stimmt er leise, sicher und klar seine Lieblingslieder an. Die Lachfältchen um die strahlenden Augen verraten seinen Humor. Starallüren hat er keine, er ist wie er ist: bodenständig, sympathisch, unkompliziert.

Aufgewachsen auf einem Hof in Flierich

22 Jahre lang stand er mit den Bläck Fööss als Leadsänger im Rampenlicht. Auf die Bühne hätte es ihn schon immer gezogen, sagt der 72-Jährige. Als Kind in Flierich hat er seinen Freunden im Kindergarten Lieder vorgesungen, als Puppendoktor, wie er erzählt. „In unserer Großfamilie wurde immer viel gesungen, wir waren ein richtiger Familienchor.“ Aufgewachsen ist Kafi Biermann mit drei Geschwistern auf einem Hof ganz in der Nähe der Evangelischen Kirche. Zwei seiner Brüder, Herbert und Gerd, leben noch immer in dem Bönener Ortsteil, und so zieht es den Wahl-Frechener mehrmals im Jahr zurück in seine ehemalige Heimat. 

Dort hat er die Grundschule besucht, sonntags die Oma in die Kirche begleitet, im Posaunenchor gespielt und beim TV Germania Flierich hinter den Ball getreten. „Im Sommer habe ich Fußball gespielt und Leichtathletik gemacht, im Winter geturnt“, erzählt der Diplom-Sportlehrer. Überall wo er war – im Gymnasium, bei der Bundeswehr oder an der Universität – hat er zudem eine Band gegründet. Sport und Musik, das seien bis heute die Grundpfeiler seines Lebens. 

In die Dom-Stadt gebracht hat Biermann zunächst der Sport. Nach dem Abitur am Neusprachlichen Gymnasium, dem heutigen Märkischen Gymnasium in Hamm, und dem Wehrdienst begann er 1967 mit dem Studium an der Sporthochschule Köln. Mit dem Diplom in der Tasche wechselte er anschließend die Seiten und unterrichtete als Dozent an der Uni. Damals initiierte er das „Mobilé Theater“, ein Bewegungs- und Schattentheater. In diesem Jahr feiert es sein 40-jähriges Bestehen, wie Kafi Biermann stolz berichtet. Schwerpunkte des Theaters waren damals wie heute körperbetonte Inszenierungen mit einer Mischung aus Pantomime, Tanz und Artistik. 

In den 1980er Jahren stand Biermann dann erstmals vor der Fernsehkamera: 60 Folgen lang sorgte er vormittags mit der „Telegymnastik“ im „Dritten“ für Bewegung in den deutschen Wohnzimmern. „Wir waren vor allem in den Krankenhäusern total beliebt“, erzählt er und schmunzelt dabei. Der WDR holte ihn zudem regelmäßig als Fitnessexperten ins Studio. 

Aerobic für Littbarski, Häßler und Co. 

Trainer-Legende Karl-Heinz Heddergott setzte ebenfalls auf die Fähigkeiten des Sportlehrers. Er engagierte ihn als Konditionstrainer für die damalige Schüler-Nationalmannschaft des DFB. Kurze Zeit später lernte Biermann den Eishockeyspieler Franz Hofherr kennen. Der holte ihn zu den Kölner Haien. Sein Konditionsgymnastikprogramm sollte den Spielern zu mehr Beweglichkeit und weniger Verletzungen verhelfen. „Das können wir auch gut gebrauchen“, fand 1989 schließlich Christoph Daum, Coach des Bundesligisten 1. FC Köln und ehemaliger Schüler von Kafi-Biermann. Also machte „der Hai den Geißböcken Beine“, wie etliche Zeitungen damals titelten. „Es war eigentlich Aerobic“, beschreibt Kafi Biermann sein Training, mit dem er Fußballer wie Thomas Häßler, Pierre Littbarski und Bodo Illgner fit machte. 

Die Musik dazu kam in der Turnhalle noch vom Band. Selbst machte Biermann sie damals nur in seiner Freizeit – bis er bei einem Mallorca-Urlaub Günther, bekannt als „Bömmel“, Lückerath von den Bläck Fööss kennenlernte. „Er war ein Bekannter meines Freundes, mit dem ich mir Anfang der 1980er Jahre eine ‘Ruine’ auf der Insel gekauft habe, die wir dann komplett aus- und umgebaut haben“, erzählt Kafi Biermann. Mit Bömmel Lückerath ging er in dieser Urlaubswoche fast täglich wandern. „Und dabei haben wir fast die ganze Zeit gesungen.“ 

Zurück in Köln nahmen die beiden erste gemeinsame Bänder auf, im Keller von Lückerath. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, und so erfuhr Biermann schließlich auch von den Problemen, die die Band Anfang der 1990-Jahre mit ihrem Sänger Tommy Engel hatte. Nach der Trennung von Engel standen die Bläck Fööss kurz vor dem Aus. Dann erinnerte sich Lückerath an die Aufnahmen mit Biermann. Er spielte den Bandkollegen die Kassetten vor. „Du bist jot jenooch“, stellten die Musiker fest, als der Westfale die ersten 30 Lieder in fehlerfreiem Kölsch eingesungen hatte. Und so tauschte Biermann 1995 das Fußballstadion gegen die Bühne. 

Fünf Auftritte pro Abend

„Außerhalb der Karnevalszeit haben wir im Jahr etwa 90 Konzerte gegeben“, sagt der Ex-Frontmann. Während der Session waren es schon mal 130 Auftritte, oft fünf an einem Abend. „Da ging es nur rauf auf die Bühne, wieder runter und ab in den Bus“, schildert Kafi Biermann. Tausende Kilometer legte er mit der Kultband zurück, wurde als Kölner Original gefeiert. „Junge, das haste jotjemaht“, adelte ihn etwa das Kölner Urgestein Willy Millowitsch nach dem legendären Auftritt bei der 750-Jahr-Feier. Ein Höhepunkt sei dieses Konzert sicher gewesen, sagt Kafi Biermann heute. 

Wer ihn aber danach fragt, was für ihn das Beste an seiner Karriere war, der hört zuerst von den Schulprojekten der Bläck Fööss. Gemeinsam mit zwei Bandkollegen organisierte Biermann diese Veranstaltungen, bei der Schüler aller Schulformen gemeinsam mit den Musikern „kölsche Lieder“ gesungen haben. „Wenn dann plötzlich 2000 Kinder gemeinsam mit dir singen – das ist einfach unbeschreiblich“, so der 72-Jährige. 

Natürlich gab es auch Situationen, in denen er vor allem Humor beweisen musste. „Wir sind mal bei einer Firmen-Veranstaltung aufgetreten. Unter den 50 Gästen war kein einziger Kölner. Und sie kannten kein einziges unserer Lieder, konnten keinen Refrain mitsingen.“ Für die Band ein echter Schock. „Wir haben zwar noch versucht, das Programm spontan umzustellen, genützt hat das aber nichts. Die saßen einfach nur da und haben uns angeguckt“, erinnert sich der Sänger an den schrecklichsten Auftritt seines Lebens nun mit einem Schmunzeln. 

Überhaupt lacht Kafi Biermann gerne, unaufdringlich, aber absolut ansteckend. Dabei ist er durchaus ein nachdenklicher Mensch. Er spricht zum Beispiel über Flüchtlinge. „Ich bin nicht unbedingt ein Merkel-Fan, aber als sie 2015 gesagt hat, ‘wir schaffen das’, war ich stolz auf sie. Das Wir in diesem Satz sollten wir allerdings mehrfach dick unterstreichen, dann schaffen wir es nämlich tatsächlich.“ 

Mit "Kafi con leche" für den guten Zweck unterwegs

Mit seiner Band „Kafi con leche“, in der übrigens seine beiden Söhne Max und Fynn mitwirken, engagiert er sich selbst für den guten Zweck und spielt bei Benefiz-Konzerten unter anderem für die Gold-Kraemer-Stiftung. Die setzt sich für Menschen mit Behinderungen ein. In Frechen, seiner jetzigen Heimatstadt, trainiert der dreifache Vater den Nachwuchs der Spielvereinigung und gehört zu den Mitgliedern des dortigen Kaninchenzuchtvereins. „Kaninchen züchte ich seit über 40 Jahren“, berichtet er. 

Die Liebe zu Tieren hat er vermutlich aus Flierich mitgebracht, schließlich ist er auf einem Bauernhof groß geworden. Und das war auch ein Grund, warum er mit seiner Familie aus Köln weg und aufs Land gezogen ist. „Großstadt ist einfach nichts für mich“, sagt er. Vier Monate im Jahr verbringt Kafi Biermann inzwischen auf seiner Lieblingsinsel Mallorca. „Das ist wie auf der Alm dort“, schwärmt er von der Ruhe dort fernab des Massentourismuses. Laut hatte er es in den vergangenen 40 Jahren schließlich oft genug.

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