Lieferdienste kämpfen mit Verkehrsbedingungen, Patienten kommen nicht zum Arzt

Schnee und Eis sorgen weiter für Einschränkungen in Bönen

Mitarbeiterinnen des Bönener Bauhofes befreiten die Fußgängerzone zum Teil von Eis und Schnee
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Die Mitarbeiterinnen des Bauhofes bahnten am Mittwoch mit purer Muskelkraft Wege durch die zugefrorene Bönener Fußgängerzone.

Bönen – Noch immer liegen dicke, eisige Schichten auf Straßen und Wegen. Ob mit dem Auto oder zu Fuß: Wer keine unfreiwillige Rutschpartie riskieren möchte, sollte besonders vorsichtig unterwegs sein – oder lieber gleich zu Hause bleiben. Das können allerdings nicht alle. Viele ruft die Pflicht, sie beliefern ihre Mitmenschen mit all dem, was die zum Leben brauchen. In den vergangenen Tagen war diese Aufgabe jedoch äußerst anspruchsvoll.

Apotheken

Bei allen Arbeitgebern, die ihre Mitarbeiter auf die Straße schicken, gilt die Prämisse: „Sicherheit geht vor“. Dennoch gibt es Notfälle, die keinen Aufschub dulden. So etwa bei Apotheken. „Wenn jemand schwer krank ist und unbedingt ein bestimmtes Medikament benötigt, liefern wir das selbstverständlich – notfalls zu Fuß“, betont Stefan Oyen, Inhaber dreier Apotheken in Bönen. Seit Montag haben seine Boten nur dringend erforderliche Arzneien zu den Kunden gebracht. Allein das hat deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen als sonst und die Nerven der Fahrer ob der extremen Verkehrsbedingungen strapaziert. Um sie nicht unnötig in Gefahr zu bringen, bittet der Pharmazeut um Verständnis. „Wir liefern – aber bitte nur im Notfall. Bei Dauerrezepten reicht es ja vielleicht, wenn wir erst am Donnerstag oder Freitag kommen.“ Zurzeit entspanne sich die Lage glücklicherweise etwas, sodass die Auslieferungen zum Wochenende hin wahrscheinlich ganz normal bearbeitet würden.

Auch Oyens Kollegin Bettina Siegert von der Bären-Apotheke hält die Versorgung aufrecht. „Es ist schwierig, aber wir haben bislang immer eine Lösung gefunden“, berichtet sie. Normalerweise machen sich ihre Mitarbeiter abends auf den Weg zu den Kunden. „Das haben wir jetzt umgestellt, sie fahren tagsüber“, so die Apothekerin. Das Risiko, im Dunkeln irgendwo liegen zu bleiben, sei einfach zu hoch. „Die Straßen sind ja nur zum Teil freigeräumt.“

Noch mehr Probleme als die eigenen Angestellten hätten damit die Großhändler, die die Apotheken beliefern. „Sie müssen weitere Strecken zurücklegen und haben oft Schwierigkeiten, durchzukommen“, weiß Siegert. Am Montag musste sie zum Beispiel mehr als dreieinhalb Stunden auf eine Lieferung warten, weil sich der Fahrer aufgrund der Verkehrslage verspätet hatte. „Zum Glück war aber bis jetzt nichts Akutes dabei, was wir dringend gebraucht hätten.“

Post

Ebenfalls ihr Bestes geben die Zusteller der Post und der DHL, wie Özcan Öztürk vom am Zustellstützpunkt in Bönen versichert. „Wir machen alles, was geht“, sagt er. Seine Kollegen und er ließen selbst bei dieser Witterung keinen Brief und kein Paket liegen. „Wir nehmen alles mit und konnten bislang auch alles wegbringen“, teilt Öztürk mit. „Wir entscheiden aber von Tag zu Tag, was wir machen können“, räumt er ein. In Gefahr bringen soll sich kein Zusteller.

Arzt

Einige Patienten von Thomas Krüger brachte der Sicherheitsaspekt in den vergangenen Tagen hingegen in einen Zwiespalt. Auf der einen Seite sind sie krank und benötigen dringend die Hilfe des Hals-Nasen-Ohren-Arztes, auf der anderen Seiten scheuen sie den Weg zur Praxis in der Gemeindemitte, weil sie Angst vor einem Unfall haben. „Ich hatte einige Anrufe von verzweifelten Menschen, die akute Beschwerden haben, aber einfach nicht durchkommen“, schildert der Facharzt. Die Sorgen der Betroffenen kann er nachvollziehen. „Die Straßen sind nicht geräumt, viele Gehwege völlig vereist“, hat er festgestellt. „Ich habe natürlich auch viele fleißige Leute gesehen, die sich stundenlang abgemüht haben, um die Wege freizubekommen. Am Dienstag hat zum Beispiel ein Nachbar private Initiative gezeigt und die halbe Straße geräumt“, ist Thomas Krüger dankbar für diesen Einsatz. Andere hätten hingegen bislang noch keine einzige Schaufel Schnee bewegt. Krüger sieht da die Verwaltung in der Pflicht. „Das Ordnungsamt sollte die Leute ermahnen, die ihre Wege nicht freiräumen“, sagt er. Nachdem es seit Dienstag kaum noch schneie, hätten die Verantwortlichen genügend Zeit gehabt, ihrer Pflicht nachzukommen.

Getränkelieferant

Inwieweit der Ort überhaupt befahrbar ist, testete am Mittwochnachmittag ein Mitarbeiter des Getränke-Oase-Lieferdienstes. Das Hammer Unternehmen, das unter anderem die Bönener mit Wasser, Limonade, Bier und Co. versorgt, hat seinen Service buchstäblich auf Eis gelegt. „Seit Montag liefern wir gar nicht“, gibt eine Mitarbeiterin der Gebrüder Schürmann GmbH an. Kaum eine Nebenstraße sei befahrbar, Gehwege, Parkbuchten und Einfahrten sind komplett zu, sodass die Fahrer die Kunden nicht ansteuern könnten. Und das Ausladen, Abliefern und der Bezahlvorgang der Getränkekisten dauerten zu lange, als dass die Mitarbeiter die Fahrzeuge mitten auf der Fahrbahn mit angeschaltetem Warnblinker stehen lassen könnten. An den Transport der Kisten mit einer Sackkarre sei überhaupt nicht zu denken. „Die kommt nicht über die Schneeberge“, ist sich die Mitarbeiterin des Getränkelieferanten sicher. „Wir tasten uns ganz langsam wieder ran und beliefern zunächst die Gewerbekunden. Die haben meistens große Parkplätze“, erläutert sie. Ebenso versuchen ihre Kollegen, Pflegeeinrichtungen und Seniorenheime zu versorgen. „Die haben aber in der Regel einen Vorrat“, hofft sie, dass sich die Einrichtungen notfalls weitere ein, zwei Tage gedulden können. Ein Mitarbeiter hat sich am Mittwoch ein Bild von der Lage in der Gemeinde gemacht. „Er schaut, wo etwas geht und wo nicht.“

Lebensmittel und Streusalz

Seit Mittwochnachmittag bringen dagegen Mitarbeiter des Rewe-Marktes Karwoth wieder Lebensmittel und Produkte aus dem Sortiment des Geschäftes zu ihren Kunden. Das ist aber normal: „Montags und dienstags liefern wir nicht aus“, sagt Geschäftsführer Adam Karwoth. „Für ein, zwei Ausnahmen, für Kunden, die dringend etwas brauchten, bin ich aber persönlich gefahren“, erzählt er.

Tim Andree (links) und Kolja Simonis vom Bönener Rewe-Markt Karwoth haben derzeit viel zu tun. Deutlich mehr Kunden als sonst lassen sich in diesen Tagen ihre Einkäufe nach Hause liefern.

Inzwischen habe sich die Situation auf den Straßen etwas verbessert, sodass sein Mitarbeiter am Mittwoch wie gewohnt die Tour aufnehmen konnte. Dass er dafür erheblich länger unterwegs war als üblicherweise, lag nicht nur am Wetter. „Unseren Lieferservice nehmen jetzt deutlich mehr Leute in Anspruch“, stellt Karwoth fest. „In der Regel sind es überwiegend ältere Leute, die sich Ware liefern lassen. Aufgrund des Schneechaos sind nun aber auch viele Jüngere darunter.“ Und die können ab sofort auch wieder Streusalz und Schneeschippen ordern – beide Artikel waren bis Donnerstag bei Rewe ausverkauft.

Winterdienst

Das Freiräumen der Straßen und Gehwege komme in der Gemeinde voran. Das sagt Bauhofsleiter Dennis Borkowiak. „Die Straßen nehmen das Salz besser auf“, erklärt er. So seien die Fahrbahnen im Industriegebiet weitgehend schneefrei. Die Touren mit Straßen der Priorität 1 und 2 bedienen Borkowiak und seine Mitarbeiter weiter regelmäßig und können nach und nach auch dem Eis besser zu Leibe rücken. Das hatte sich durch das Festfahren des Schnees gebildet, bevor er geräumt werden konnte. Nachrangige Straßen würden auch befahren, dort fehlt laut Bauhofsleiter aber der Verkehr: „Je mehr Verkehr, desto besser arbeitet das Salz.“ In den Außenbereichen, beispielsweise auf der Ermelingstraße oder am Schattweg, gebe es zudem „topografische Lagen“, die die Arbeit des Räumdienstes einschränken. Besonders der kalte Wind bereite Probleme.

Der Bauhof erhalte momentan viele Anrufe von Bürgern. „Es sind aber oft Hilferufe. Die Leute sind mit der Menge an Schnee überfordert und wissen nicht mehr wohin damit“, glaubt Borkowiak. Der seinen Angaben sonst zuverlässige Wetterdienst hatte 10 bis 15 Zentimeter für Bönen angekündigt. Er schätze, dass es eher 30 bis 35 sind

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