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Bex Biontec in Bönen arbeitet und forscht für einen nachhaltigen Ackerbau

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Von: Sabine Pinger

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Bex-Biontec Gründerin Dr. Rebecca Melcher
Dr. Rebecca Melcher, Gründerin von Bex Biontec, zieht in den Laboren des Kompetenzzentrums Bio Security Pflanzen für ihre wissenschaftliche Arbeit. Foto: Pinger © Pinger Sabine

Bönen – Fast acht Milliarden Menschen leben auf der Erde. Sie alle müssen ernährt werden. Damit die Landwirtschaft Getreide, Gemüse, Obst und Futtermittel für Tiere in ausreichenden Mengen produziert, ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Düngern heutzutage unabdingbar. Doch die viele Chemie schadet der Umwelt, dem Klima, Menschen und Tieren. Ein Dilemma also. Zum Glück gibt es Wissenschaftler, die nach Auswegen suchen. Dr. Rebecca Melcher gehört dazu. Im Bönener Kompetenzzentrum Bio Security arbeitet sie mit ihrem Start-up-Unternehmen Bex Biotec an ökologischen Alternativen für den Pflanzenschutz.

„Momentan gibt es einen Umbruch in der Landwirtschaft. Alles soll nachhaltiger werden, ökologischer. Glyphosat soll verschwinden“, weiß die Expertin. „Andererseits fehlt ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln die Leistung. In Deutschland würde das zum Beispiel einen Ernteausfall von 80 Prozent bedeuten.“

Es gibt allerdings Pflanzen, die können sich auch ganz gut selbst vor Krankheitserregern, Schädlingen oder Pilzen schützen – ohne künstliche Unterstützung. Warum sie über diese Abwehr verfügen, welche einzelnen Moleküle dafür verantwortlich sind und wie sich das anderweitig einsetzen lässt, das entschlüsselt Melcher mit ihrem Team seit 2017. Oft lässt sich diese natürliche Abwehrfunktion nämlich auf andere Pflanzen übertragen.

„Basteln und Probleme lösen“

Die 37-Jährige arbeitet dabei nach dem Struktur-Funktionsprinzip. Demnach sind Lebewesen – also auch Pflanzen – und Lebensvorgänge an Strukturen gebunden. Struktur und Funktion stehen in Zusammenhang. Wer die Strukturen kennt, der versteht in der Regel, wie etwas funktioniert. Für Rebecca Melcher bedeutet das: „Welches Molekül ist dafür verantwortlich, dass es als Pflanzenschutzmittel oder Dünger funktioniert, und wofür kann man es gebrauchen“, erklärt die Biologiewissenschaftlerin.

Basteln und Probleme lösen – das sei schon immer ihr Ding gewesen, erzählt sie und lacht. Bereits während ihres Biologiewissenschaftsstudiums an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) beschäftigte sich die Coesfelderin mit diesem Thema. „Die meisten Studenten in meiner Arbeitsgruppe arbeiteten mit Zuckerverbindungen aus Schalentieren oder Pilzen.“ Sie stieß hingegen auf die Grünalge. „Die war bis dahin ein großes Fragezeichen. Dabei gibt es sie überall auf der Welt, und sie ist mehr oder weniger ein Abfallprodukt. In touristischen Gegenden ist es sogar ein riesiges Problem, sie vom Strand zu fischen“, weiß Melcher. „Es wäre doch gut, wenn man dieses Abfallprodukt nutzbar machen könnte, zum Beispiel in der Landwirtschaft.“

Für ihre Doktorarbeit forschte sie an „Zuckerverbindungen aus Grünalgen als alternatives Pflanzenschutzmittel“, wie der Titel ihrer Promotion lautet. Rebecca Melcher entwickelte eine Methode, mit der sich deutlich schneller überprüfen lässt, wie die Moleküle oder Enzyme in den Pflanzen wirken. Zudem automatisierte sie das Testverfahren, sodass die einzelnen Proben nicht mehr von Hand untersucht werden müssen.

Ideales Arbeitsumfeld im Bönener Kompetenzzentrum

Während die Biotechnologin anfangs alleine mit dem von ihr entwickelten Verfahren arbeitete, nutzten schnell weitere Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe den Test, um schneller und einfacher zu Ergebnissen zu kommen. Ihre erste Idee war es daher, den Test anderen Studenten anzubieten. „Verkauf es lieber an die Industrie“, sahen Mitarbeiter der WWU durchaus größere Chancen für ihre Entwicklung.

Und so gründete Rebecca Melcher 2017 gemeinsam mit ihrem Vater Christoph Ryll die Bex Biontec GmbH & Co. KG. Der Maschinenbauingenieur stieg als stiller Teilhaber mit ein und ist als erfahrener Unternehmer zugleich ein wertvoller Berater für die junge Gründerin. Weitere Starthilfe bekam das Unternehmen zunächst durch Stipendien und die Möglichkeit, weiterhin Räume und Laborflächen in der Universität zu nutzen.

Irgendwann wurde es dort aber zu eng. „Wir hatten von Anfang an Kontakt zu Oliver Bonkamp, weil er unsere Gründung mit begleitet hat“, erzählt die dreifache Mutter. Der Bio-Security-Prokurist zeigte ihnen das Kompetenzzentrum in Bönen – für Rebecca Melcher und ihr inzwischen fünfköpfiges Team das ideale Arbeitsumfeld. 2020 zog das kleine Unternehmen so in die Gemeinde um.

„Unsere Idee war es, sofort an den Markt zu gehen. Wir waren im ersten Jahr viel auf Messen unterwegs, habe dann aber festgestellt, dass der Bedarf ein anderer ist, als wir es uns vorgestellt haben.“ Melcher reagierte darauf, strukturierte ihr Angebot um. Inzwischen arbeitet ihre Firma vor allem als Dienstleister. „Wir unterstützen Hersteller von Biostimulanzien, indem wir Auftragsforschungen übernehmen“, berichtet die Bex-Biontec-Inhaberin.

Eine Entscheidung zwischen Leben und Tod

In ihren Laborräumen untersuchen Rebecca Melcher und ihre Mitarbeiter pflanzliche Substanzen auf deren Funktion und Wirksamkeit oder vergleichen im Auftrag Produkte miteinander. Sie ziehen selbst Pflanzen an, um zu beobachten, wie diese auf bestimmte Faktoren, unter anderem Trockenheit, Hitze und Nässe, reagieren, zu welchem Zeitpunkt der Entwicklungsphase der Einsatz der Stimulanzien sinnvoll ist oder ob eine bei Tomaten effektive Substanz bei Weizen gleichfalls wirkt. Und natürlich findet der von Melcher entwickelte Test dort Anwendung. „Wenn man versteht, wie ein Mittel wirkt, lässt es sich viel besser einsetzen“, so die 37-Jährige.

Zwar könne dadurch nicht gänzlich auf Herbizide und Pestizide verzichtet werden, wenn der Ernteertrag erhalten bleiben soll, doch könnten die Alternativen immerhin Pilzbefall bis zu 80 Prozent eindämmen. „Das ist für einen indischen Bauern, der seine Familie ernähren muss, unter Umständen eine Entscheidung zwischen Leben und Tod.“

Mit ihrer Arbeit leistet Rebecca Melcher somit einen wichtigen Beitrag zur Agrarwende – auch mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung. Die IHK Nord-Westfalen und das Netzwerk „Frauen u(U)Unternehmen“ (FuU) zeichneten die Mutter zweier Töchter und eines Sohnes vor Kurzem mit dem Unternehmerinnenpreis aus. Ihre Arbeit sei ein gelungenes Beispiel für Grundlagenforschung mit Mehrwert für die Gesellschaft, hieß es bei der Preisverleihung im Erbdrostenhof in Münster.

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