Der Kapitän und das Weihnachtsfest

Faszination für Eis und das Meer: Der Bönener Björn Maaß ist Kapitän auf einem Forschungsschiff

Die Maria S. Merian gehört zu den vier großen, deutschen Forschungsschiffen, die weltweit unterwegs sind.
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Die Maria S. Merian gehört zu den vier großen, deutschen Forschungsschiffen, die weltweit unterwegs sind.

Der Kapitän Björn Maaß aus Bönen hat Weihnachten schon oft Weihnachten fernab der eigenen Heimat erlebt. Doch dieses Jahr ist ein besonderes Jahr.

Bönen/Leer – Weihnachten ist das Familienfest. Das Zusammenkommen wird in der Regel gerne wahrgenommen. Berufsgruppen wie Kranken- und Altenpfleger oder auch Polizisten und Lokführer sind dabei zumindest zeitweise außen vor, Piloten und Seeleute oft das komplette Fest. Björn Maaß ist Kapitän. Und der gebürtige Bönener hat Weihnachten an Bord fernab der Heimat schon einige Male erlebt, viele der vergangenen Jahre verbrachte er auf See. „Diesmal sind wir aber am 24. Dezember zurück im Hafen“, sagt der erste Mann an Bord der „Maria S. Merian“, eines der vier großen, deutschen Forschungsschiffe mit Einsatzgebieten in Übersee.

Dass Maaß Weihnachten mit seiner Freundin Sabine und der sieben Monate alten Tochter Annie-Sophie in Leer feiern kann, ist ein positiver Aspekt der Corona-Pandemie. Ohne das Virus wäre das Schiff zu dieser Zeit im Ausland gewesen.

„Es gab nie einen anderen Wunsch.“

Wie kommt ein Mann aus Nordrhein-Westfalen zur Seefahrt? „Das ist eigentlich recht unspektakulär“, erzählt Maaß. „Seit ich denken kann, gab es nie einen anderen Wunsch.“ Direkt nach dem Abitur auf Schloss Heessen in Hamm kamen dem 40-Jährigen dennoch kurz Zweifel. Er schrieb sich in Leer zunächst für das Studienfach Reederei-Logistik statt für Nautik, dem Fach für Seeoffiziere, ein.

„Nach einem Semester hab ich aber überlegt, dass ich mich irgendwann ärgern werde, wenn ich das jetzt nicht ausprobiere.“ Maaß wechselte in das Nautikstudium, fuhr im Praxissemester ein halbes Jahr auf einem Mehrzweck-Frachter zur See und bekam die Gewissheit: „Das ist genau das, was ich will.“ Das zweite Praxissemester auf einem Forschungsschiff war dann ein Fingerzeig.

Das Kapitänsamt ist großer Vertrauensbeweis

2007 schloss Maaß das Studium als Nautischer Wachoffizier ab, heuerte zunächst bei der Container-Reederei Niederelbe Schifffahrt Bereederungsgesellschaft (NSB) in Hamburg an. „Es war ein relativ kleines Schiff für 3000 Container, 200 Meter lang“, sagt der Kapitän. „Inzwischen sind die ein bisschen größer.“ 2008 wechselte er zurück in die Forschungsschifffahrt und wurde Stammbesatzungsmitglied der Maria S. Merian. „Zwischendurch bin ich für ein paar Wochen auch auf anderen Forschungsschiffen gefahren, zum Beispiel auf der Poseidon und der Alkor.“

Als nautischer Wachoffizier, in der Hierarchie der zweite Offizier, arbeitete Maaß ein Jahr netto. „Das ist mehr als ein Jahr. Man ist in der Regel vier Monate an Bord, hat dann zwei Monate Freizeit“, beschreibt er den Arbeitsrhythmus eines Seemanns. „Danach kann man sein Patent umtauschen in das eines ersten Offiziers. Dann muss man ein weiteres Jahr Nettofahrzeit sammeln – mindestens.“ 2013 bekam Maaß schließlich das Kommando über die „Maria S. Merian“. Das sei kein Automatismus. „Die Reederei, die einem das Vertrauen entgegenbringt, als Kapitän ein Schiff führen zu dürfen, muss man erst einmal finden.“

Das Schiff kehrt eigentlich nicht nach Deutschland zurück

Heimathafen des Schiffs ist eigentlich Rostock, Eigner das Land Mecklenburg-Vorpommern. Die Einsätze werden von der Leitstelle Deutsche Forschungsschiffe in Hamburg gesteuert. Die „Maria S. Merian“ liegt augenblicklich in Emden. „Heutzutage haben die Heimathäfen nur noch die Bedeutung, dass das Schiff dort registriert ist“, erklärt Maaß.

Im Normalfall kehrt das Schiff aus den Einsatzgebieten gar nicht nach Deutschland zurück. Die Besatzung wird zum jeweiligen Liegeplatz geflogen. „Die Forschungsreisen beginnen und enden in der Regel in einem Hafen. Wenn wir im Norden unterwegs sind in Kanada, am Sankt-Lorenz-Golf, auf der Südhalbkugel zum Beispiel in Kapstadt.“ Im Zielhafen werden die wissenschaftliche Crew, deren Ausrüstung und Teile der Besatzung ausgetauscht. „Die, die Urlaub haben, fliegen nach Hause.“

Im Moment sei das ein bisschen anders wegen Corona. Die „Maria S. Merian“ war auf dem Weg aus der Karibik nach Punta Arenas an der Südspitze Südamerikas. Vom chilenischen Hafen war die nächste Expedition in die Antarktis geplant. „Auf dem Weg dahin, der ungefähr einen Monat dauerte, steigerten sich die Infektionszahlen. Kurz vorm Ziel war klar, dass man keine Wissenschaftler mehr nach Chile einfliegen konnte“, erzählt Maaß.

Mit leerem Schiff ging es nach Montevideo und von da aus nach Emden. Es war zugleich die längste Reise am Stück, die er bisher an Bord erlebt hat. „Fast zwei Monate und zwölf Tage, 13 000 Seemeilen (24 050 Kilometer – Anm. d. Red.).“ Von dem Zeitpunkt an ist Emden der Start- und Zielpunkt, da ausländische Häfen schwierig anzulaufen sind wegen der Unsicherheit durch Corona.

Einmalige Landschaften in Spitzbergen und Grönland

Bis November war Maaß auf See. „Ich persönlich bin lieber im Norden unterwegs, die Landschaft um Spitzbergen oder Grönland ist einmalig schön. Ich finde es schön, im Eis unterwegs zu sein.“ Für hohe Minustemperaturen ist die „Maria S. Merian“ nicht ausgelegt. „Sie ist kein Eisbrecher. Wir sind somit nicht im Winter in der Arktis unterwegs“, sagt Maaß. „Das Kälteste, was wir bisher hatten, waren minus 20 Grad in der Ostsee.“

Die Frage, warum er die Seefahrt liebt, kann der gebürtige Bönener nicht in Worte fassen. „Zum einen ist es die Technik, die mich fasziniert, dann, wie wir mit dem Schiff auf dem Wasser fahren. Es ist halt ein gutes Gefühl. In jedem Fall war es die richtige Entscheidung, die ich getroffen habe.“

Fitnessraum, Sauna und eine Bar: Keine Langeweile an Bord

Langeweile gibt es nicht an Bord. Auch nicht bei Liegezeiten im Zielgebiet. „Die Wissenschaft ist 24 Stunden aktiv – wir unterstützen in der Zeit.“ Trotzdem sei die Arbeit auf acht Stunden plus Überstunden begrenzt. „Wir haben einen gut ausgestatteten Fitnessraum, eine Sauna, eine kleine Bar, wo man sich mit Kollegen treffen kann. Wir haben auch eine feste Internetverbindung mit der wir mit der Heimat Kontakt halten oder mal einen Film streamen können.“

Familie sind das lange Fernbleiben gewohnt

Probleme mit dem Rückkehren nach langem Wegsein hat Maaß keine, seine Familie auch nicht. „Meine Freundin kennt es nicht anders. Sie ist die Personalchefin in der Abteilung Forschungsschiffe der Reederei, hat mich dort kennengelernt. Meine Tochter ist zu klein, die kriegt das noch nicht mit. Seit sie da ist, war ich ja auch nicht durchgehend so lange weg. Und sie wächst letztendlich damit auf.“

Der erklärte Heimathafen von Kapitän Maaß ist Leer. „Es ist ein schönes beschauliches Städtchen, nah am Wasser.“ Deswegen sei er da hängengeblieben. Praktisch außerdem: Die Reederei Briese, die die Forschungsschiffe der Leitstelle in Hamburg betreut, ist ebenfalls dort ansässig und Freundin Sabine arbeitet dort.

Anfang Dezember ging es für Maaß Richtung Biskaya, um ein neues Echolot zu kalibrieren. Pünktlich zu Weihnachten ist der 40-Jährige aber wieder in Leer. Schon im Januar geht es für ihn wieder in die Welt hinaus. – wenn die Situation es zulässt.

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