Folge des Klimawandels

Enorme Schäden im Wald: Radikaler Einschnitt in Bönen geplant

Oliver Stenzel-Franken RVR Mergelbergwald Bönen
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Oliver Stenzel-Franken muss die Bäume markieren, die aus Sicherheitsgründen demnächst gefällt werden müssen. Es sind etliche.

Dem Mergelbergwald in Bönen geht es schlecht. Das trockene Klima und Schädlinge machen den Bäumen zu schaffen. Der Regionalverband Ruhr hat jetzt drastische Maßnahmen angekündigt.

Bönen – Blattlos und ausgedörrt ragen die Zweige in den Himmel. Es ist zwar Herbst, doch für völlig nackte Baumkronen ist es Anfang Oktober noch zu früh. Es sind die Auswirkungen des Klimawandels, die inzwischen auch im Bönener Mergelbergwald mit bloßem Auge zu erkennen sind. Mit recht drastischen Maßnahmen will der Regionalverband Ruhr (RVR) retten, was zu retten ist. Und dabei muss Anfang November die Säge zum Einsatz kommen.

Der Einschnitt wird radikal sein, darauf weist Oliver Stenzel-Franken bereits hin. „Wenn wir hier loslegen, wird es erst mal ganz schön wüst aussehen“, befürchtet der diplomierte Forstingenieur von der RVR-Abteilung Ruhr Grün. „Es wird ziemlich licht werden.“ Der Fachmann geht allein von rund 200 Festmetern Pappelholz aus, die aus dem Wald entfernt werden. Während der Durchforstung werden die Wege gesperrt, die Forstarbeiter sind mit Fahrzeugen und schwerem Gerät im Wald unterwegs. Bäume werden gefällt. Für Spaziergänger kann es da lebensgefährlich werden, die Sperrung zu missachten. Wann genau die Fachkräfte anrücken, steht noch nicht fest. Der RVR wird den Termin jedoch rechtzeitig bekannt geben und entsprechende Hinweise aufstellen.

Es ist ein Trauerspiel. Wir können nur noch beerdigen.

Oliver Stenzel-Franken, Forstingenieur

Stenzel-Franken muss nun aber schon entscheiden, welche Bäume fallen sollen. Wichtigstes Kriterium ist dabei die Verkehrssicherheit, außerdem der Schutz anderer, gesunder Bäume. Der Schwerter ist unter anderem für den Bereich des Mergelbergwaldes zuständig, der dem Verband gehört. Das sind etwa zwei Drittel der Fläche. Noch im Februar bei seiner halbjährlichen Begehung hatte der Fachmann einen relativ guten Eindruck vom Zustand des Forstes in der Gemeinde. Das sieht jetzt ganz anders aus. Zwischen Frühling und Herbst lag wieder ein heißer, trockener Sommer. „Bis zur Hitzewelle im August habe ich gehofft, dass wir in diesem Jahr Glück haben. Doch dann kamen zwei Wochen mit dauerhaft über 30 Grad Celsius“, erinnert er.

Massensterben bei den Eschen

„Es ist ein Trauerspiel“, so Stenzel-Franken. Die Situation vor Ort sei dramatisch: Die Eschen sind fast komplett abgestorben, etliche Buchen und die Fichten aufgrund des Borkenkäferbefalls sowieso. Doch auch an die Schwarzpappeln müssen die Fachleute demnächst ran. Sie drohen umzukippen und stellen dadurch nicht nur eine Gefahr für Waldbesucher dar. Sie können in gesunde Bäume stürzen und diese beschädigen. „Die meisten sind überjährig, also alt, und haben ebenfalls kräftig unter der Trockenheit gelitten“, weiß der Experte. „Die Pappeln sind die Verlierer des Klimawandels.“ Etwa 70 Jahre alt werden Pappeln, die Exemplare im Mergelbergwald kratzen vom Alter her bereits an dieser Grenze.

Die kahlen Kronen zeigen, dass die Bäume den Kampf gegen den Klimawandel schon verloren haben.

Das Massensterben der Eschen hat einen anderen Grund: den Chalara fraxinea, eine relativ neu entdeckte Pilzart, die zuerst die Triebe absterben lässt und schließlich den ganzen Baum. Es wird vermutet, dass die gestiegene Durchschnittstemperatur in unseren Gefilden dafür gesorgt habe, dass sich der Schädling durchgesetzt hat. „Eigentlich sind die Eschen Profiteure der trockenen Sommer“, erklärt der Experte. Der Pilz habe es nämlich lieber feucht. „In Bönen hat das aber nicht geklappt.“

Mit einer Farbspraydose markiert Oliver Stenzel-Franken nun alle sterbenden Bäume entlang der Wege. Es sind erschreckend viele, und dem Forstingenieur ist anzusehen, dass es ihm nicht leicht fällt, all diese grell-orangefarbenen Markierungen zu setzen. Doch die Bäume müssen aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Sie könnten ansonsten bei oder nach dem nächsten Sturm auf die Wege krachen und dann zum Beispiel Spaziergänger treffen.

Auch über 200 Jahre alte Buche betroffen

Die alten Buchen in zweiter Reihe würde er aber zumindest teilweise gerne als Totholz erhalten, selbst wenn sie vom Echten Zunderschwamm, ebenfalls ein Pilz, befallen sind. „Sie bieten Spechten, Hornissen, Fledermäusen und anderen Tieren Lebensraum.“ Selbst am Boden liegend seien sie noch rund 20 Jahre wertvoll für Käfer und andere Spezialisten, die das Totholz verwerten.

In der Regel würden die abgestorbenen Buchen zudem eher in sich zusammenbrechen als in Gänze umstürzen. „Ich hoffe, dass beim nächsten Sturm die Krone abgeht, dann können wir sie vielleicht erhalten“, blickt er auf ein stattliches, wenn auch kahles Exemplar in der Nähe des Mergelbergteiches.

Noch beeindruckender ist die riesige Buche an der Schutzhütte. Fast alle Bönener, die regelmäßig im Wald unterwegs sind, kennen das Prachtexemplar mit der gewaltig ausladenden Krone und dem mächtigen Stamm. „Sie ist circa 200 Jahre alt“, schätzt der Fachmann. Buchen werden aber nur etwa 220 Jahre alt. „Ich fürchte, ich werde noch in meiner Dienstzeit erleben, dass sie fällt.“

Das Totholz bietet einigen Spezialisten einen Lebensraum.

Die Buchen leiden besonders unter dem Klimawandel. Zwar wurzeln sie tief, doch sind die Wasserreservoire im Boden durch die extreme Trockenheit der vergangenen Jahre leer. Trockenbruch und am Ende der Tod des Baumes sind die Folgen. „Sie sind unter ganz anderen Bedingungen aufgewachsen“, erklärt der Schwerter. Als die Bäume aufkeimten, war es deutlich kühler und feuchter in diesem Bereich. „Es müsste bis Weihnachten durchregnen, um wieder einen normalen Wasserstand zu haben“, erläutert Oliver Stenzel-Franken.

Die Eichen scheinen auf den ersten Blick besser mit den geänderten Bedingungen zurrecht zu kommen. Bei genauerem Hinsehen sind die Kronen jedoch ziemlich dünn belaubt, der Wuchs offensichtlich gehemmt. Auch sie standen einmal in deutlich feuchterem Boden, wie der Forstspezialist sofort erkennt. Der Beweis sind die Stelzenwurzeln, die heute noch zu sehen sind. Jetzt muss sich die Eiche jeden Tropfen Wasser aus der Erde saugen, den sie noch bekommen kann.

Mehr Licht auf dem Waldboden soll Sprösslingen helfen

Die Entwicklung sei besorgniserregend. Wie sich der Mergelbergwald in den kommenden Jahren entwickelt, kann auch der Revierleiter nicht vorhersagen. „So langsam gibt aber in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür. Das war leider lange Zeit nicht so. Doch heute muss man ja nur mit offenen Augen durch den Wald gehen, dann sieht man die Folgen des Klimawandels“, sagt der Experte mit Blick auf die vielen kahlen Bäume. Die Leugner der klimatischen Veränderung machen ihn wütend. „Wir können nur noch beerdigen“, stellt Stenzel-Franken fest. Der RVR, der sein Engagement für die Natur bislang aus seiner Forstwirtschaft, also dem Verkauf von Holz, finanziert hat, stößt an seine Grenzen. „Wir bräuchten Millionen, um alles wieder aufzuforsten“, sagt Stenzel-Fanken. Er ist zuständig für circa 1400 Hektar Waldfläche plus etliche Hektar landwirtschaftlich genutzter Flächen, Gewässer und mehr. Sein Revier reicht von Hagen bis Hamm, von Schwerte bis Selm. Und das Bild, dass sich ihm in den Wäldern bietet, ist fast überall das gleiche.

Im Kleinen vor Ort ließe sich allerdings durchaus etwas tun. Zum Beispiel könnten dort, wo demnächst die abgestorbenen oder kranken Bäume gefällt werden, Jungbäume gesetzt werden. 20 Setzlinge rund um die Abholzung könnten dazu beitragen, dass sich der Mergelbergwald wieder erholt. Dafür müssten Arten gepflanzt werden, die sich dem Klimawandel robust entgegenstellen. Dazu gehören Eßkastanien, Winterlinden, Baumhasel und Flatterulmen.

Ein bisschen Hoffnung hat Oliver Stenzel-Franken aber doch noch: Dort wo im November Bäume entfernt werden, fällt künftig mehr Licht auf den Waldboden. Das gibt den zurzeit winzigen Sprösslingen von Eiche, Hainbuche und Co. die Chance, nach oben zu schießen. „Die Naturverjüngung ist die beste und natürlichste Aufforstung“, sagt der Experte.

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