Ohne rangieren geht es nicht

Fahrt mit dem Müllwagen zeigt, wie eng es auf Bönens Straßen zugeht

Bönens Straßen sind oft eine Herausforderung für die Fahrer der Entsorgungsfahrzeuge
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Die Durchfahrt zur Witheborgstraße ist sehr schmal für den 2,50 Meter breiten GWA-Lkw. Der Greifer kann dort nicht ausfahren, also muss Alexander Dick aussteigen und die Tonnen heranziehen.

Bönen – Nicht überall kommen die Müllwagenfahrer in Bönen problemlos durch. Hin und wieder müssen sie sogar den Rückwärtsgang einlegen, und das ist streng genommen nicht erlaubt. Deshalb soll die Gemeinde ein Konzept aufstellen, wie sich das Rückwärtsfahren vermeiden lässt und wo eventuell sogar Sammelplätze für die Mülltonnen eingerichtet werden müssen. Denn es gibt einige Engstellen in der Bönener Straßenlandschaft. Davon kann Seitenlader-Chauffeur Alexander Dick ein Lied singen.

Einige sind baulich bedingt, wie die vor der eigenen Haustür, weiß der GWA-Angestellte. Der Bönener wohnt am Begonienplatz in der Blumensiedlung. Dort müssen die Anwohner die Tonnen zur Lilienstraße bringen, damit sie geleert werden. „Ich weiß nicht, warum es dort so eng ist. In den Nachbarstraßen ist das nicht so“, sagt er.

Aktuell ist der Kletterpoth mit seinen fruchtigen Nachbarn zu befahren. „Im Apfelweg war früher der Wendehammer zugeparkt“, erzählt er von der Zeit ohne Parkverbot. Eng wird es trotzdem, denn leere Wertstofftonnen stehen im Weg. Unnötiges Rangieren ist angesagt. Die Gelben Tonnen markieren auf dieser Tour die Strecke oft. Manchmal sind sie nur im Weg, wenn eine zwischen den Restmülltonnen steht, „darf“ Dick auch seinen Sitz verlassen, muss den Fremdkörper beiseite schieben, damit sein Ausleger die richtigen Tonnen greifen kann.

Säcke landen erste in der Tonne, dann im Fahrzeug

Es ist beileibe keine Arbeit im Sitzen. Der Greifer kann eine Menge, mal kurz, mal lang ausfahren. Außerdem hat Dick mit dem Joystick die Möglichkeit, ihn noch parallel zum Fahrzeug zu bewegen und leicht den Winkel zu ändern. Wenn die Tonne allerdings zu schlampig hingestellt wird, zu schräg, dann muss Dick seinen bequemen Sitz ebenso verlassen und die Tonne gerade rücken. Oder wie jetzt am problemlosen Kletterpoth, wenn ein Restmüllsack daneben steht. Erst wird der Müll halbautomatisch geleert, dann landet der Sack händisch in der leeren Tonne, die dann noch mal die Fahrt nach oben antritt.

Dick setzt aus der Sackgasse Birnenweg zurück. Am Durchgang zur Pestalozzischule geht es nicht anders als mithilfe der sechs Spiegel und der 180 Grad-Heckkameras. Der Greifarm ist rechts, die einzige Tonne auch. Wenden ist unmöglich. Also: Rückwärtsfahrt, obwohl das seit 2016 aus versicherungstechnischen Gründen verboten ist, wegen der großen Unfallgefahr. Für Müllwagen gebe es wohl eine Ausnahmeregelung, weil es manchmal nicht anders gehe. Noch, denn Gespräche mit der Gemeinde laufen, dass Anwohner ihre Tonnen zu Sammelpunkten an die breiteren Straßen schaffen sollen. Das wäre im Birnenweg eine Strecke von vielleicht 20 Metern für die Anwohner am Durchgang.

Rückwärtsfahren mit Entsorgungsfahrzeugen

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), Gewerkschaften und Entsorgungswirtschaft verfassten 2016 eine sogenannte Branchenregel für das Rückwärtsfahren von Müllwagen, um Unfälle zu vermeiden. Zum einen soll die Strecke der Müllfahrzeuge so geplant werden, dass Rückwärtssetzen möglichst verhindert wird, dann gibt es folgende Eckpunkte:

• An beiden Längsseiten des Müllwagens soll jederzeit ein Sicherheitsabstand von mindestens 0,5 Metern über die

gesamte Rückfahrstrecke bestehen.

• Die Strecke im Rückwärtsgang soll nicht länger als 150

Meter sein.

• Die Sicht durch die Rückspiegel darf nicht verstellt sein.

• Einweisende Personen dürfen sich nur im Sichtbereich des Fahrzeugführers aufhalten.

• Einweisende sollen wegen der Sturzgefahr nicht rückwärts gehen.

Weiter geht’s den Kletterpoth runter. „Ich muss auf alles achten“, meint Dick lapidar, als eine Autofahrerin im viel zu kleinen Kreisverkehr nicht ihre Richtungsabsicht erkennen lässt. Der GWA-Pilot hat direkt vor dem Kreisel aufgeladen und fährt an. Danach geht es den Berg wieder hoch, Ziel Holtmannshof. Dick lässt einen Lieferdienst vor. Dem Nächsten bedeutet er zu warten, da die Kapazität der Straße erschöpft ist. Wenden kann er dort nur in einer kleinen Stichstraße. „Wir nehmen aufeinander Rücksicht, arbeiten ja beide an der Straße“, so der 44-Jährige.

„Das ist so ein bisschen wie ein Vorführeffekt“, urteilt er beim Rangieren vor Ort. „Normalerweise ist hier alles zugeparkt.“ Das Kurbeln bleibt ihm heute erspart.

Bevor der „Ostblock“, die Straßen von Berlin bis Stettin, dran ist, geht es noch in die Witheborgstraße. Zwischen Abdach des Anbaus und dem Torhaus ist gerade ein halber Meter Luft für das 2,50 Meter breite Entsorgungsfahrzeug. Gleich zu Beginn stehen Tonnen. „Nahaufnahme“ signalisieren die Sensoren. Das bedeutet, dass der Greifer keinen Bogen fahren kann, sondern senkrecht hochfahren muss. „Noch näher geht nicht“, erklärt Dick, „dann müsste ich für Abstand sorgen.“ Aussteigen muss er aber sowieso, weil eine Wertstofftonne zwischen den Restmülltonnen steht, was das Zupacken unmöglich macht.

Pkw versperren die Mülltonnen

Die Witheborgstraße im Verlauf stellt Dick vor keine weiteren Probleme. Bis auf die letzte Einfahrt, die auch zu den Tennisplätzen führt. Es geht nur rückwärts und dann auch noch in einer S-Kurve. Erneut für nur eine Tonne. Die anderen, die dort stehen, werden alle vier Wochen geleert, also erst in 14 Tagen. „Wenn nur kleine Pkw eine Lücke lassen, geht das“, setzt Dick seinen zehn Meter langen Lkw in der kaum längeren Freifläche möglichst nah an den Bordstein. Das reicht für den Ausleger. „Hätte hier ein Bulli gestanden, wäre es nicht gegangen.“ Dann wäre Dick ausgestiegen wie ein paar Meter weiter. Dort parken die Pkw regulär in Buchten, aber dicht an dicht. Jemand hat die Tonnen aber mittig dahinter platziert. Gewohnheit, mutmaßt der Fahrer, normal sei dort immer eine Lücke.

Im Mai sei es vorbei, dann kämen dort Halteverbotschilder hin, die Anwohner bekämen Bescheid, wo sie ihre Tonnen platzieren müssten.

Dick setzt gerade aus der engen Elbinger Straße zurück, nimmt die Kurve auf die Berliner Straße vorsichtig. „Privatgrundstücke darf ich nicht befahren“, sagt er. Darum meidet er den Kontakt mit einer Pflasterfläche. Einen Müllwagen im Vorgarten hätte er auch nicht gerne.

Oft wird Bauschutt entsorgt

Keine Chance auf Entsorgung hat ein Anwohner mit seinen Plastiktüten neben der Tonne. „Das dürfen wir nicht mitnehmen. Entweder er bestellt eine größere Tonne oder er kauft sich einen Müllsack bei der Gemeinde“, verweist Dick auf die Regularien.

Auf Verdacht kontrolliere er auch. Ein Klappern beim Abkippen verrät andere Ware als den in der Regel stillen Restmüll. „Wenn sich der Wagen durch das Gewicht der Tonne neigt, merke ich auf“, sagt er. Oft sei es Bauschutt.

Der ständige Alarm der Abstandssensoren und Bewegungsmelder in den Stichstraßen signalisiert, wie eng es zugeht in Bönens Straßen, auch wenn es an diesem Morgen eher harmlos gewesen sei, wie Dick meint. Sicherer und einfacher zu entsorgen wären die Wohngegenden in der Tat, wenn es Sammelpunkte für die Tonnen gebe. Weit ist der Weg in keinem Fall. Waldenburger und das Endstück der Leipziger Straße befährt die GWA schon jetzt nicht.

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