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Ungewöhnliche hohe Temperaturen stören die Winterruhe

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Von: Sabine Pinger

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Januar 2023: Die Bienen fliegen bereits
Für die fleißigen Insekten hat in Bönen die Saison begonnen – mitten im Winter. © Pinger Sabine

Das neue Jahr beginnt so, wie das alte aufgehört hat: mit viel zu hohen Temperaturen. Laut Deutschem Wetterdienst gab es in Nordrhein-Westfalen zum Jahreswechsel Rekordwerte. In manchen Orten war es sogar der wärmste Silvestertag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (1881). In Bönen zeigte das Thermometer zeitweise 17,5 Grad Celsius. Das für diese Region unnatürliche Wetter hat Folgen. So haben etwa die hiesigen Bienen bereits ihre Stöcke verlassen.

Dass die Insekten so früh fliegen, daran können sich erfahrene Alt-Imker nicht erinnern. Früher wurden die Völker „eingewintert“, die Arbeit mit den Tieren ruhte ab Oktober. Der Klimawandel stellt das System jetzt auf den Kopf. Die Experten sind sich einig, dass sie demnächst das ganze Jahr durchimkern müssen, um das Überleben ihrer Völker zu sichern.

„Ende Oktober hatten wir 25 Grad“, erinnert Martin Greitzke. „Da waren die Bienen komplett in der Brut.“ Das ist alles andere als gut für die Tiere. „Es gibt Sommer- und Winterbienen“, erklärt der Vorsitzende des Imkervereins Bönen und Umgebung. Er vergleicht das mit der Arbeit auf der Zeche. „Die Sommerbiene ist wie der Arbeiter unter Tage. Sie ackert sich kaputt“, beschreibt er. Sie muss in den warmen Monaten nämlich so viel Nahrung wie möglich heranschaffen, um die Brut zu versorgen und für die kühle Jahreszeit vorzusorgen. Das viele Fliegen und Pollensammeln fordert seinen Tribut. Nur rund 40 Tage leben die schwer arbeitenden Honigbienen.

Winterbiene hält das Nest warm

Die Winterbienen haben es da normalerweise deutlich leichter. „Das sind bei diesem Beispiel die Steiger, die Bürohengste“, führt der Bönener aus. „Sie sitzen im Warmen und füttern ein bisschen.“

Die Winterbienen sind also dafür zuständig, das Brutnest selbst während der kalten Nächte warm zu halten, indem sie sich eng aneinander kuscheln, und die Königin zu versorgen. Sie halten zwar keinen Winterschlaf, verlassen ihren Stock jedoch nicht und sparen auf diese Weise Energie. Das verlängert ihr Leben: Die Winterbiene schlüpft im September und stirbt erst nach knapp fünf Monaten im Februar.

Doch wie Martin Greitzke an diesem Januartag wieder einmal feststellt, funktioniert diese uralte Ordnung nicht mehr. Schon von Weitem sind Bienen zu sehen, die aus der Beute, ihrer Behausung, in die laue Nachmittagsluft fliegen. 13 Grad Celsius hat der Imker von seinem Thermometer abgelesen. Steigen die Temperaturen auf circa 12 Grad Celsius, ist das ein Signal für die Insekten, auszufliegen und mit der Brut zu beginnen. „Wenn die Winterbiene andere Arbeit machen muss, wie es jetzt der Fall ist, schwächt sie das. Die Sterberate steigt“, ist Greitzke besorgt. Die Insekten werden anfälliger für Krankheiten und Parasiten, wie beispielsweise die Varroamilben. So können ganze Völker zugrunde gehen.

Imker Martin Greitzke geht davon aus, künftig durchimkern zu müssen.
Imker Martin Greitzke muss auch jetzt im Winter regelmäßig seine Bienenvölker kontrollieren. © Pinger Sabine

Ein Blick ins Innere des Stocks bestätigt seine Befürchtung. Die Bienen sind ungewöhnlich munter für diese Jahreszeit, in den Wabenrähmchen klebt frischer Pollen. Den 49-Jährigen wundert das nicht. „Die Haselnuss blüht schon seit November“, hat er beobachtet. Normalerweise hat der Strauch seine Blütezeit erst im Februar, doch seit Jahren beginnt diese immer früher. Auch andere Pflanzen entwickeln sich deutlich eher als noch vor Jahren. Die Bienen finden somit Nahrung bei ihren viel zu frühen Flügen. Das regt die Brut an.

Den Parasiten weniger entgegenzusetzen

Der Bienenzüchter war froh, als die Temperaturen in der Gemeinde Anfang Dezember in den Minusbereich sanken. Knapp eine Woche vor Weihnachten hat er mit der Varroa-Behandlung in seinen Stöcken begonnen. Dabei wird ein Arzneimittel in die Wabengassen geträufelt, das die Bienen robuster gegen die Milben machen soll. Brüten die Tiere allerdings durch und werden dadurch geschwächt, kann die Wirkung nachlassen und der Schädling hat leichtes Spiel.

Steigen die Temperaturen weiter, was aufgrund der fortschreitenden Klimakatastrophe längst sicher ist, bedroht das die Bienen massiv. Noch geht es der deutschen Honigbiene aber gut, wie Martin Greitzke betont. „Die Entwicklung ist durchweg positiv“, sagt er. Immer mehr Menschen halten Bienen, kümmern sich um die Bestände und können dadurch Verluste ausgleichen.

So trifft der Klimawandel die Bienen

Laut Professor Dr. Kaspar Bienefeld vom Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin kann sich die Honigbiene recht gut an veränderte klimatische Bedingungen anpassen. Bienenvölker können die Temperaturen in ihrem Stock demnach regulieren und an heißen Tagen kühl halten. Er sieht jedoch in den indirekten Auswirkungen des Klimawandels eine viel größere Gefahr für die Bienen. Die passen ihren Lebenszyklus an die Blühphasen der Pflanzen an. Und da diese immer früher beginne, sei eine Synchronisation zwischen Bienenvolk und Pflanzen nicht mehr gegeben. Zudem werde sich die Zusammensetzung der Pflanzenarten in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland vermutlich stark verändern. „Ob unsere heimische Honigbiene sich an diese Veränderungen anpassen kann, wird sich zeigen“, sagt der Experte in einem Interview (www.hu-berlin.de). Eine noch größere Auswirkung des Klimawandels, die schon deutlich wird, seien neue Parasiten, zum Beispiel die Asiatische Wespe, oder neue Infektionskrankheiten. Aber auch aktuelle Parasiten wie die Varroamilbe würden durch den Klimawandel gefährlicher, gibt der Direktor des Länderinstituts für Bienenkunde Brandenburg an. Die Milben vermehrten sich in den Brutzellen, die normalerweise nur in der warmen Jahreszeit erzeugt werden. Aufgrund der immer milderen Winter und dem daraus resultierenden Durchbrüten der Völker werde die Vermehrung der Varroamilben gefördert. Während Imker bei Honigbienen teilweise aktiv gegensteuern könnten, seien die Wildbienen dem Klimawandel jedoch schutzlos ausgeliefert. Ihr Bestand gehe deutlich zurück.

Vom Klimawandel betroffen seien indes nicht nur die Bienen. „Das betrifft auch viele andere Insekten. Die Marienkäfer zum Beispiel. Sie verstecken sich normalerweise unter Blättern und halten Winterruhe. Jetzt sind sie ebenfalls aktiv“, berichtet Greitzke. Das sensible Ökosystem wird immer zerbrechlicher, mit gravierenden Folgen für alle. Um auf die Bienen und ihre wilden Kollegen, zu denen unter anderem Hummeln, Fliegen und Schmetterlinge gehören, zurückzukommen: Sind nicht mehr ausreichend Insekten vorhanden, die unsere Kulturpflanzen, Obst und Gemüsesorten bestäuben, fallen Ernten aus und unsere Nahrung wird knapp.

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