Anwohner kämpfen gegen Ausbau des Mastbetriebes

Eilantrag gegen Putenstall in Lenningsen und Stockum abgelehnt

Das Banner steht in der Nähe der Putenmastanlage von Alexandra Engels und Ulrich Spielhoff zwischen Lenningsen und Unna-Stockum
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Die Grünen haben zusammen mit dem BUND und dem Nabu ein Banner aufgestellt, um gegen die Massentierhaltung in Bönen und Unna zu demonstrieren.

Bönen/Unna – Drei neue Putenställe wollen die Tierärztin und Landwirtin Dr. Alexandra Engels und ihr Mann Ulrich Spielhoff auf ihrem Betriebsgelände in Bönen-Lenningsen an der Grenze zu Unna-Stockum bauen. Und so wie das Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen entschieden hat, dürfen sie das auch – vorerst zumindest. Die Juristen haben den Eilantrag gegen die Genehmigung des Bauantrages durch die Stadt Unna abgelehnt. Die Klage gegen die Erweiterung des Mastbetriebes läuft aber weiter. „Es ist noch nicht alles entschieden“, sagt der Rechtsanwalt Joachim Wastl.

Der Unnaer vertritt Monika und Werner Ryba aus Stockum in dem Rechtsstreit. Sie wehren sich gegen die Errichtung von zwei jeweils 100 Meter langen und sieben Meter hohen Hallen, die unmittelbar an ihrer Grundstücksgrenze entstehen sollen. Aufgezogen werden sollen darin circa 8000 Puten. Das Ehepaar befürchtet, dass Lärm, Dreck und Gestank in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft enorm zunehmen werden, ebenso wie der Lkw-Verkehr, der sie und andere Anwohner gegenwärtig schon belaste. Die Fahrzeuge beliefern den Hof von Alexandra Engels mit Futter, Küken und anderem Material, außerdem mit Mais, Gülle und Mist aus dem landwirtschaftlichen Betrieb, den Ulrich Spielhoff in Bergkamen-Weddinghofen betreibt. „Gefüttert“ wird damit die Biogasanlage auf dem Gelände.

In deren Schatten soll ein dritter Stall für weitere rund 4000 Tiere installiert werden. Dessen Bau ist relativ weit fortgeschritten, wie Monika Ryba berichtet. „Da wird es wohl bald losgehen“, befürchtet sie. An ihrem Gartenzaun ruhen die Arbeiten derzeit hingegen. Aber es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis es dort ebenfalls weitergeht. Die Fläche ist geschottert, ein Wall, der die Ställe von der Nachbarschaft abschotten soll, aufgerichtet.

Und der Baustopp, den die Rybas mit ihrem Eilantrag vor Gericht erreichen wollten, ist nun mal vorerst vom Tisch. Die Gelsenkirchener Richter hätten die Sachlage summarisch, also zusammenfassend, beurteilt und eine reine Interessenabwägung vorgenommen. Im laufenden Klageverfahren würden hingegen Einzelheiten bewertet, so Rechtsanwalt Joachim Wastl. „Wir legen unseren Fokus jetzt auf dieses Verfahren“, betrachte er die Niederlage in Gelsenkirchen nicht als endgültige Entscheidung für die Erweiterung der Mastanlage.

Anwalt rechnet erst 2024 mit einer richterlichen Entscheidung

Wenn Engels und Spielhoff ihre Pläne umsetzen, dann allerdings auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko. „Das Gericht hat in der Baugenehmigung durchaus einige Punkte ausgemacht, die klärungs- oder gar fragwürdig sind“, so Wastl. Gewisse Parameter würden noch genauer untersucht. Das könne jedoch eine ganze Weile dauern. Seiner Erfahrung nach ist mit einem Urteil des Verwaltungsgerichtes erst in etwa 3,5 Jahren zu rechnen. Sollte das Gericht dann aber zu dem Entschluss kommen, dass der Neubau nicht rechtens ist, müssten die Betreiber die Hallen wieder abreißen lassen. Bis dahin können die Ställe aufgebaut und genutzt werden.

900 Unterschriften übergaben Monika und Werner Ryba im Dezember an Unnas Bürgermeister Dirk Wigant.

Schon jetzt leben durchschnittlich 24 000 Puten neben den Rybas, eine Zahl die Nachbarn, Tier- und Umweltschützer mit Besorgnis sehen. Mehr als 900 Unterschriften gegen den Bau hat das Stockumer Paar der Stadt Unna vorgelegt. Unterstützung kommt darüberhinaus aus der Politik und von verschiedenen Verbänden. „Wir als Grüne stellen uns ganz klar gegen diese Form der Tierhaltung, die unsere Gesundheit, unsere Umwelt, unser Klima, unser Grundwasser und somit unsere gesamte Lebensgrundlage zerstört“, sagt etwa Friedhelm Lange, Sprecher des Ortsvereins von Bündnis 90/Die Grünen.

Seine Fraktion sowie der Grünen-Ortsverein Unna, der Kreisverband Unna, die Kreisgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Kreisverband Unna des Naturschutzbundes (Nabu) stellen sich an die Seite der Rybas. Sie haben in der Nähe der Anlage ein Banner aufgestellt, dass die Menschen auf das Thema aufmerksam machen soll. „Es soll daran erinnern, dass die Tiere, die später auf unseren Tellern landen, nicht abstrakt irgendwo weit weg, sondern genau vor unserer Haustür unter unwürdigsten Bedingungen gehalten werden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Grünen dazu.

Ronja Kossack vom Grünen Ortsverband Unna erklärt: „Wir wollen darauf hinweisen, dass genau hier, in der schönen Landschaft zwischen Stockum und Lenningsen, bald um die 30 000 Puten auf engsten Raum zusammengefercht werden.“ Wegen der nicht artgerechten Tierhaltung müssten zur Gesunderhaltung der Tiere hohe Mengen Antibiotika eingesetzt werden, was die Bildung von Antibiotikaresistenzen fördere und somit die menschliche Gesundheit stark gefährde. „So leiden am Ende nicht nur die Tiere qualvoll, sondern auch der Mensch“, sagt Kossack.

Gegner befürchten „Salamitaktik“

Jeder träfe mit seinen Einkäufen im Supermarkt, beim Discounter oder auf dem Biohof tagtäglich eine Entscheidung, inwiefern er diese Form der Tierhaltung unterstützt. Die meisten entscheiden sich dabei momentan offensichtlich für die billige Variante aus dem Supermarkt. In welcher Form die Tiere bis zu ihrem Tod gehalten wurden, interessiert bei einem Kilogramm-Preis von 3,20 Euro für Putenkeule wenige. Das macht das Geschäft mit den Tieren für die großen Mastbetriebe lukrativ – sofern sie in großer „Stückzahl“ produzieren.

Monika und Werner Ryba sowie ihr Rechtsanwalt befürchten daher, dass ihre Nachbarn sich mit drei neuen Ställen nicht dauerhaft zufriedengeben werden. „Die Frage ist, warum Frau Engels die zwei neuen Ställe soweit von ihrer eigentlichen Hofstelle bauen lässt. Es wäre ja sinnvoller, sie näher an den jetzigen Bestand zu bringen. Die Befürchtung ist, dass zwischen den genehmigten neuen und den bereits bestehenden Ställen so viel Platz ist, dass dort weitere Hallen gebaut werden können“, sagt Joachim Wastl.

Hätte Alexandra Engels direkt den Bau von gleich fünf Ställe beantragt, so wäre die Genehmigung dafür sicher ausgeblieben. Mit dieser „Salamitaktik“ ließe sich ein solches Ziel als Lückenschluss aber möglicherweise erreichen. „Es könnte ein Versuch sein, eine richtige Vergrößerung herbeizuführen“, spekuliert Wastl.

Alexandra Engels war bislang für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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