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Zum Gedenktag der Pogromnacht ein symbolischer Kniefall mit dem Putzlappen

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Von: Bernd Kröger

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Die Stolperschwelle, den vielfach zu Tode geschundenen Zwangsarbeitern auf der Bönener Zeche gewidmet, hat Gerda Gnad vom Arbeitskreis Erinnerungskultur zum Gedenktag poliert.
Die Stolperschwelle, den vielfach zu Tode geschundenen Zwangsarbeitern auf der Bönener Zeche gewidmet, hat Gerda Gnad vom Arbeitskreis Erinnerungskultur zum Gedenktag poliert. © Kröger

Die Sorge vor einer Ansteckung verhindert den üblichen Rundgang zur Erinnerung an die NS-Verbrechen in Bönen. Aber die Initiatoren erinnern auf andere Art.

Bönen – Zum 83. Mal jähren sich heute die Verbrechen der Judenpogrome am 9. November 1938. Von den Nationalsozialisten als vermeintlicher Ausbruch des Volkszorns inszeniert, haben SA- und SS-Einheiten jüdische Mitbürger in ihren Wohnungen und Geschäften überfallen, misshandelt, Inventar zerschlagen, die Synagogen geschändet und in Brand gesteckt – oft mit einem marodierenden Pöbel im Gefolge.

Im November ‘38 alle vertrieben

In Bönen lebten an diesem Tag keine Juden mehr. Aber das gibt gleichermaßen Anlass, an die Verfolgung im NS-Regime zu erinnern. Das knappe Dutzend Mitbürger jüdischen Glaubens wurde auch hier angefeindet, vom eigenen gesellschaftlichen Umfeld ausgegrenzt und vertrieben. Nur wird es am Gedenktag wegen der Corona-Pandemie zum zweiten Mal den öffentlichkeitswirksamen Rundgang nicht geben.

Arbeitskreis: Ansteckung vermeiden

„Wir wollen sicherheitshalber darauf verzichten, Menschen zu der Gedenkveranstaltung zu versammeln“, erläuterte Gerd Gnad vom Arbeitskreis Erinnerungskultur. Die Gruppe hat den Rundgang entlang der Stolpersteine vor einigen Jahren initiiert, damit Bönen sich mit diesem Sündenfall in seiner Geschichte beschäftigt.

Stolperschwelle und -steine poliert

So ist der Putzlappen erneut das Mittel der Wahl, damit die Shoa, die Verfolgung und Vernichtung ethnischer Gruppen, politisch Andersdenkender und die todbringende Ausbeutung der Zwangsarbeiter nicht in Vergessenheit gerät. Mit Ede Friederichs, Ulrich Reiners und Jürgen Schrawe hat Gnad am Montag poliert, worüber Bönen im besten Sinne straucheln soll: Die Stolperschwelle zur Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter auf der Zeche und die Stolpersteine, mit denen die Erinnerung das Schicksal verfolgter Juden wach gehalten wird.

MCG-Geschichtskurs unterwegs

Gleiches hat sich der Leistungskurs Geschichte des Marie-Curie-Gymnasiums vorgenommen. Ab 10.15 Uhr werden die Oberstufenschüler heute an den Steinen in der Zechenstraße an konkrete NS-Opfer erinnern.

Die Stolpersteine aus dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig werden am jeweils letzten frei gewählten Wohnort eines NS-Opfers verlegt und verweisen auf das weitere Schicksal. Es ist zum größten dezentralen Denkmal der Welt gewachsen. Der Stein zeigt, dass nicht anonyme Personen, sondern Nachbarn, Menschen aus der Gemeindet der antisemitischen und rassistischen Ideologie zum Opfer fielen, dass es ihre Zeitgenossen mindestens bemerkt, wenn nicht sich abgewendet oder daran beteiligt haben.

Zum Beispiel Sally Brandenstein

Beispielhaft dafür ist die Geschichte des Kaufmanns Sally Brandenstein, an dessen Stein die Ehrenamtler in der Bahnhofstraße, wie an den anderen, Blumen ablegten. Brandenstein gelang zwar noch die Ausreise, nachdem er sein Geschäft verloren hatte. Er starb aber 1942 unter ungeklärten Umständen in Shanghai.

Brandenstein war ein geschätzter Mitbürger, von Vereinsvorständen für sein Engagement gewürdigt und nach Auskunft früherer Mitarbeiter ein zugewandter und großzügiger Mensch. Bis sich das Blatt wendete. Zwei Jahre nach der Machtergreifung beschloss der Gemeinderat etwa, an Betriebe jüdischer Inhaber keine Aufträge mehr zu geben und auch jene zu boykottieren, die mit „Juden verkehren oder in Geschäftsverbindung stehen.“

Was von Brandensteins Laden blieb, überschrieb er seiner zweiten und katholischen Ehefrau, die nach der baldigen Scheidung 1936 einen bekannten Nationalsozialisten heiratete.

Paten für Steine gesucht

Damit dies und mehr als Mahnung bewahrt werden kann, will der AK Erinnerungskultur als nächstes Patenschaften für die Stolpersteine vergeben. Sie sollen nicht nur zum Gedenktag ins Auge fallen, sondern mehrmals im Jahr durch Glanz zum Blickfang werden. Das MCG ist sehr daran interessiert, wie Geschichtslehrerin Kerstin Winkelmann berichtete. Sie leistet mit ihrem LK heute den Beitrag. „Aber wir wollen das an der Schule verstetigen.“

Wer Interesse hat, wendet sich per E-Mail an den Arbeitskreis. Kontakt: gerda.gnad@gmail.com

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