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Nach drei Jahren als Schulleiterin verabschiedet Petra Coerdt sich aus Bönen

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Von: Sabine Pinger

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Petra Coerdt hat drei Jahre lang die Bönener Humboldt-Realschule geleitet
Petra Coerdt verabschiedet sich nach drei anspruchsvollen Jahren von der Humboldt-Realschule. Foto: PINGER © Pinger Sabine

Was auf sie zukommt, wusste Petra Coerdt im Großen und Ganzen, als sie 2019 die Stelle als Leiterin der Humboldt-Realschule antrat. Schließlich ist die Dortmunderin eine erfahrene Pädagogin und Schulleiterin. Dass die Zeit in Bönen eine so herausfordernde sein würde, ahnte die Dortmunderin natürlich nicht. Mit den Sommerferien beginnt nun die Freistellungsphase der Altersteilzeit für Petra Coerdt. Mit WA-Redakteurin Sabine Pinger sprach sie zum Abschied über die zwar relativ kurze, aber intensive Zeit in der Gemeinde.

Nur ein halbes Jahr nachdem Sie die Leitung der Schule übernommen haben, stellte Corona alles auf den Kopf. Und nun herrscht noch Krieg in Europa. Für Sie und Ihre Kollegen ist das eine extreme Situation. So hatten Sie sich Ihre Zeit in Bönen sicher nicht vorgestellt.

Nein, es lief überhaupt nicht wie geplant. Ich bin seit fast 25 Jahren in der Schulleitung tätig, 23 Jahre davon als Schulleiterin. Als ich hierher gekommen bin, dachte ich, dass ich alle Aufgaben, die ein Schulleiter zu erledigen hat, im Wesentlichen kenne. Natürlich müssen die auf die Schule, das Kollegium, die Schüler und Eltern angepasst werden. Aber ich hatte das Gefühl, gut vorbereitet zu sein. Und dann kam alles anders.

Wie viel Normalität haben Sie überhaupt erlebt?

Ich habe nur ein halbes Jahr den normalen Schulbetrieb erlebt. Die übrigen 2,5 Jahre ging es darum, die Schule unter Corona-Bedingungen zu managen. Die ersten 1,5 Jahre waren dabei besonders schwer. Lange Zeit waren die Schüler gar nicht da oder wir hatten Homeschooling. Für die Umstellung auf die digitalen Medien, die dafür notwendig war, haben wir insbesondere hier in Bönen sehr schwere Rahmenbedingungen. Das war nicht einfach.

Zwar steigen derzeit die Infektionszahlen wieder, doch die meisten Schutzmaßnahmen wurden aufgehoben. Hat sich dadurch die Lage entspannt?

Im letzten Schuljahr waren die Auswirkungen der Pandemie trotz Präsenzunterricht deutlich zu spüren. Es haben immer mindestens zehn Schüler – meist mehr – gefehlt, die wir zu Hause mit Aufgaben versorgen mussten. Dann haben sich die fachlichen Defizite durch das Homeschooling deutlich gezeigt, die es aufzuholen gilt. Noch viel gravierender sind allerdings die Defizite im sozialen Bereich. Die Schüler haben verlernt, miteinander umzugehen. Das ist erschreckend. Das aufzuarbeiten, ist die größte Herausforderung.

War die Zeit in Bönen somit die anstrengendste in Ihrer Laufbahn?

Jein. Ich komme von der Anne-Frank-Realschule in Unna, die aufgelöst wurde. Diesen Auflösungsprozess zu begleiten, war eine anstrengende und herausfordernde Aufgabe. Anfangs hat man gehofft, man könnte diesen Prozess stoppen. Wir im Kollegium haben gemeinsam mit den Eltern und Schülern versucht, die Auflösung zu verhindern. Doch der erforderliche Neubau der Schule hätte 15 Millionen Euro gekostet. Da es noch eine weitere Realschule in Unna gibt, konnte oder wollte die Stadt das Geld dafür nicht aufbringen.

Nachdem Sie die Schule 20 Jahre geleitet haben: Wie haben Sie die Auflösung erlebt?

Es war nicht einfach, den Auflösungsprozess zu moderieren. Jahr für Jahr sind Kollegen gegangen, wurde die Schule kleiner. Auf der anderen Seite sind wir als Schulgemeinschaft enger zusammengerückt. Das war sehr positiv. Insgesamt hatte ich aber mit der Auflösung und jetzt der Corona-Pandemie zehn sehr unruhige Jahre.

Künftig werden Sie es hoffentlich ruhiger haben. Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Ich habe noch gar nicht richtig realisiert, dass am Freitag mein letzter Schultag ist. Es ist noch so viel zu tun. In der kommenden Woche werde ich auch noch da sein, aufräumen und die Übergabe regeln. Aber die Schüler und Kollegen sind ja dann schon nicht mehr da.

Eltern, Schüler, Kollegen: Alle bedauern, dass Sie die Schule verlassen. Dennoch haben Sie sich gegen eine offizielle Abschiedsfeier entschieden. Warum?

Unter Corona-Bedingungen war das Feiern lange nicht möglich. Da fand ich eine Abschiedsfeier nicht angemessen. Stattdessen habe ich mit dem Kollegium eine Paddel- und Pedelectour gemacht. Das hat allen viel Spaß gemacht und war vielleicht ein kleiner Ersatz dafür, dass wir drei Jahre lang keinen Lehrerausflug machen konnten. Es war sehr schön, und ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe.

Von Ihren Kollegen haben Sie sich also bereits verabschiedet. Nun sind die Schüler dran. Konnten Sie in Ihrer Zeit in Bönen mit Lockdown und Homeschooling überhaupt alle Mädchen und Jungen kennenlernen?

Nein, das war ein ganz großer Nachteil. Aufgrund der Situation konnte ich kaum Kontakt zu den Schülern aufbauen. Im Laufe der drei Jahre habe ich sicher nicht alle Schüler kennengelernt. Dabei war mir das immer ganz wichtig. Ich habe immer gerne unterrichtet und das bis zum Schluss auch getan. Und deshalb habe ich mich 2019 nach der Schließung der Anne-Frank-Realschule auch dafür entschieden, wieder in eine Schule zu gehen und nicht etwa zur Bezirksregierung. Der Kontakt zu den Schülern, zur jungen Generation, wird mir sehr fehlen.

Sie werden ebenfalls vielen fehlen – unter anderen Ihren Kollegen an den anderen Bönener Schulen. Wie haben Sie die Zusammenarbeit empfunden?

Sie war sehr konstruktiv und angenehm. Wir haben uns immer schnell abstimmen können. Bei bestimmten Dingen ist es gut, sie zusammen zu denken. Das hat sehr gut funktioniert und lässt sich bestimmt noch ausbauen, zum Beispiel im AG- Bereich oder bei einem Orchester. Wir teilen uns ja gerade einen Musiklehrer mit dem Gymnasium. Das klappt gut.

Was wünschen Sie der Humboldt-Realschule?

Ich wünsche ihr, dass sie, wie alle anderen Schulen auch, endlich wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Ich hoffe, dass sich die Corona-Lage und die Kriegssituation entspannt und wir nicht weiter von einer Krise in die nächste geraten. Es ist wichtig, dass wieder Ruhe ins System kommt, damit man Zeit hat für die großen Dinge. Für die Digitalisierung zum Beispiel. Die kann man nicht mal eben nebenbei machen.

Gab es Ideen, die Sie gerne an der Humboldt-Realschule umgesetzt hätten, was aber aufgrund der Situation nicht möglich war?

Mir war von Anfang an klar, dass ich keine großen Schritte werde machen können. Dafür war die Zeit zu kurz. Es braucht mindestens ein halbes Jahr, bis man das Kollegium so gut kennt, dass man weiß, was geht und was nicht. Und bei einem größeren Projekt muss man auf eine größere Basis setzten, auf Eltern und Schüler. Bis so etwas zu laufen beginnt, braucht es seine Zeit. Die ersten Ergebnisse hätten sich vielleicht im letzten Jahr eingestellt. Und ich möchte einem Nachfolger nicht den Weg vorgeben. Wenn ich aber Zeit gehabt hätte, hätte ich gerne eine Sportklasse mit dem Schwerpunkt Sport und Gesundheit eingerichtet. Das wäre sicher eine Bereicherung für Bönen gewesen.

Sie selbst haben demnächst vermutlich mehr Zeit für Sport. Ist das der Plan?

Ja, darauf freue ich mich schon. Ich spiele Tennis und gehe ins Fitnessstudio, vielleicht lerne ich tatsächlich noch Golf, das kann ich mit meinen Mann zusammen machen. Und ich habe die große Hoffnung, dass wir wieder reisen können. Wir haben schon viel von der Welt gesehen, Australien hat uns bis bislang aber noch gefehlt, weil das in den Ferien nicht möglich war. Im Sommer ist dort Regenzeit, und zwei Wochen in den Weihnachtsferien sind für Australien einfach zu wenig. Jetzt soll es im November, Dezember dorthin gehen. Außerdem möchte ich ein Musikinstrument lernen, mehr Zeit für die Familie haben und mal in Ruhe ein Buch lesen.

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