Geschäft vor über 60 Jahren gegründet

Ein „Händchen“ für Mode: Eleonore Beier betreibt mit 91 Jahren Boutique in Bönen

Auch nach über 60 Jahren liebt Eleonore Beier es, in ihrem Geschäft zu stehen und die Kundinnen zu beraten. Ans Aufhören denkt sie nicht.
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Auch nach über 60 Jahren liebt Eleonore Beier es, in ihrem Geschäft zu stehen und die Kundinnen zu beraten. Ans Aufhören denkt sie nicht.

Eleonore Beier hat sich schon in jungen Jahren der Mode verschrieben. Seit mehr als sechs Jahrzehnten führt die heute 91-Jährige eine eigene Boutique in Bönen. Wir haben die charmante und gut gekleidete Dame in ihrem Geschäft besucht.

Bönen – Eine gut geschnittene schwarze Hose, ein schwarzes Shirt, darüber einen lachsfarbenen Blazer, die Ärmel locker hochgeschoben, eine Perlenkette um den Hals, die silbergrauen Haare schick aufgeföhnt, ein dezentes Make-up: Eleonore Beier ist definitiv eine attraktive und modebewusste Frau. Ihr zu sagen, dass sie deutlich jünger aussieht, als ihr Ausweis belegt, ist keineswegs eine Schmeichelei. Die Bönenerin ist 91 Jahre alt, und sie ist noch immer voll berufstätig. Jeden Tag steht sie in ihrer kleinen Boutique in der Bönener Fußgängerzone, hält ein kurzes Schwätzchen mit ihren Kundinnen, berät sie stilsicher und passend.

Ein Blick für das Schöne, für Farben und Formen hatte Eleonore Beier schon immer. „Mode oder Floristik, eins von beiden wollte ich machen, beides hat mich interessiert“, erzählt sie. Auf jeden Fall sollte es ein eigenes Geschäft sein – davon hat sie bereits als Zwölfjährige geträumt. Und noch etwas war ihr wichtig: „Ich wollte immer unabhängig sein.“

Dieser Wunsch war zur damaligen Zeit ungewöhnlich. Schließlich war der Weg für die meisten Mädchen vorgezeichnet: Sie durften nach der Schule vielleicht eine Ausbildung machen, sollten aber nach der Hochzeit Kinder bekommen und zu Hause bleiben. Das Geld brachte schließlich der Mann heim.

Im Geschäft macht Eleonore Beier fast alles selbst. Das Ambiente in ihrer Boutique ist ihr wichtig, die Kleidungsstücke werden nach Farben und Stil sortiert.

Eleonore Beier wurde 1930 in Halle an der Saale geboren. Im Krieg wurde ihr Elternhaus ausgebombt, die Familie verlor all ihr Hab und Gut. Quasi mit leeren Händen kam sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Bönen, wo Angehörige ihrer Mutter lebten. Die Vier wohnten zunächst in einem einzigen Zimmer und mussten ganz von vorn anfangen.

„Es war eine schwere Zeit“, erinnert sich die 91-Jährige. „Doch wir haben alle schnell Arbeit gefunden.“ Sie selbst begann eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bei einem Lebensmittelgroßhandel in Hamm. Nach der Lehre wechselte sie zu einem Einkaufsverband und leitete dort das Büro. „Eigentlich wollte ich nicht in Bönen bleiben“, verrät die Geschäftsfrau. Doch da kam die Liebe dazwischen. Die junge Frau lernte in der Gemeinde ihren künftigen Mann kennen, das Paar heiratete 1957 und bekam drei Kinder.

Ihren Traum vom eigenen Geschäft und der Unabhängigkeit hat Eleonore Beier dennoch nicht aufgegeben. Sie arbeitete zunächst in ihrem Beruf weiter, eröffnete schließlich 1960 ihr eigenes Modegeschäft an der Bahnhofstraße. In dem Ladenlokal ist heute ein LVM-Versicherungsbüro zu finden. Zwei Mitarbeiterinnen halfen der Inhaberin damals im Verkauf.

Modenschauen in Gaststätten und bei Vereinen

Bekannt wurde Eleonore Beier jedoch nicht nur durch das Geschäft. Regelmäßig organisierte die Kauffrau zudem Modenschauen in Gaststätten, in der Schulaula oder bei Vereinen. „Ich wurde oft danach gefragt. Und es hat immer sehr viel Spaß gemacht. Meine Kundinnen waren die Models.“

Als 1990 die Fußgängerzone in der Gemeindemitte fertiggestellt wurde, zog die Bönenerin mit ihrem Geschäft an den heutigen Standort um. Ein paar Jahre später rückte sie dort Regale und Kleiderstangen enger zusammen, um Platz für ihre Tochter zu schaffen. Silke Beier eröffnete in einem Teil des Ladens ihr Wellnesshaus mit Kosmetik, Fußpflege und Nagelstudio. „Ich habe mich verkleinert, aber dadurch konnte ich alleine arbeiten“, so Eleonore Beier. Sie ist froh, mit ihrer Tochter zusammenzuarbeiten. „Sie hilft mir sehr“, stellt die Boutiqueinhaberin fest.

Die beiden Frauen ergänzen sich gut, und ihre Geschäfte profitieren voneinander. „Viele der Kundinnen meiner Tochter kommen von auswärts, und die kaufen dann auch bei mir.“ Immerhin bietet die Boutiquebesitzerin einiges Besonderes. „Nullachtfünfzehn habe ich nicht. Bei mir gibt es eher Außergewöhnliches, nicht das, was es überall gibt“, beschreibt sie.

„Ich kaufe das, was mir gefällt“

Circa alle 14 Tage bestellt sie neue Ware. „Ich kaufe das, was mir gefällt“, gibt die Geschäftsfrau an. Das bedeutet nicht, dass sie selbst alles anzieht, was in ihrem Geschäft zu haben ist. „Ich mag es eher schlicht, trage gerne dezente Farben.“ Für ihre Kundinnen darf es hingegen durchaus bunter und „peppiger“ sein. Wichtige Kriterien, um auf den „Einkaufszettel“ der Modeexpertin zu kommen, sind neben der Aktualität die Passform, die Farben und die Qualität. „Ich habe auch mal etwas Preiswertes da, das heißt aber nicht, dass es billig ist“, betont Eleonore Beier.

Die Hosen, T-Shirts, Pullover und Co, die es in ihren Laden schaffen, wählt sie sorgfältig mit sicherem Geschmack und Erfahrung aus, ein festes „Label“ hat sie nicht. Passend dazu ergänzt die Fachfrau ihr Angebot mit pfiffigem Modeschmuck, Sonnenbrillen, Taschen und mehr. Wer möchte, kann sich in der Boutique also von Kopf bis Fuß neu einkleiden. Mittlerweile hat sie sogar Schuhe im Sortiment. „Das sind Gesundheitsschuhe. Die kommen vor allem bei meinen älteren Kundinnen gut an – zumal es hier in Bönen ja keine Schuhgeschäfte mehr gibt.“

Früher ist Eleonore Beier regelmäßig zu Modemessen gefahren, um dort die neuen Kollektionen in Augenschein zu nehmen und zu ordern. Das hat ihr viel Spaß gemacht. „Doch heute gibt es leider keine Messen mehr“, bedauert die Kauffrau.

Ich wollte immer unabhängig sein.

Eleonore Beier, Boutique-Inhaberin

Ihren Blick für Trends schult sie aber immer noch, etwa beim Lesen von Modezeitschriften und beim Anschauen von Fernsehsendungen. „Da sehe ich zum Beispiel, welche Ärmel kommen, welche Kragen.“ Mit dem „richtigen Händchen“ sucht sie meist das aus, was ihren Kundinnen gefällt. „Heute kommen schon die Enkelinnen meiner Kundinnen zu mir“, berichtet die 91-Jährige.

Nach über 60 Jahren Selbstständigkeit ist Eleonore Beier nach wie vor glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein, selbst wenn die Pandemie ihr im Augenblick zusetzt. „Hauptsache, wir müssen nicht wieder ganz zumachen“, wünscht sie sich jetzt. Nicht zu arbeiten, fällt ihr schwer. Und so war sie selbst während der Lockdowns fast täglich in ihrem Laden. „Arbeit finden wir immer“, sagt sie und lacht. Gemeinsam mit ihrer Tochter hat sie die von den Kundinnen im Internet bestellte Ware herausgegeben, auf- und umgeräumt, geputzt und verschönert – so lange, bis sie die Ladentür endlich wieder aufschließen durfte.

Morgens um 6 Uhr im Hallenbad – aber das geht zurzeit nicht

Ans Aufhören denkt Eleonore Beier nicht, auch wenn sie das Rentenalter bereits vor knapp 25 Jahren erreicht hat. „Mein Beruf macht mir bis heute Freude. Ich brauche das.“ Solange sie einigermaßen fit genug ist, möchte sie weiterhin Mode verkaufen. „Ich stehe jeden Morgen zwischen 6 und 6.30 Uhr auf, mache mich fertig und fahre mit meiner Tochter zum Geschäft“, schildert sie. Jahrzehntelang ist sie vor der Arbeit schwimmen gegangen, Tag für Tag, morgens um 6 Uhr. Im Hallenbad vor Ort gibt es allerdings kein Frühschwimmen, daher hat die Seniorin das aufgegeben.

Übrigens: Lange vor dem Kleiderschrank steht sie nicht. „Ich greife hinein, hole etwas heraus und ziehe es an. Das geht bei mir ganz spontan.“ Und wer sie kennt, weiß, sie hat stets den richtigen Griff.

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