Ehrenamtler am Limit: Zuflucht.Bönen erläutert Ratsvertretern, wo der Schuh drückt

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Bürgermeister Stephan Rotering (links) und Vertreter der Ratsfraktionen folgten am Dienstag der Einladung des Vereins Zuflucht.Bönen, um über dessen Arbeit zu sprechen.

Bönen – Die Liste der Aufgaben, die der Verein Zuflucht. Bönen bei der Betreuung von Flüchtlingen in der Gemeinde übernimmt, ist lang. Mittlerweile stoßen die rund 20 ehrenamtlichen Helfer an Grenzen und wünschen sich mehr Unterstützung von der Gemeinde und eine bessere Kommunikation, um wirkungsvoller helfen zu können.

Deshalb hatte der Vorsitzende Wolfgang Werner am Dienstag Vertreter der Ratsfraktionen zu einem Gespräch in die Awo Begegnungsstätte eingeladen, um über die Arbeit und Probleme zu berichten. Das sollte auch der Vorbereitung auf den Fachausschuss am 5. März dienen, wo das Thema auf der Agenda steht.

„Wichtig ist, dass sich die Menschen besser kennen lernen, damit hier nicht so etwas wie in Hanau passieren kann“, leitete der Vorsitzende von Zuflucht.Bönen, Wolfgang Werner, das Gespräch ein. „Der Geist, der in der Bevölkerung herrscht, spielt eine große Rolle. Nach meiner Erfahrung besteht weniger eine Abneigung, sondern eher eine Gleichgültigkeit in der Bevölkerung gegenüber den geflüchteten Menschen.“ 

Die stellvertretende Vorsitzende Bärbel Förster stellte zunächst die vielfältigen Aufgaben vor, die der Verein in der Gemeinde in der Flüchtlingsarbeit übernimmt. Sie berichtete unter anderem über die Deutschkurse, die fünf ehemalige Lehrerinnen durchführen. „Allein damit haben wir mittlerweile über 100 Menschen erreicht. Und wir erleben immer wieder, die Menschen wollen Kontakt zu uns Deutschen. Wir sind etwa 20 Helfer, aber letztendlich viel zu wenige für all die Aufgaben.“ 

Deniz Werth und Bärbel Förster berichteten über die Arbeit des Vereins.

Gerade die Einzelfallhilfe koste immens viel Zeit. Begleitung zu Ärzten, Rechtsanwälten, Gerichtsterminen und bei Behördengängen, zu Schulen und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz mache sehr viel Arbeit, betonte Inge Reiners-Woch, angesichts der Flut von Formularen, die ausgefüllt werden müssten. Vieles sei auch mit Deutschkenntnissen nicht alleine zu leisten. 

„Zudem gehen wir oft Langzeitverpflichtungen ein. Wenn wir es schaffen, dass jemand die Schule erfolgreich beendet und wir für ihn eine Ausbildungsstelle finden, dann endet hier die Betreuung ja nicht. Dann steht weitere Begleitung durch Nachhilfe während der Berufsschule an. Was wir da der Verwaltung durch unsere Betreuung an Arbeit ersparen, ist immens.“ 

Mittlerweile sei der Verein auch in die Notfallversorgung der Gemeinde eingebunden, erläuterte Bärbel Förster: „Wenn niemand im Rathaus erreichbar ist, etwa bei langen Weihnachtsferien, und die Heizung ausfällt, dann können wir jetzt zumindest den Notdienst rufen.“

Ein großes Problem sei die Ausstattung von Flüchtlingswohnungen und der Wechsel von Notunterkünften in private Wohnungen, die die Gemeinde von Wohnungsbaugesellschaften wie der LEG anmietet. Die seien oft in einem schlechten Zustand, nicht renoviert, einige hätten massive Risse in den Wänden, berichtete Herbert Lammers. 

Für eine Renovierung sei die Gemeinde nicht zuständig, stellte Bürgermeister Stephan Rotering klar. „Wir müssen trennen, was muss die Gemeinde gesetzlich leisten und was kann sie leisten“, so Rotering. „Wir schaffen die Grundlagen, zu denen wir gesetzlich verpflichtet sind, nämlich die Menschen trocken und warm mit einem Dach über dem Kopf unterzubringen. Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen ist so groß, da nehmen wir erst mal alles, was wir kriegen können, um Menschen unterzubringen. Wir wollen bei der öffentlichen Diskussion da auch keinen Sozialneid schaffen. Wenn die Bewohner die Wohnung verschönern wollen, können wir Farbe zur Verfügung stellen.“ Letztlich müsse die Politik die Mindeststandards festlegen, die für angemessen angesehen werden.

Oft hätten Familien, die eine Wohnung erhalten, nicht einmal eine Grundausstattung, berichtete Deniz Werth, die am Wochenende eine Frau aus Afghanistan mit ihren kleinen Kindern besucht hatte. „Die haben Decken auf dem Boden ausgebreitet, weil sie nicht mal einen Tisch oder einen Stuhl haben.“ 

In privater Initiative versuche der Verein dann, schnell zu helfen, Möbel zu organisieren und zu transportieren. Es gäbe durchaus zahlreiche Bürger, die Möbel und Hausrat spenden würden, aber der Verein habe keinen Raum, Sachen zu lagern und stoße da auch an seine Grenzen. 

Ratsfrau Sabine Lutz-Kunz stellte die Frage in den Raum, wie weit die Verwaltung die ehrenamtlichen Helfer künftig mit Fahrzeugen, Lagerraum und Man-Power unterstützen könne. 

Die Gemeinde habe durchaus ein Möbellager, so Ratsherr Friedhelm Lange. Es müsse da auch ein besserer Informationsaustausch zwischen Verein und Verwaltung stattfinden. Er regte an, Handlungsroutinen von Verein und Verwaltung darzustellen und abzugleichen. 

Bürgermeister Rotering verwies auf die Ausschusssitzung am 5. März, in der diskutiert werden könne, welche Standards als freiwillige Leistung bei der Unterbringung gewünscht seien.

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