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Zwischen Angst und Propaganda: Bönener Schüler beschäftigt der Krieg 

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Von: Sabine Pinger

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Auf ihrer Internetseite beziehen die Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums Bönen klar Position für die Ukraine.
Die Schüler des Bönener Marie-Curie-Gymnasiums setzen ein Zeichen gegen den Krieg. © MCG

Das Zuhause ist kein sicherer Zufluchtsort mehr. Sirenen heulen, Bomben fallen, Granaten explodieren. Menschen schießen auf Menschen in der Ukraine, in Europa. So nah war Krieg noch nie, zumindest nicht für die meisten der Kinder und Jugendliche in Bönen. Und er beschäftigt sie, wie die Leiter der hiesigen Schulen feststellen. Besonders die Schüler mit russischem Migrationshintergrund erleben gerade eine Ausnahmesituation.

An der Humboldt-Realschule werden einige Kinder und Jugendliche unterrichtet, deren Familien aus Russland stammen. Ihre Reaktionen auf den Krieg fallen ganz unterschiedlich aus, wie Schulleiterin Petra Coerdt beobachtet. „Das hängt davon ab, wie sie das in ihren Familien erleben“, schildert sie. In einigen Familien werde ausschließlich russisch gesprochen und auch nur russisches Fernsehen geschaut. Entsprechend kennen die Mädchen und Jungen nur die streng zensierte Berichterstattung aus Russland, die von einem Befreiungsschlag gegen ein angeblich von Faschisten gesteuertes Regime in der Ukraine spricht. Das finden sie gut. „Zumindest an den ersten Tagen hat es Schüler gegeben, die Putins Propaganda eins zu eins wiedergegeben haben und sich diese auch zu eigen gemacht haben“, berichtet Petra Coerdt.

Andere Schüler fühlten sich hingegen in einem Zwiespalt. „Sie sehen zu Hause das russische Fernsehen, werden hier aber mit der Wahrheit konfrontiert, wie sie in Deutschland berichtet wird. Sie wissen nicht, was stimmt und was nicht und wie sie sich positionieren sollen“, weiß die Pädagogin.

Eine dritte Gruppe der russischstämmigen Schüler lehne den diktatorischen Präsidenten Wladimir Putin und seinen Kurs vehement ab.

„Wir erleben also verschiedene Varianten, zum Glück aber keinerlei Ausgrenzung der russischstämmigen Schüler“, stellt die Schulleiterin fest. Sie und ihre Kollegen sensibilisieren sich dafür, diese Situation weiter aufmerksam im Blick zu behalten.

Zehntklässler planen Ausstellung

Um Spannungen und Konflikten vorzubeugen und gleichfalls allen Schülern die Gelegenheit zu geben, über ihre Ängste, Sorgen und Unsicherheit zu sprechen, würden vor allem die Geschichts- und Politiklehrer an der Realschule das Thema behutsam im Unterricht aufgreifen. „Man merkt, dass sie sich sehr damit beschäftigen. Es macht für die Kinder und Jugendlichen einen großen Unterschied, dass der Krieg jetzt so nah ist. Es hat ja schon immer Kriege gegeben, aber eben nicht in Europa“, sagt Petra Coerdt.

Insbesondere die älteren Schüler in den oberen Jahrgängen an ihrer Schule seien sehr betroffen. „Eine zehnte Klasse möchte jetzt eine Ausstellung zum Thema in der Pausenhalle aufbauen und diese mit einem Newsticker versehen, um ihre Mitschüler auf den aktuellen Stand zu halten.“

Auch am Marie-Curie-Gymnasium wird in diesen Tagen selbstverständlich über das gesprochen, was in der Ukraine passiert. Der Krieg ist dort immer wieder Thema im Unterricht. „Wir beantworten den Kindern so viele Fragen, wie sie stellen“, erklärt die kommissarische Schulleiterin Bianca Giese. „Schule soll den Schülern Orientierung geben, und der Krieg hat den Wertekatalog der Kinder durcheinandergebracht“, sagt die Pädagogin. Das MCG wird gleichfalls von Mädchen und Jungen besucht, deren Familien aus Russland kommen oder aus der Ukraine.

Besonders Letztere seien zurzeit sehr bedrück, sie hätten zum Teil Angehörige oder Bekannte in der Ukraine. „Ihre Mitschüler sehen, wie schwer die Situation für sie ist“, gibt Bianca Giese an. Die Kinder und Jugendlichen würden darauf sehr empathisch reagieren. Spannungen zwischen den Schülern hat sie hingegen bisher nicht festgestellt. Im Gegenteil: „Die Schülervertretung hat sich für die Schule auf unserer Internetseite klar positioniert“, so die kommissarische Leiterin.

Erklärung auf der Homepage

In ihrer Erklärung geben die Gymnasiasten an, sich gegen den Krieg gegen die Ukraine zu wenden und sich für den Frieden zu positionieren. „Sinnlos sterben Menschen, unter ihnen auch Kinder“, schreiben die Schüler und weiter: „Wir solidarisieren uns mit allen Menschen in der Ukraine. Unsere Gedanken gelten vor allem Kindern und Jugendlichen, die wehrlose Opfer eines brutalen Krieges sind. Als Schule ohne Rassismus und mit Courage fühlen wir uns den europäischen Werten wie der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und den Menschenrechten zutiefst verpflichtet.“

Dementsprechend würden auch sie und ihre Kollegen die Schüler darauf hinweisen, dass der Krieg vom russischen Präsidenten Wladimir Putin aus geht und nicht vom russischen Volk, gibt Bianca Giese an. Das gehe schließlich sogar auf die Straße, um dagegen zu protestieren.

Ähnliche Gespräche führen auch die Lehrer der Pestalozzi-Hauptschule mit ihren Schützlingen. Die Einrichtung hat nur eine Schülerin mit russischen Wurzeln. „Von Ausgrenzung kann aber bei uns keine Rede sein“, ist der stellvertretende Schulleiter Ralf Würzhofer erleichtert. Privat hat er von einer russischen Bekannten anderes gehört. „Sie erzählt von Repressalien aus ihrem Umfeld.“

Angst davor, dass der Krieg Deutschland erreicht

Was der Lehrer aber feststellt, ist die große Angst der Schüler vor dem Krieg. „Sie sprechen mich im Unterricht darauf an. Und ich kann sie ja nur in Teilbereichen beruhigen, wenn ich bei der Wahrheit bleibe“, beschreibt der Pädagoge sein eigenes Dilemma. Schließlich kann er kaum vorhersagen, wie sich die Situation entwickelt. „Es ist bei den Schülern weniger die Angst vor einem Atomkrieg – den können sie sich kaum vorstellen –, als davor, dass der Krieg Europa erreicht, hierher kommt.“

Einige seiner Schüler haben Kriegserfahrungen. Sie sind zum Beispiel vor einigen Jahren aus Syrien geflüchtet. „Für sie werden die Kriegserlebnisse nun natürlich aktualisiert, und sie schildern ihren Mitschülern, was sie erlebt haben“, so Würzhofer. „Ich bin erstaunt darüber, wie sachlich und fundiert unsere Schüler über das Thema sprechen. Sie machen sich Gedanken und informieren sich über die Situation.“

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