So erlebten vier Menschen aus Bönen den Mauerfall 

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Mauerfall

Bönen  Es war aufregend, berührend und irgendwie unwirklich zugleich, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Durch einen Versprecher öffnete Politbüro-Sprecher Günther Schabowski unfreiwillig die Grenzen der DDR und läutete damit das Ende des diktatorischen Staates ein. An diesen außergewöhnlichen Abend vor 30 Jahren können sich viele Menschen in Bönen noch gut erinnern.

Jens-Reinhard Wagenblaß hat etwa einen ganz besonderen Blick auf das historische Ereignis. Der heutige Kantor der Evangelischen Kirchengemeinde Bönen ist in der DDR aufgewachsen. Kurz vor der Wende wurde er zur Nationalen Volksarmee (NVA) eingezogen. „Ich war Bausoldat, also beim Dienst ohne Waffe. Zivildienst gab es in der DDR nicht, ich war aber nicht bereit, Menschen zu töten, so wie es ein Soldat ja nun mal tun muss“, berichtet er. Sich der sogenannten Baueinheit anzuschließen war für DDR-Bürger die einzige Möglichkeit, den bewaffneten Kriegsdienst zu umgehen – allerdings wirkte sich dies häufig negativ auf Ausbildungs-, Studiums- und Aufstiegschancen aus. 

Der damals 20-Jährige spürte in jenem November die ungewöhnliche Stimmung, die seit Monaten in der Luft lag. Daran, dass die Mauer fallen könnte, dachte er aber nicht. „Ich habe zwar in der Nähe von Leipzig gelebt, von den Demonstrationen dort habe ich aber nur aus dem Westfernsehen erfahren. In der DDR wurden sie verschwiegen.“ 

Eine Woche vor dem historischen Datum trat er seinen Dienst in Seelow im heutigen Brandenburg an, um dort die militärische Grundausbildung zu durchlaufen. „In dieser Zeit gab es viele Änderungen. Wir haben auch in unserer Armeegruppe gespürt, dass da nicht mehr ganz so fest der Daumen drauf war. Es gab nur wenige disziplinarische Maßnahmen.“ 

Trotzdem reagierten die Soldaten verhalten, als sie am 9. November von der Grenzöffnung erfuhren. Richtig zu feiern traute sich niemand, und die Informationen drangen nur spärlich in die Kaserne ein. „Wir waren gerade aus unseren Familien herausgerissen worden und uns gegenseitig noch fremd. Das hat die Stimmung gedämpft. Und wem man vertrauen konnte und wem nicht, war nicht klar“, schildert der heute 50-Jährige die Situation.

Soldaten schweigen beim Gelöbnis

Vier Tage später sollten er und seine Kameraden vor etwa 200 Gästen, darunter die Familien und Angehörigen der Soldaten, ein Gelöbnis ablegen und darin unter anderem versprechen, „der Deutschen Demokratischen Republik allzeit treu zu dienen und ihre Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungsbereitschaft einzusetzen“. Der Oberst der Einheit wollte dazu jeweils einen Satz aufsagen, den die jungen Soldaten nachzusprechen hatten. Doch die schwiegen. Nach jedem Satz des Kompaniechefes herrschte Totenstille in dem Saal, niemand gelobte irgendetwas. „Ich habe nie wieder so ein starkes, geschlossenes Schweigen erlebt“, erinnert sich Jens-Reinhard Wagenblaß. Auch die Familienangehörigen „stimmten“ in das Schweigen mit ein. 

Ernsthafte Konsequenzen hatte das Verhalten der jungen Männer nicht. Noch bis zum Jahreswechsel blieb Jens-Reinhard Wagenblaß bei der NVA, dann konnte er seinen Zivildienst in einem Altersheim ableisten. 

Mehr als 500 Kilometer entfernt vom Truppenstandort Seelow erfuhr Rainer Eßkuchen am Abend des 9. Novembers von dem „Wunder“. Der Bönener Bürgermeister hatte ein paar anstrengende Tage hinter sich und wollte gerade ins Bett gehen. „Meine Frau rief plötzlich: ‘Mensch, das gibt es doch gar nicht!’ und machte mich auf die Sache aufmerksam. Wir saßen dann vor dem Fernseher und haben die Bilder aus Berlin gesehen“, denkt er an diese Nacht zurück. „Wir haben uns riesig gefreut, waren überwältigt – auch darüber, dass alles friedlich geblieben ist, als all die Menschen auf der Mauer standen.“ 

Einer seiner ersten Gedanken galt dabei seinem politischen Vorbild Willy Brandt. „,Willy, du hast es geschafft!’, habe ich gedacht.“ Rainer Eßkuchen sah sofort einen Zusammenhang zwischen dem historischen Kniefall, mit dem der frühere SPD-Bundeskanzler am Ehrenmal im Warschauer Getto um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bat und damit der Ostpolitik eine entscheidende Richtung gab. „Der Kniefall und der Mauerfall lagen 19 Jahre auseinander und haben doch so viel miteinander zu tun“, ist der ehemalige Verwaltungschef der Gemeinde überzeugt. Natürlich habe aber auch der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, einen großen Anteil an der Wiedervereinigung. 

Bürgermeister fährt in den Osten

Nach dem Mauerfall lernte Rainer Eßkuchen etliche DDR-Bürger kennen. Besucher aus dem Osten Deutschlands kamen ins Bönener Rathaus, um sich über die Verwaltungsarbeit im Westen zu informieren. „Und wir sind natürlich rüber gefahren, um zu schauen, wo wir helfen können.“ Eßkuchen strebte sogar eine Städtepartnerschaft Bönens mit Roßwein in Sachsen an, zu der die SPD vor Ort bereits Beziehungen hatte. Daraus ist zwar nichts geworden, die Kontakte bestehen jedoch bis heute. 

Katja Krebs fuhr hingegen an diesem speziellen Wochenende als erstes mit dem Zug nach Hof in Oberfranken. Ihr erster „Westbesuch“. „Eigentlich wollten wir nach Berlin, aber das war total überfüllt“, erzählt die stellvertretende Leiterin der DRK-Kita Puzzlekiste. 

Im November 1989 war sie gerade 19 Jahre alt und arbeitete als Erzieherin in einem Kindergarten in Halle an der Saale. Die Montagsdemonstrationen in den Wochen zuvor hat sie hautnah miterlebt, selbst war sie einmal unter den Protestierenden. „Ich hatte ein bisschen Angst davor, daran teilzunehmen. Die Arbeit im Kindergarten galt als politischer Beruf in der DDR, weil wir zum Bildungssystem gehörten. Und ich war noch sehr jung“, fürchtete sie Repressionen.

Damit gerechnet, dass diese Demonstrationen tatsächlich zu einem totalen Umbruch beitragen könnten, hat sie nicht. „Das hat niemand“, so Katja Krebs. Um so größer war die Freude, als an diesem bedeutungsvollen Freitag vor 30 Jahren tatsächlich Mauern, Zäune und Grenzen fielen. „Ich hatte schon lange davon geträumt“, sagt sie. Reisen, wohin sie will, einkaufen, was sie möchte, sagen, was sie denkt – für eine junge Frau in der DDR Utopie. 

Gefühle zwischen Freude und Unsicherheit

Und dann war es plötzlich doch soweit. „Es war ein komisches Gefühl, zwiespältig. Es war total aufregend, eine riesige Freude. Aber ich war auch unsicher. Wir wussten ja nicht, ob das so bleibt, wie lange das geht oder ob die Grenzen wieder geschlossen werden.“ Am Ende hat die Freude überwogen. Und von ihrem Begrüßungsgeld, dem ersten „Westgeld“, hat Katja Krebs sich eine Kaffeemaschine gekauft. 

An das starke Glücksgefühl, das sie damals spürte, kann sich auch Kerstin Luttrop noch gut erinnern. „Ich war sehr bewegt und überwältigt“, denkt sie an den geschichtsträchtigen Tag zurück. Für sie hatte die Maueröffnung aber auch eine ganz persönliche Bedeutung: Ihre Großmutter, ihre Tante und ihre Cousine lebten hinter dem Eisernen Vorhang, in Zeitz und Grana im heutigen Sachsen-Anhalt. 

Jahrzehntelang war die Familie voneinander getrennt gewesen. Nur bei den seltenen Besuchen im Osten konnte Kerstin Luttrop ihre Verwandten sehen. „Als Kind war für mich die Zeit dort immer sehr schön“, erzählt die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde. „Ich habe aber schon gespürt, dass da irgendwie ein Riss drin ist. Das war bedrückend. Und spontane Besuche waren überhaupt nicht möglich.“

Erster Besuch in Bönen

Andersherum durften ihre Familienangehörigen sie nicht im Westen besuchen. „Das war besonders für meine Mutter schlimm. Bei Familientreffen fehlten ihr immer eine Schwester und die Mutter“, so Kerstin Luttrop. „Nach der Wende konnte man ihr anmerken, dass eine große Last von ihr fiel.“ 

Bereits Anfang 1990 kam die Verwandtschaft erstmals zu Besuch nach Bönen. „Das war einfach toll. Sie wollten natürlich wissen, wie wir hier leben, in welchem Umfeld. Und man freut sich ja immer, wenn man liebe Menschen bei sich weiß“, stellt Kerstin Luttrop fest. Inzwischen sind die gegenseitigen Besuche für sie und ihre Familie fast normal geworden. „Das ist aber auch der Zustand, der eigentlich immer hätte da sein müssen.“ Dennoch sollte man sich ab und zu bewusst machen, wie gut es uns jetzt eigentlich geht, findet die Verwaltungsmitarbeiterin.

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