Interview

Die ehemalige Integrationsratsvorsitzende Deniz Werth spricht über das Miteinander in Bönen

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Deniz Werth

Bönen – Integration ist ein viel benutztes Wort. Laut Duden bedeutet es das Wiederherstellen einer Einheit oder auch Einbeziehung und Eingliederung. Gerade in einer „bunten“ Gesellschaft, wie sie in Bönen zu finden ist, wäre es enorm wichtig, diesen Begriff zu leben und umzusetzen. Wie und ob Integration vor Ort funktioniert, beobachtet Deniz Werth seit langer Zeit. Vor zehn Jahren war sie Vorsitzende des Integrationsbeirates der Gemeinde. Sie spricht über ihre Ziele damals und was sich seit dem verändert hat. 

Was hat Sie seinerzeit bewegt, sich im Integrationsbeirat zu engagieren? 

Deniz Werth: Bönen ist bunt und war es auch damals schon. Mich hat das Thema von Kindesbeinen an begleitet. Meine Eltern waren beide in Bildungseinrichtungen beschäftigt, und so waren wir in der Familie ständig damit befasst. Ich bin niemand, der schweigt, und sage mir immer, wenn du dich beschwerst, dann musst du auch etwas tun. Und so habe ich mich entschieden, die Gemeinde in dieser Sache zu unterstützen und habe mich aufstellen lassen. Das war auch eine Idee von einigen meiner Familienmitglieder und aus meinem Freundeskreis. In einer Nacht- und Nebelaktion haben wir dann Flyer gedruckt und sind Klinken putzen gegangen. Schließlich wurde ich gewählt.

Als Sie in den Rat gewählt wurden, waren Sie 22 Jahre alt. Ein Jahr später wurden Sie, eine junge, türkischstämmige Frau, zur Vorsitzenden gewählt. War das nicht ungewöhnlich?

Deniz Werth: Eigentlich nicht, das Gremium bestand damals zur Hälfte aus Frauen. Wir waren eine sehr gut arbeitsfähige und vor allem bunt gemischte Gruppe. Es war ein schönes Arbeiten. Welche Ziele hatten Sie als Vorsitzende? Ich hatte einfach nur das Ziel, Kommunikation aufzubauen. Die gab es nämlich nicht zwischen den Kultur- und Moscheevereinen und der Gemeinde. Nur durch Kommunikation lassen sich aber Vorurteile abbauen. Konkrete Ziele haben wir dann gemeinsam in den Sitzungen erarbeitet. Wir haben die Arbeit sehr ernst genommen und vieles auf die Beine gestellt. Zum Beispiel das gemeinsame Opferfest im Förderturm oder das internationale Kinderfest auf dem Schulhof der Goetheschule oder auf dem Sportplatz des Schulzentrums. Mir war zudem Raum zum Sprechen wichtig. Wir haben Podiumsdiskussionen organisiert, etwa als das Kopftuchverbot für Passbilder kam. Ich finde es immer wichtig, jeden sagen zu lassen, was er gut findet und was nicht. Es braucht Raum, um Lösungen zu finden und Verständnis zu entwickeln. 

Warum sind Sie aus dem Integrationsrat ausgeschieden? 

Deniz Werth: Das hatte zum einen private Gründe. Ich habe mein Studium zu Ende geführt, geheiratet und bin weggezogen. Ich glaube aber auch, dass nach fünf Jahren – so lange dauert eine Wahlperiode – ein Wechsel gut ist. Dann wird es Zeit, für Veränderungen. Neue Leute haben neue Idee und bringen frischen Wind in die Sache – das habe ich jedenfalls gehofft. Und wenn man die Arbeit ernst nimmt und gut machen will, braucht es viel Zeit und Energie. Das habe ich gespürt, selbst wenn ich viel Unterstützung hatte, insbesondere auch von der Verwaltung. Wenn man jedoch etwas mit Herzblut macht, sind fünf Jahre genug, sonst brennt man aus. Aber ich muss sagen, die Arbeit hat mir anschließend gefehlt. 

Sie waren die bisher jüngste Beiratsvorsitzende. Nach Ihnen kamen ältere Mitglieder. War der Generationswechsel förderlich?

Deniz Werth: Ich habe mich erst mal darüber gefreut. Ich fand es gut, dass die Älteren wieder Interesse an der Arbeit hatten und habe mir gewünscht, dass sie dass, was wir angefangen, fortführen. Das ist anfangs auch geschehen. Und dann? Erst mal bin ich ja weggezogen und habe wenig davon gehört. 2012 sind wir dann aber zurück nach Bönen gezogen und ich habe wieder mehr von dem mitbekommen, was in der Gemeinde passiert. Vom Integrationsbeirat habe ich allerdings nichts mehr gesehen oder gehört. Als vor drei Jahren vermehrt Flüchtlinge nach Bönen kam, wurde ich sogar angesprochen, was man da machen könne. Für mich ist es die ureigenste Aufgabe des Integrationsbeirates, sich um diejenigen zu kümmern, die zuwandern. Der Beirat sollte Brücken schlagen und Anlaufstelle für die Menschen sein, die integriert werden wollen. Dafür haben wir ja das Gremium, dieses wertvolle Gremium. 

Kommen die aktuellen Mitglieder des Integrationsbeirates diesen wichtigen Aufgaben nach? 

Deniz Werth: Ich weiß nicht, was sie tun oder was sie planen. Davon erfahre ich nichts. Ich habe damals immer sehr auf Transparenz geachtet, Wert darauf gelegt, dass die Leute wissen, mit welchen Themen wir uns beschäftigen. Das ist jetzt offenbar nicht mehr so. Die meisten Mitglieder des Gremiums gehören den Moscheevereinen in der Gemeinde an. Ist das gut? Durchaus. Die Moscheevereine sind überragend wichtig als Anlaufstelle, zumindest für zugewanderte Muslime. Die Moscheen sind täglich geöffnet, dort wird die gleiche Sprache gesprochen, die Leute können helfen. Das macht natürlich keineswegs den Integrationsbeirat überflüssig. 

Was müsste der Beirat also tun? 

Deniz Werth: Er müsste sich mehr mit grundsätzlichen Dingen beschäftigen, nicht nur links und rechts Feuer löschen. Und dabei sollte es keine Rolle spielen, ob ein Flüchtling aus Syrien Hilfe benötigt oder jemand, der schon sieben, acht Jahre in Bönen lebt und jetzt die Sprache lernen möchte. Grundsätzlich müsste sich aber jeder einzelne von uns mit dem Thema Integration beschäftigen, nicht nur aus Nächstenliebe, sondern auch aus Eigenverantwortung. Als Bönener will ich mich in Bönen wohlfühlen und muss deshalb auch dafür sorgen, dass sich andere in der Gemeinde wohlfühlen. 

Deniz Werth, geborene Atli, wuchs als Tochter türkischstämmiger Eltern in Bönen auf. Die Juristin ist verheiratet, hat zwei Töchter und wohnt inzwischen mit ihrer Familie wieder in der Gemeinde. Sie ist Mitglied des Vereins Zuflucht.Bönen und engagiert sich dort als Schriftführerin im Vorstand.

Funktioniert Integration in Bönen überhaupt? 

Deniz Werth: Gut ist, dass Integration hier immer wieder ein Thema ist. Nach meinem Gefühl funktioniert sie aber immer weniger. Beide Seiten haben sich zurückgezogen, sind viele Schritte zurückgegangen. Wir waren schon einmal weiter. Integration kann man allerdings nicht von der Gegenseite erwarten, und sie hat auch nichts damit zu tun, dass sich die Zugewanderten anpassen sollen. Die Menschen sollen vielmehr so bleiben dürfen, wie sie sind. Es spielt keine Rolle, ob sie als Kriegsflüchtlinge hier hergekommen sind oder aus anderen Gründen. Jeder hat seine Geschichte, und man sollte niemals einen anderen Menschen bewerten. Entscheidend ist doch, dass jemand in Bönen leben möchte, und dabei sollten wir ihm helfen. Wenn man die Bewertung weglässt, gelingt Integration auch. 

Wie können wir dabei helfen?

Deniz Werth: In dem wir Begegnungen schaffen. Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die Interesse an Integration haben und helfen wollen. Sie wissen aber nicht, wie und wo. Ich habe mich selbst mal hingesetzt und überlegt, wo ich eine offene Tür finden würde, wenn ich hierher geflüchtet wäre. Ich habe keine Antwort gefunden. Klar, die Verwaltung sorgt für ein Dach über den Kopf, für Möbel und Ähnliches. Aber wo kann ich ankommen? Wir sehen zwar das Problem, es wird aber nicht in Lösungen gedacht. 

Wie wichtig ist Offenheit dabei?

Deniz Werth: Sehr wichtig. Ich bin zum Beispiel gläubige Muslime, gehe aber trotzdem in die Kirche – aus Respekt meinen Freunden gegenüber. Was spricht dagegen, als Deutscher mal in die Moschee zu gehen und einfach mal ein Gespräch anzufangen? So werden Ängste abgebaut. 

Ist das in den vergangenen Jahren nicht geschehen?

Deniz Werth: Ich habe immer gedacht, dass wir schon viel weiter wären. Aber als meine Tochter in den Kindergarten kam, gab es immer noch Diskussionen um Schweinefleisch beim Frühstücksbüfett. Klar, in meiner Kindheit war das so, aber ich dachte, das hätten wir längst hinter uns gelassen. Was ist das denn für ein Signal, wenn wir Kindern beim Schulfest signalisieren: ,Nein, du darfst die wohlduftende Bratwurst nicht essen, du gehörst nicht zu dieser Gruppe’! 

Sie engagieren sich mittlerweile im Verein Zuflucht.Bönen. Können Sie dort das fortsetzen, was Sie im Integrationsrat angefangen haben?

Deniz Werth: Ich kann mich dort sogar noch viel besser einbringen und direkter etwas tun. Bei Zuflucht.Bönen muss ich keine Politik beachten. Natürlich kann man nicht jeden retten und nicht jeden integrieren, aber ich kann immer gucken, wo ich helfen kann und ein guter Mensch sein. Das gibt mir unheimlich viel.

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