Der Doktor ist (noch) da: Konzepte gegen drohenden Ärztemangel

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Noch ist die Versorgung mit Hausärzten in Bönen ausreichend, bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe. In den kommenden Jahren droht aber auch hier eine Unterversorgung.

Bönen – Experten schlagen Alarm: Deutschlandweit droht Ärztemangel im ländlichen Raum. Aktuell ist die medizinische Versorgung in Bönen noch gewährleistet, aber für die Zukunft müssen möglicherweise Strategien entwickelt werden, um den Standort für junge Ärzte attraktiv zu machen.  

Während in den Ballungszentren eine hohe Praxisdichte zu verzeichnen ist, sind viele kleinere Orte bereits unterversorgt. Das bedeutet für Patienten lange Wartezeiten auf einen Behandlungstermin und lange Wege zu Fachärzten, die oft nur in den größeren Städten zu finden sind. 

In Bönen ist die ärztliche Versorgung aktuell noch ausreichend. Allerdings lassen demografischer Wandel und die Altersstruktur der niedergelassenen Ärzte den Schluss zu, dass in den kommenden Jahren auch in der Gemeinde Unterversorgung droht. 

Acht Hausärzte kümmern sich derzeit in der Gemeinde um die allgemeine medizinische Versorgung vor Ort – sechs Allgemeinmediziner, zwei mit dem Schwerpunkt innere Medizin. Zudem sind sechs Fachärzte in Bönen niedergelassen in den Bereichen Augenheilkunde, Kinder- und Jugendmedizin, Gynäkologie, HNO und Psychotherapie. 

Zudem ist das Orthopädische Behandlungszentrum Hamm mit einer Zweigstelle in Bönen vertreten, die Termine an zwei Tagen in der Woche anbietet. Die Nachfrage ist allerdings größer. 

„Die medizinische Versorgung ist derzeit noch gut“, urteilt auch Bürgermeister Stephan Rotering. „In den kommenden Jahren werden in Bönen aber mehrere Praxen aus Altersgründen einen Nachfolger finden müssen. Zum anderen werden die Bürger immer älter, der Behandlungsbedarf steigt.“

Das Ärztehaus an der Bahnhofstraße in Bönen.

Deshalb müsse die Gemeinde die Situation im Auge behalten und notfalls Maßnahmen ergreifen, um die medizinische Versorgung vor Ort zu gewährleisten. Das gehöre zu den kommunalen Aufgaben der Daseinsvorsorge. „Wo der Markt nicht funktioniert, müssen wir gemeinsam mit der Politik überlegen, wie wir Anreize schaffen können, damit junge Mediziner sich in unserer Gemeinde niederlassen – und zwar frühzeitig“, so Rotering. 

Denkbar seien ganz unterschiedliche Maßnahmen wie das Angebot von Praxisräumen oder die Werbung der Wirtschaftsförderung um Medizinstudenten. Konkrete Konzepte gebe es aber derzeit noch nicht. 

Kreis wirbt mit Stipendium um Mediziner

Da ist der Kreis Unna schon einen Schritt weiter. Der wirbt mit einem Stipendium um angehende Ärzte. Wer sich verpflichtet, als Arzt mindestens fünf Jahre im Kreis Unna zu arbeiten, kann sich nach dem Physikum bewerben. Damit möchte der Kreis dem drohenden Ärztemangel rechtzeitig begegnen. 

Drei Studenten sollen zum Beginn des Wintersemesters 2019/2020 mit monatlich 500 Euro gefördert werden. Im zweiten Förderjahr sollen sechs Studenten, im dritten neun und im vierten zwölf die finanzielle Förderung erhalten.

 „Wir begrüßen die verschiedenen Initiativen von Kommunen und Kreisen sehr“, sagt Vanessa Pudlo, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL). „Nur Hand in Hand können wir es schaffen, Standorte attraktiver zu machen für eine Niederlassung.“ 

Mit der Kampagne „Praxisstart“ engagiere sich die KVWL bereits seit 2014 für die Nachwuchsgewinnung in der ambulanten Versorgung. Ziel sei es, die ambulante Versorgung stärker in den Fokus von Klinikärzten und Medizinstudierenden zu rücken. Die Kampagne bündelt alle Fördermaßnahmen sowie Informations- und Beratungsleistungen der KVWL für den ärztlichen Nachwuchs. 

Aber der KVWL habe auch ein „Frühwarnsystem“ entwickelt, um proaktiv Unterversorgungen abzuwenden. „Die KVWL ist verpflichtet, geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung zu gewährleisten und zu fördern“, erläutert Pudlo. 

Besteht dringender Versorgungsbedarf für einen Standort, dann wird dieser in das Förderverzeichnis aufgenommen. „Hier können sich interessierte Mediziner für einen Ort bewerben und Förderungen für ihre Niederlassung erhalten.“ Bönen findet sich nicht auf der Liste, Nachbarkommune Bergkamen schon.

Fakten: Bedarfsplanung und Versorgungsgrad

Die Bedarfsplanung der KVWL legt fest, wie viele Ärzte in einer Stadt, in einem Kreis oder in einer Region benötigt werden. Für jedes ärztliche Fachgebiet wird eine Relation von Einwohnern je Arzt festgelegt. 

Stimmt die Relation mit der gesetzlichen Vorgabe überein, so beträgt der Versorgungsgrad 100 Prozent. In der hausärztlichen Versorgung spricht man ab einem Versorgungsgrad unter 75 Prozent von einer Unterversorgung, ab einem Versorgungsgrad über 110 Prozent von einer Überversorgung (dann wird der Bereich für Neuzulassungen gesperrt). In der fachärztlichen Versorgung gilt ab unter 50 Prozent eine Unterversorgung. 

Im Mittelbereich Unna (Bönen, Fröndenberg, Holzwickede und Unna) liegt der hausärztliche Versorgungsgrad aktuell bei 102,8 Prozent. Insgesamt sind dort 60,5 Hausärzte tätig. Gegenwärtig sind hier rund 32 Prozent der Ärzte 60 Jahre oder älter. Damit liegt der MB Unna etwas unter dem Durchschnitt von rund 38 Prozent in Westfalen Lippe.

Die fachärztliche Versorgung wird auf Kreisebene geplant. Hier liegt der durchschnittliche Versorgungsgrad im Kreis Unna aktuell zwischen 116 und 141 Prozent.

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