Überholte Technik, kein Internet

Die Humboldt-Realschule in Bönen ist noch weit von einer Digitalisierung entfernt

Die Geräte in den EDV-Räumen der Humboldt-Realschule sind zwischen sieben und zehn Jahre alt.
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An alten PCs lernen derzeit die Schüler in der Notbetreuung an der Humboldt-Realschule. An dem digitalen Unterricht können sie nicht teilnehmen - es gibt keine Kameras und Mikrofone an den Rechnern und keine Internetverbindung.

Bönen – Es rappelt in der Kiste. Der Bildschirm flackert, eine gefühlte Ewigkeit vergeht. Bis einer der Computer im EDV-Raum der Humboldt-Realschule startklar ist, dauert es circa vier Minuten, schätzt Schulleiterin Petra Coerdt. Auch das anschließende Arbeiten an den Geräten läuft alles andere als fließend. Sich damit im Internet zu bewegen ist nahezu unmöglich, es fehlt an einer entsprechenden Leitung. Von einer Digitalisierung ist die Schule also meilenweit entfernt. Abhilfe schaffen soll der Digitalpakt Schule, den der Bund 2019 auf den Weg gebracht hat. Doch das Förderprogramm stockt in Bönen ähnlich wie die Internetverbindung in der Realschule.

Im Herbst 2019 führte die Südwestfalen IT, ein IT-Dienstleister mit Sitz in Hemer, im Auftrag der Gemeinde eine Bestandsaufnahme in der Realschule und den anderen vier Bönener Schulen durch. Im darauffolgenden Frühjahr gab es dann Gespräche mit den Schulen, der Schulträgerin und den Spezialisten, um einen gemeinsamen Medienentwicklungsplan aufzustellen. Der ist erforderlich, um die Bundesmittel beantragen zu können. Nach dem Verteilungsschlüssel kann Bönen immerhin 715 000 Euro für die digitale Ausstattung der Schulen ausgeben. Der erste Entwurf des Planes lag den Verantwortlichen im April vergangenen Jahres vor. Inzwischen wurde er mehrfach überarbeitet und angepasst. Am Donnerstag sollen die Mitglieder des Schulausschusses nun über die dritte Auflage abstimmen. Damit könnten endlich die Gelder abgerufen und die überfälligen Anschaffungen getätigt werden.

Zumindest könnte die Realschule dann ihre beiden EDV-Räume auf den aktuellen Stand bringen. Das ist zwingend notwendig. Zurzeit stehen dort 42 Computer für die Schüler plus zwei Lehrergeräte. Die Hälfte davon ist etwa zehn, die andere Hälfte rund sieben Jahre alt. Die Technik darin ist längst überholt. Und auf allen PCs läuft das Betriebssystem Windows 7. Das wird seit zwei Jahren nicht mehr unterstützt. „Viele Programme, die wir brauchen, laufen darauf nicht mehr“, sagt der stellvertretende Schulleiter Guido Bläsing.

Ab dem kommenden Schuljahr wird es indes noch wichtiger, dass die Realschule angemessen ausgestattet ist. Das Schulministerium will den IT-Bereich stärken, alle Fünft- und Sechstklässler bekommen ab August verpflichtend zwei Stunden Informatik pro Woche erteilt. „Für uns hatte das Fach schon immer einen hohen Stellenwert“, sagt Bläsing. Die Fünftklässler werden an der Realschule seit Langem in Informatik unterrichtet, und in den Jahrgängen acht bis zehn ist es als Wahlpflichtkurs sogar das vierte Hauptfach. „Wir arbeiten seit über 20 Jahren intensiv mit der EDV und waren früher eine der führenden Schulen in diesem Bereich.“

Kommunen haben auf Förderung gewartet

Seit Jahren gebe es nun nur noch Rückschritte, weil es seitens des Schulträgers an der Ausstattung fehle. „Wir zahlen jetzt die Zeche für die desolate Haushaltslage der Gemeinde in den vergangenen Jahren“, so Petra Coerdt. Die hätte der Schulträgerin wenig Möglichkeiten gelassen. Schon der Streit, den Bund und Länder zwei Jahre lang um den Digitalpakt geführt haben, hätte die technische Entwicklung verzögert. „Wie viele andere Kommunen hat Bönen natürlich auf das Förderpaket gewartet“, hat die Schulleiterin Verständnis für die Verwaltung. An der Situation in der Schule ändert das aber wenig. „Wir bemühen uns um Sponsoren, um wenigstens die größten Löcher zu stopfen“, sagt Petra Coerdt. „Das ist schon eine große Belastung.“

Noch dringender als neue Hardware braucht die Humboldt-Realschule jedoch ein schnelleres Internet. „Der neuralgische Punkt ist das fehlende Glasfasernetz“, erklärt Guido Bläsing. „Wir haben nahezu keine W-Lan-Leistung, Verbindungen gibt es nur in ganz wenigen Räumen.“

Was dieser Mangel bedeutet, zeigt sich nun in der Pandemie auf dramatische Weise. Rund 20 Kinder kommen derzeit täglich in die Notbetreuung der Schule, teils, weil sie daheim schlechte Lernbedingungen haben. Am digitalen Unterricht können sie dennoch nicht teilnehmen – in den EDV-Räumen gibt es keinen zuverlässigen Internetzugang. „Von Videokonferenzen mit ihrer Klasse sind sie ausgeschlossen“, weist Bläsing auf ein großes Problem hin. „Videounterricht in den Klassenzimmern ist ebenfalls nicht möglich“, fügt Petra Coerdt hinzu. Dabei wäre der besonders für den Wechselunterricht günstig: Während ein Teil der Klasse vor Ort unterrichtet wird, könnte der andere der Schulstunde via Internet folgen.

Lernen mit dem Smartphone

Den Lehrern stünden im Klassenraum zudem alle Geräte zur Verfügung, die Tafel, Projektoren und Ähnliches, gibt Guido Bläsing an. „Einige Kollegen weichen auf Zuhause aus und unterrichten die Schüler von dort“, so Coerdt. Das gilt gleichfalls für Videokonferenzen mit der Klasse. In diese können sich übrigens längst nicht alle Mädchen und Jungen einschalten. „Die Schüler haben oft selbst kein Netz. Außerdem haben wir viele Geschwisterkinder, die nur ein Endgerät zur Verfügung haben, das sie sich teilen müssen“, berichtet die Schulleiterin.

Ein Großteil der Realschüler würde mit dem Smartphone arbeiten. Lernen auf dem winzigen Display halten Coerdt und Bläsing für schwierig, aber die Kinder und Jugendlichen haben keine anderen Geräte. „Wir warten noch immer auf die Leihgeräte aus dem Sofortausstattungsprogramm“, sagt Guido Bläsing. Die sollen später, wenn hoffentlich kein Distanzlernen mehr notwendig ist, im Unterricht vor Ort eingesetzt werden. Bis 2024 soll die Realschule schrittweise 80 Tablets bekommen, inklusive dieser Leihgeräte. Wenn sie bis dahin noch immer nicht an ein leistungsfähiges Internet angeschlossen ist, können die jedoch kaum zum Einsatz kommen.

Der gute Wille, etwas zu tun, sei da, wissen Coerdt und Bläsing. „Das MCG hat ein leistungsstärkeres Internet, und es gab die Hoffnung, uns da mit anzubinden“, sagt Coerdt. Der Zugang liegt im Keller an der Sporthalle. Die Verwaltung hat im Herbst ein Unternehmen damit beauftragt, die Realschule mit anzuschließen. „Aber die Leitung ließ sich nicht so einfach herüberziehen“, so Petra Coerdt. Die Gemeinde arbeite nun an einer anderen Lösung. Die führt die Humboldt-Realschule dann hoffentlich zügig in die digitale Zukunft.

Der Medienentwicklungsplan

Nach der Berechnung des Landes hat Bönen Anspruch auf 715 000 Euro aus dem Digitalpakt Schule. Die Zuwendung wird jedoch nur in Höhe von höchstens 90 Prozent gewährt, den Rest muss die Gemeinde aus der eigenen Kasse nehmen. Hinzu kommen knapp 11 000 Euro für die Anschaffung von Software. Die Gemeinde hat für die Schulen die Internetplattform IServ insbesondere für den Digitalunterricht angeschafft. Die dafür notwendige Hardware schlägt mit 27 700 Euro zu Buche. Im Medienentwicklungsplan ist darüber hinaus der Kauf von mobilen Endgeräten, von Notebooks und IPads, vorgesehen. Jede Schule soll 80 solcher Geräte erhalten. Die bereits bestellten Endgeräte, die aus dem Sofortausstattungsprogramm des Bundes in der Corona-Krise finanziert werden, sind darin eingerechnet. Für sie werden künftig Supportkosten in Höhe von fast 26 600 Euro anfallen, die nicht förderfähig sind. Für den Mittelabruf ist der Medienentwicklungsplan Voraussetzung. Die Verwaltung hat damit die Südwestfalen-IT (SIT), eine Tochtergesellschaft des Zweckverbandes Südwestfalen-IT, beauftragt. Die Bönener Schulen mussten dafür jeweils ein pädagogisch-technisches Konzept vorlegen, in dem sie ihre Bedarfe angeben. Über die dritte Fassung des Planes stimmt nun der Schulausschuss der Gemeinde am Donnerstag, 29. April, ab. Die Sitzung beginnt um 18 Uhr in der Aula des Marie-Curie-Gymnasiums.

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