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Streik in der Geld- und Wertbranche sorgt für Engpässe

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Von: Sabine Pinger

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Im Ausland Geld abheben: Vor der Reise Limit der Girocard prüfen
In vielen Werttransportunternehmen wird für höhere Löhne gestreikt. Dadurch kann es auch in Bergkamen vorkommen, dass Geldautomaten leer sind. © Benjamin Nolte

Jetzt wird auch noch das Geld knapp. Anders als bei Baustoffen, Mikrochips und Rapsöl ist aber weder die Corona-Pandemie noch ein Materialmangel oder gestörte Logistik Grund dafür. Vielmehr befindet sich die Geld- und Wertbranche im Arbeitskampf, zwischen Freitag und Montag wurde vielenorts gestreikt. Und so wie es aussieht, wird der Ausstand fortgeführt. Davon ist auch die Gemeinde betroffen.

Bönen - Der Sparkasse Bergkamen-Bönen geht das Geld bereits an einigen Stellen aus, die Volksbank Bönen hat nach eigenen Angaben derweil noch keine Probleme. „Bei uns läuft momentan noch alles ganz normal“, sagt Volksbank-Sprecher Benedikt Kemmann. Handeltreibende im Ort haben hingegen schon Probleme, ihre Einnahmen sicher zu transportieren. Den Zeitpunkt haben die Streikenden und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi natürlich gezielt ausgesucht. Zu Monatsbeginn decken sich viele Menschen mit Bargeld ein, nachdem ihr Gehalt aufs Konto gegangen ist. Da aber das Geld erst mal in die Geldautomaten kommen muss, sind die Transporte gefragt, die die wertvollen Scheine dorthin bringen.

Genau das verweigerten viele Mitarbeiter der großen, in der Region ansässigen Fachunternehmen Prosegur, Ziemann und Loomis jedoch, nachdem in der Nacht zum Donnerstag die Verhandlungen über eine Erhöhung der Gehälter für die bundesweit circa 10 000 Beschäftigten ihrer Branche ohne Ergebnis vertagt worden war. In der vierten Verhandlungsrunde wurde bis in die Nacht verhandelt, ohne Ergebnis drohen weitere Streiks.

Geld selbst transportiert

Allein das schwedische Werttransportunternehmen Loomis hat in Dortmund rund 250 Beschäftigte, die nun ihrer Forderung nach mehr Lohn Nachdruck verleihen. Ein Kunde des Unternehmens ist die Sparkasse Bergkamen-Bönen. Deren Mitarbeiter setzten vor dem Wochenende alles daran, die Geschäftsstellen mit ausreichend Geld zu versorgen. „Wir sind selbst gefahren, was unter Sicherheitsaspekten gar nicht so einfach ist“, erklärt Sparkassen-Sprecher Michael Krause. Dennoch haben es seine Kollegen geschafft, zumindest einen Automaten in jeder Geschäftsstelle zu bestücken.

Knapp wurde es ab Samstagnachmittag trotzdem, wie Krause berichtet. „Vor allem Bergkamen ist betroffen. Bönen wurde am Freitag noch angefahren. Dort sieht es noch gut aus.“ Ob das allerdings so bleibt, ist fraglich.

Branchenkoordinator Karsten Braun von Verdi rechnet zumindest damit, dass es weitere Einschränkungen geben wird beim Bezahlen mit Bargeld in den Geschäften und beim Geldabheben beim Kreditinstitut. „Wir bekommen zunehmend Meldungen, dass die Geldautomaten leerlaufen“, berichtet der Gewerkschaftssekretär.

Tarifparteien streiten


Durch die Streiks werden wichtige Kreisläufe gestört. Normalerweise holen die Fahrer der Geld- und Werttransporte das Geld aus den Handelsunternehmen ab. Es wird gezählt, gebucht und geht dann zur Bundesbank. Die wiederum versorgt die Sparkassen und Banken mit Bargeld – wieder mithilfe der Transportunternehmen. „Wenn weiter gestreikt wird, dann geht allen das Geld aus“, schätzt Karsten Braun. Die Zahl der Mitarbeiter, die sich am Arbeitskampf beteiligen, sei schließlich sehr groß.

Und die Fronten sind verhärtet. Verdi fordert, den Stundenlohn der Beschäftigten auf 16,19 Euro für die „Geldzähler“ beziehungsweise 20,60 Euro für die Fahrer heraufzusetzen sowie um bis zu elf Prozent höhere Bruttogehälter für die betrieblichen Angestellten. Gründe für die hohen Forderungen seien zum einen die deftige Inflationsrate, die die Reallöhne schrumpfen lässt, aber auch die noch immer ernorme Lücke zwischen den Ost- und Westlöhnen in der Branche. Darüber hinaus sei der Beruf der Geld- und Werttransporteure mit extremen Gefahren verbunden. „Erst in der vergangenen Woche hat es in Berlin einen Überfall auf einen Geldtransporter gegeben, bei dem Mitarbeiter verletzt wurden“, erinnert Karsten Braun. So etwas habe es in NRW ebenfalls schon gegeben.

Bei der jüngsten Tarifrunde hätten die Beschäftigten der Branche bereits auf eine Lohnerhöhung verzichtet. Aufgrund der Lockdowns in der Corona-Pandemie wollten sie vor allem ihre Arbeitsplätze sichern, Homeoffice kam für sie schließlich nicht infrage. „Damals gab es also schon Leermonate. Dieses Mal können die Mitarbeiter nicht schon wieder verzichten“, so der Gewerkschafter.

Sparkassen-Mitarbeiter Michael Krause rät den Kunden seines Unternehmens jedenfalls, den Cashback-Service vieler Discounter, Einzelhändler und Tankstellen zu nutzen. Dort können sich die Kunden an der Kasse Bargeld auszahlen lassen, das mit den Kosten für den Einkauf von ihrem Konto abgebucht wird.

An der Kasse nach Bargeld fragen

Ob das an der Star-Tankstelle in Bönen möglich ist, darüber möchten die Mitarbeiter keine Auskunft geben. Die Esso-Tankstelle an der Bahnhofstraße bietet diesen Service indes nicht an. Dort können die Kunden freilich bargeldlos mit ihren Bank- und Kreditkarten bezahlen. Selbst betroffen ist der Betrieb nicht vom Streik. „Wir bringen unser Geld selbst zur Bank“, erzählt Inhaber Ender Helebi. Regelmäßig wird die Tankstellenkasse geleert, um nicht zu viel Bargeld vorrätig zu haben. Das könnte schließlich Kriminelle anlocken.

Ähnlich wird das bei Rewe Karwoth gehandhabt. Laut Geschäftsführer Adam Karwoth arbeitet sein Unternehmen direkt mit der Volksbank zusammen, das Geld wird über die kurze Distanz zwischen Kreditinstitut und Geschäft befördert, ohne einen Dienstleister dafür zwischenzuschalten. Wie die Mitarbeiter des Edeka-Marktes Sauer es regeln, dazu möchten sie keine Angaben machen. Auf jeden Fall hätten sie nicht festgestellt, dass mehr Bönener beim Bezahlen nach Bargeld fragen.

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