„Corona-Starre“ bei den Azubis im Kreis Unna

Handwerk und IHK verzeichnen starken Rückgang an Ausbildungsverträgen

Handwerkliche Betriebe suchen dringend Auszubildende.
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Handwerkliche Betriebe suchen händeringend nach Auszubildenden. Aber in der Coronakrise haben die Betriebe Schwierigkeiten, den Kontakt zu jungen Leuten herzustellen.

Kreis Unna/Bönen – Handwerk hat goldenen Boden: Das gilt in weiten Teilen auch während der Corona-Pandemie, denn diejenigen Betriebe, die nicht auf einen Ladenbetrieb angewiesen sind, können im Lockdown ihrem Broterwerb nachgehen. Dennoch wollen deutlich weniger Jugendliche in diesem Jahr eine handwerkliche Ausbildung beginnen als sonst. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Dortmund meldet einen erheblichen Rückgang der geschlossenen Verträge.

Der Arbeitsagentur Unna-Hamm stellt sich die Situation jedoch nicht so dramatisch dar. „Der Rückgang bei den Ausbildungsverträgen in den Innungsgewerken unserer Kreishandwerkerschaft im Kreis Unna (ohne Stadt Lünen) lag im Jahr 2020 (im Vergleich zu 2019) bei 11,5 Prozent“, teilt Thomas Behrning von der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe (KH-HL) mit. Die ist zuständig für die Stadt Hamm und die Kreise Unna und Soest. Insgesamt wurden 316 neue Lehrverhältnisse geschlossen (357 im Vorjahr).

In der Nachbarschaft sieht es noch schlechter aus: Der Kreis Soest spricht von einem Minus von über 18 Prozent (403 zu 500), in Hamm waren es 19 Prozent weniger (236 gegenüber 291). „Einen derartigen Rückschlag auf dem Ausbildungsmarkt hat es ewig nicht gegeben“, sagt Hauptgeschäftsführer Detlef Schönberger: „Wir mussten ab Sommer 2020 eine regelrechte ‘Corona-Starre’ feststellen.“

Die hat auch die für die Städten Dortmund, Hamm und den Kreis Unna zuständige IHK festgestellt. „Die Corona-Pandemie und der erste Lockdown im Frühjahr haben den Ausbildungsmarkt in der heißen Bewerbungsphase abrupt ausgebremst und zeitweise fast vollständig zum Erliegen gebracht“, bilanziert sie in einer Pressemitteilung. Ein Minus von 16 Prozent bei 4254 unterschriebenen Verträgen sei am Ende errechnet worden. In den Jahren zuvor lagen die Zahlen mit über 5000 noch stets auf Rekordniveau.

Ausbildungsstart verschoben

Dabei wurde der Zeitpunkt, bis zu dem mit einer Ausbildung begonnen werden konnte, extra bis zum 31. Januar verlängert. Die Zahl der zustande gekommenen Verträge im Handwerk sei dadurch aber in allen drei Gebieten nur leicht gesteigert worden, berichtet Behrning. „Die Jugendlichen, die sonst kamen, um sich zu informieren, melden sich einfach nicht“, hat Schönberger festgestellt.

Dabei suchen die Betriebe unverändert Nachwuchs. Behrning hat keinen Rückgang der angebotenen Ausbildungsplätze wegen Corona festgestellt. 113 offene Ausbildungsplätze und Praktikumsstellen listet die KH-HL in ihrem gesamten Zuständigkeitsbereich aktuell auf. „Das Handwerk sucht ununterbrochen nach ausbildungsbereiten jungen Leute“, betont Behrning. Es gebe nach wie vor volle Auftragsbücher und viele Ältere, die bald in den Ruhestand gehen werden. Auch Michael Ifland, IHK-Geschäftsführer Berufliche Bildung und Fachkräftesicherung, betont, dass trotz der Corona-Pandemie die Unternehmen ausbilden und an bestehenden Verträgen festhalten.

Der Einbruch verlief im Handwerk ebenfalls entgegen dem Trend der jüngeren Vergangenheit. „In den letzten Jahren ist die Zahl der Lehrlinge im Handwerk jährlich um über drei Prozent gewachsen“, berichtet Schönberger. Das aktuelle Jahr habe das Handwerk in puncto neue Azubis auf den Stand von vor fünf Jahren zurückgeworfen, ergänzt Thomas Behrning.

Andere Zahlen als die KH-HL und die IHK präsentiert dagegen die Arbeitsagentur in Hamm für den Kreis Unna. Es habe zwar auf dem gesamten Ausbildungsmarkt im Frühjahr aufgrund der neuartigen Situation einen abrupten Stopp gegeben, doch der sei bis im Herbst weitgehend wieder bereinigt worden.

216 freie Ausbildungsplätze

Den möglichen Ausbildungsbeginn um ein so getauftes fünftes Quartal bis Ende Januar zu verlängern, habe sich bezahlt gemacht, erläutert die Agentur-Sprecherin Cordula Cebulla. So habe es im September im Kreis Unna noch 155 unterversorgte Jugendliche und 216 freie Ausbildungsplätze gegeben, die bei der Behörde gemeldet waren. Nun sind noch unter 100 junge Menschen ohne Vertrag und sogar nur neun offene Stellen geblieben. Nur vereinzelt hätten Firmen den Ausbildungsstart auf den kommenden Sommer verschoben oder ganz storniert.

„Wer jetzt nicht ausbildet, den holt das in Zukunft mit voller Wucht ein“, ist sich Cebulla sicher. Und das wüssten die Betriebe auch. Nur die altbekannte Pfaden blockiert Corona. „Alles was in der Vergangenheit getan wurde, um Abgangsschülern eine Berufsausbildung näher zu bringen, fiel in den vergangenen Monaten aus: Berufsfelderkundungstage, Besuche von Berufsberatern in den Schulen, Messen“, erklärt Schönberger. Gerade für kleinere Firmen seien diese Multiplikatoren, so Behrning, extrem wichtig gewesen. „Die fehlenden direkten Kontaktmöglichkeiten zwischen Betrieben und Schulabgängern konnten auch innovative, digitale Ausweichformate nicht vollständig kompensieren“, sagt IHK-Geschäftsführer Ifland.

Neue Wege des Kontaktanbahnens und Interessenweckens mussten und müssen her. Die IHK HL bietet mittlerweile Videokonferenzen an, sucht ebenso wie die Arbeitsagentur den Kontakt zu den Berufskollegs und Schulen, um Lösungen zu suchen, wie im Homeschooling das Aufzeigen von beruflichen Perspektive Einzug halten kann. Es gibt telefonische Bewerbungsberatungen für Jugendliche und deren Eltern. Mit dem Online-Angebot „Check-U“ der Arbeitsagentur können Jugendliche ihre Fertigkeiten prüfen und erhalten auch eine psychologischen Beurteilung. Das soll die Suche nach dem geeigneten Job erleichtern. „Wir haben gezeigt, wir sind weiter ansprechbar“, sagt Cebulla.

Virtuelles Kennenlernen

Die IHK führte die virtuelle Ausbildungsmesse „AzuBeYou“ durch, bot auf der eigenen Homepage digitale Live-Chats an. Das „Azubi-Speed-Dating 2.0“ fand im September und Oktober ebenfalls ohne große Einstiegshürden per Whatsapp, Videochat oder Telefon virtuell statt.

„Wir sind grundsätzlich sehr zufrieden mit der Resonanz unserer ersten voll digitalen Veranstaltungen im Bereich Azubi-Recruiting“, bilanziert Ifland. Jetzt sollen die gemachten Erfahrungen genutzt werden, um die Angebote persönlicher und passgenauer zu gestalten. „Die neuen Wege, Kontakt aufzunehmen, werden nicht mehr aus dem Portfolio verschwinden, auch wenn das Vier-Augen-Gespräch durch nichts zu ersetzen ist“, ist sich Arbeitsagentur-Sprecherin Cebulla sicher.

Für alle Verantwortlichen ist die Ausbildung weiterhin der beste Weg zu einem sicheren Verdienst. „Der Berufsabschluss ist die bestmögliche Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt“, betont Ifland. „Der Arbeitsmarkt ist immer aufnahmebereit, insbesondere für junge Fachkräfte“, das habe laut Cordula Cebulla die bisherige Corona-Zeit gezeigt.

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