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Auf dem Zechengelände finden seltene Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum

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Von: Carola Schiller

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Der ehemalige Holzplatz in Bönen hat sich zu einem wertvollen Biotop entwickelt.
Falko Prünte und Dr. Götz Loos von der Biologischen Station Kreis Unna begutachten die Entwicklung des Naturschutzgebietes genau. © Schiller

Naturschutzgebiete sind oft nicht das, was sich der Laie darunter vorstellt. Malerische Büsche, kräftige Bäume und vor allem saftige Wiesen sehen schön aus, bieten aber längst keine geeignete Umgebung für alle heimischen Tiere und Pflanzen. Vor allem die spezialisierten und empfindlichen Lebewesen tun sich mit üppigem Bewuchs in der Nähe schwer. Ein Naturschutzgebiet kann deshalb auch eine Region sein, die der Mensch unattraktiv findet. Solche Flächen gibt es auch in Bönen. Und sie werden sorgsam überwacht.

Bönen - Eines davon befindet sich entlang der Bahnlinie, unweit des Regenrückhaltebeckens am Schwarzen Weg: der sogenannte Holzplatz. Hier fühlen sich Pflanzen und Tiere wohl, die besondere Ansprüche haben.

Die Blauflügelige Sandschrecke zählt dazu. Sie ist ein merkwürdiges Insekt. Dass sie trotz ihrer Größe von vier Zentimetern nahezu unsichtbar ist, liegt an der perfekten Tarnung und ihrem eigenwilligen Flugverhalten. Wer sich der Sandschrecke nähert, der scheucht sie auf. Dann breitet das dunkle Insekt die Flügel aus und verwandelt sich optisch in etwas, das wie eine Ansammlung von Pusteblumen-Sporen aussieht, die der Wind über den Boden fegt. Viel zu schnell für das menschliche Auge, um noch zu erkennen, was da eigentlich herumflattert.

Baupläne wurden gestoppt

Die Sandschrecke braucht Ödland. Etwas, was es nur noch selten gibt. Mit ihren Ansprüchen an viel Licht, Wärme und eine störungsfreie Umgebung, hat die Sandschrecke auf dem ehemaligen Zechengelände eine Heimat gefunden. Der Holzplatz, der seinen Namen seiner früheren Bestimmung verdankt, nämlich der Lagerung von Holz für den Bergbau, ist seit den 1990er Jahren Naturschutzgebiet – aber nur auf Bestreben einiger engagierter Fachleute.

Einer von ihnen ist Dr. Götz Loos. Der auf Pflanzen und Insekten spezialisierte Geograph war 1985 zum ersten Mal auf dem Gelände. „Die Anzahl der seltenen Pflanzen war nicht zu toppen“, erinnert er sich an sein eigenes Staunen. Grund genug, sich mit weiterer Unterstützung für den Erhalt der 26 Hektar großen Fläche einzusetzen. Mit Erfolg. Baupläne und weitere Ideen zur Nutzung wurden gestoppt. Heute kümmert sich die Biologische Station Unna um das Gebiet, das aktiv freigehalten wird. Das bedeutet: Aufwachsende Bäume werden auf einzelnen Flächen immer wieder „abgeschoben“.

Der ehemalige Holzplatz der Zeche Königsborn III/IV bietet seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
Die Blauflügelige Sandschrecke gehört zu den Bewohnern des Naturschutzgebietes in Bönen. © Biologische Station

Was dann aussieht, wie ein vernachlässigter alter Parkplatz, ist in Wirklichkeit eine hochsensible Fläche mit wertvollen Pflanzen. Viele von ihnen sind voneinander abhängig. „Man kennt die Welt der Pflanzen zu wenig“, mahnt Götz Loos davor, über den Wert von Pflanzen zu urteilen.

Das gelte auch für Wechselwirkungen mit anderen Pflanzen oder mit Tieren. Nur so können zum Beispiel betonierte Wege zuwachsen. Erst haften Moose an. An ihnen bleiben Partikel hängen, die Wind und Regen vorbeitreiben. Es entsteht eine vitale Grundlage für robuste Pflanzen, wie die Fette Henne, die langsam den grauen Asphalt mit einer farbenfrohen, lebendigen Schicht bedeckt.

„Musealen Charakter“ habe das Gebiet, findet Falko Prünte von der Biologischen Station, der hin und wieder nach dem Rechten sieht. Was hier wieder wachsen darf, braucht sehr viel Platz und möglichst keinen Schatten. Von Frischluftschneisen spricht der Experte dann. Auch wenn die künstlich mit menschlicher Unterstützung erhalten werden müssen. Ohne Eingriffe würde das Gebiet verbuschen und damit unter dichten Brombeeren und Birken sensible Pflanzen unterdrücken.

Rund 750 Pflanzenarten heimisch

Nötig ist der Erhalt der Schneisen, weil es echte Ödlandflächen, die nur augenscheinlich lebensfeindlich sind, kaum noch gibt. Und falls doch, leiden sie unter der starken Nutzung durch den Menschen.

Hier sind es also nicht die bunten Blumen oder die hohen Bäume, die den Eindruck einer gesunden Naturlandschaft erwecken. Es sind kleine bis winzige, kaum wahrnehmbare Wesen. Circa 750 Pflanzenarten vermutet Götz Loos inzwischen auf dem Gebiet. 30 davon stehen auf der sogenannten Roten Liste. Das bedeutet, sie sind weltweit akut vom Aussterben bedroht. Dabei sind ihre Samen oftmals noch vorhanden. Sie schlummern im Erdreich, zum Beispiel an Ackerrändern oder im Waldboden. „Da warten sie auf ihre Gelegenheit“, so Götz Loos. Auch in Bönen.

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