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Neue Gebührenordnung und schließende Praxen bereiten Haltern Sorgen

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Von: Carola Schiller

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Tierbesitzer wissen, wie teuer ein Tierarztbesuch jetzt schon werden kann.
Wer mit seinem Tier zur Arzt muss, wird ab Oktober mehr bezahlen müssen. Die Gebührenordnung für Tierärzte wurde geändert. © Sven Hoppe

Ab 1. Oktober gilt für Tierärzte eine neue Gebührenordnung, die von Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde. Für die Halter von Haus- oder Nutztieren wird deshalb die tierärztliche Betreuung teurer. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.

Bönen - Dr. Ralf Thormann ist Tierarzt in Bönen. „Ich bin kein Befürworter der der Erhöhung“, macht er deutlich. „Das hätte man auch anders lösen können“, findet der Veterinär angesichts der insgesamt steigenden Kosten. Nach 23 Jahren sei die Entscheidung für eine Erhöhung zwar nachvollziehbar, Berechnungsspielraum gab und gebe es aber dennoch. Er ist sicher, dass sich längst nicht jeder Tierarzt am unteren Rand der Gebührenordnung bewegt.

Längst gestiegen seien die Preise für Medikamente, die dem Tierbesitzer sowieso berechnet werden müssen, wenn Tierärzte nicht draufzahlen wollen. Wesentlich kritischer findet Ralf Thormann allerdings die schrumpfende Zahl der Tierarztpraxen und das schwindende Personal. Er selbst sucht Fachkräfte.

Dabei nehmen die Anfragen von Tierhaltern zu. Bis aus Dortmund und Arnsberg wollen die Hunde- und Katzenbesitzer nach Bönen kommen, weil sie in ihrer Region keine Tierarztpraxis finden, die Patienten aufnimmt. Dem kann sich Ralf Thormann auch nur anschließen. Er kann aktuell nur seine Bestandskunden betreuen.

Tierschutzverein sorgt sich um medizinische Versorgung

Die neue Gebührenordnung sei nur ein kleiner Ausschnitt aus der Entwicklung, die es Tierbesitzern zunehmend schwieriger mache.

Für die Vier-Pfötchen-Hilfe in Bönen sind die steigenden Kosten in jedem Fall ein Problem. 17 Katzen, darunter tragende weibliche Tiere, Katzenbabys und erwachsene Katzen, beherbergt der Verein derzeit. „In diesem Jahr konnten wir nur vier vermitteln“, so Vorsitzende Sandra Lopez-Cano.

Dabei räumt sie aber ein, dass die Katzenfreunde sich Interessenten sehr genau anschauen, bevor ein Tier die Station verlässt. Abgabetiere nimmt der Verein nicht an, sondern kümmert sich um Fundtiere, die keinem Eigentümer zugeordnet werden können. Selbst wenn das Fundtier gesund ist, fallen mindestens 250 Euro Tierarztkosten an. Das liegt an den Untersuchungen auf die gängigen Infektionen. „90 Prozent der Katzen sind positiv“, erklärt Lopez-Cano, warum die Tests so wichtig sind. Dann folgen Mikrochip und die Kastration, denn im Kreis Unna besteht die Pflicht dazu, um das Katzenelend einzudämmen.

Mit den Kosten sind die Tierschützer aber sich selbst überlassen. 45 Mitglieder hat der Verein, der sich außerdem vor der zunehmend schlechten tierärztlichen Versorgung weit mehr fürchtet als vor steigenden Kosten. Wenn der Verein nachts angerufen wird, weil eine verletzte Katze auf der Straße liegt, ist schnelle Hilfe gefragt. Die Tierklinik in Ahlen hat ihren Notbetrieb aufgrund des Fachpersonalmangels eingestellt. „Nichts ist mehr planbar“, macht sich Sandra Lopez-Cano Sorgen, denn der nächste Notruf wird nicht lange auf sich warten lassen. „Wo soll ich dann hin?“

Notdienst gefordert

Nicht viel anders sieht das Sybille Stoeckmann vom Jukiba Speckenhof in Bönen. Der Archehof beherbergt neben Pferden, Geflügel und Ziegen auch Tiere bedrohter Arten. Auch für Stoeckmann sind die steigenden Kosten für den Tierarzt nur ein Randthema. „Das Problem ist, dass man froh sein kann, wenn überhaupt ein Tierarzt da ist“.

Sie braucht die veterinärmedizinische Unterstützung vor allem als Notdienst, also außerhalb der gängigen Bürozeiten und als „Hausbesuch“, denn die Hoftiere können nicht in die Praxis gefahren werden. Sybille Stoeckmann bemängelt, dass der Tierschutz staatlich nicht bezuschusst wird. „Verwilderte Hauskatzen gehören da eigentlich rein“, macht sie deutlich.

Sie wünscht sich auch staatliche Unterstützung für Tierärzte, die sich für Notdienste zur Verfügung stellen. „Ich seh doch, wie Tierärzte an der Belastungsgrenze arbeiten.“ Dass junge Tierärzte sich diesem Stress nicht mehr aussetzen wollen, kann sie leicht nachvollziehen. Sybille Stoeckmann erinnert sich mit ungutem Gefühl daran, dass ihr Tierarzt nachts schon mehr als sechsmal in den Stall kommen musste, um einem lebensbedrohlich erkrankten Pferd zu helfen.

Ein bisschen könnten Tierhalter selbst tun, um ihren Tierarzt zu entlasten, findet sie. „Tierbesitzer könnten etwas aufmerksamer sein und vermeiden, einen Tierarzt außerhalb der normalen Sprechzeiten zu beanspruchen.“

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