Plattdeutsches Liederbuch

Der Bönener Wilfried Pankauke hat einen sprachlichen Schatz verfasst

Wilfried Pankauke mit Liederbuch in Platt
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„Platt“ kennt Wilfried Pankauke aus frühester Kindheit. Sein Urgroßvater hat ausschließlich niederdeutschen Dialekt gesprochen.

Bönen – Verstehen? Vielleicht. Sprechen? Eher nicht. Plattdeutsch, das vor einigen Jahrzehnten in dieser Region noch sehr verbreitet war, stirbt allmählich aus. „Es wäre schade, wenn dieser kulturelle Schatz vergessen würde“, sagt Wilfried Pankauke. Der Bönener hat deshalb ein besonderes Buch herausgebracht. Es ist ein Liederbuch, das die Sprache lebendig halten soll.

Diesen Schatz hat Wilfried Pankauke Anfang vergangenen Jahres in Ulmkes Museumskotten, dem Heimathaus des Vereins, gehoben und daraus mit dem Heimatverein Norddinker, Vöckinghausen und Frielinghausen ein Liederbuch gemacht . Ausgebreitet auf einem großen Tisch lag damals ein Wust an Blättern, auf denen plattdeutsche Liedtexte zu lesen waren. „Ich habe in der Zeitung davon gelesen, dass die Frau des verstorbenen Bezirksvorstehers Heinrich Thomas die Sammlung dem Verein zur Verfügung gestellt hat. Das hat mich interessiert“, erzählt Wilfried Pankauke. Er verabredete sich mit dem Vereinsvorsitzenden Johannes Ulmke, um sich die Texte näher anzuschauen.

Urgroßvater sprach ausschließlich platt

Die plattdeutsche Sprache für hat für den Leiter verschiedener Chöre, Flötenkreise und Posaunenchöre von jeher eine besondere Bedeutung. „Mein Urgroßvater hat ausschließlich plattdeutsch gesprochen. Meine Eltern und Großeltern haben sich hingegen immer bemüht, mit mir Hochdeutsch zu sprechen. Sie hatten Angst, dass ich sonst Schwierigkeiten in der Schule bekommen könnte“, erinnert sich der gebürtige Bönener.

Dennoch, den Klang seiner Kindheit hat er nie vergessen. Schon während seines Germanistikstudiums beschäftigte Pankauke sich weiter mit dem Plattdeutschen. Sein Vater leitete indes viele Jahre lang die Plattdeutsche Runde in Flierich, sodass er immer einen adäquaten Ansprechpartner hatte. „In der Schule habe ich lange Zeit einen plattdeutschen Lesewettbewerb organisiert“, so der ehemalige Lehrer des Ursulinengymnasiums in Werl.

Eine eigene Sprache

Plattdeutsch oder auch Niederdeutsch ist eine eigene Sprache. Sie wurde früher überall im niederdeutschen Gebiet gesprochen, das heißt nördlich der „Benrather Linie“. Südlich dieser sprachlichen Grenze war hingegen Oberdeutsch (Hochdeutsch) zu hören. Fast jedes Dorf sprach dabei sein „eigenes Platt“, sodass sich eine Vielzahl von Dialekten entwickelte. Einer Schätzung zufolge gibt es heute noch etwa ein bis zwei Millionen Muttersprachler, beziehungsweise Menschen, die Plattdeutsch nach eigenen Angaben „sehr gut“ beherrschen. Gesprochen wird es nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden und Dänemark. In Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Kanada, den Vereinigte Staaten, Mexiko, Belize, Brasilien, Bolivien und Paraguay ist der Gebrauch des Plattdeutschen vor allem auf die Migranten aus Deutschland zurückzuführen.

In den 1980er Jahren bekam der Leiter des ökumenischen Singkreises dann eine Anfrage von einem Seniorenheim in Dortmund. „Wir wurden gefragt, ob wir dort plattdeutsche Lieder singen könnten.“ Also suchte der leidenschaftliche Musiker, der vor dem Lehramtsstudium auch Kirchenmusik studiert hat, passende Stücke heraus und arrangierte sie für Chor und Holzbläser neu.

Ähnlich ging er im vergangenen Jahr auch mit den Liedblättern des Heimatvereins vor. Um sich in Ruhe damit beschäftigen zu können, nahm Pankauke sie erst mal mit nach Hause. In Bönen wurden sie sorgfältig gesichtet und sortiert. „Das Liederbuch ist ein echtes Corona-Produkt“, erklärt der 76-Jährige. Normalerweise ist er nämlich an drei bis vier Abenden pro Woche unterwegs, um mit seinen Musikgruppen in Bönen, Hamm, Werl und am Möhnesee zu arbeiten. Und diese Übungsabende bereitet er natürlich entsprechend vor, was ebenfalls einiges an Zeit in Anspruch nimmt.

Hymnen und geistliche Lieder

Doch Singen und Musizieren in der Gruppe ist seit Ausbruch der Pandemie tabu. So hatte Pankauke Zeit dafür, sich intensiv mit dem Stapel alter Lieder zu beschäftigen. Es sind Hymnen wie das Westfalenlied, bekannte geistliche Lieder wie etwa „Macht hoch die Tür“ – „Stellt los de Paort“, Lieder rund um Tages- und Jahreszeiten sowie gesellige Lieder wie zum Beispiel „Kein schöner Land“ – „Kien schoiner Land“. Die meisten sind recht alt, einige stammen aber auch aus den 1950er und 1960er Jahren. Sie wurden in den Liederblättern des Westfälischen Heimatbundes veröffentlicht, die Heinrich Thomas in seiner Schublade aufbewahrt hat.

Auf dem Schreibtisch, beziehungsweise auf dem Klavier von Wilfried Pankauke haben sie in den vergangenen Monaten ihre Melodien zurückbekommen. „Bei einigen stand dabei, auf welche Melodie sie gesungen werden, andere kannte ich bereits.“ Nur bei drei, vier Liedern war Wilfried Pankauke ratlos. Hilfe bekam er von zwei über 90-jährigen Senioren aus Norddinker. Sie sangen ihm die betreffenden Stücke kurzerhand vor. Der Bönener machte sich Notizen und arrangierte daheim die passende Melodie dazu.

Der musikalische Teil war allerdings nur die eine Seite, die der Chorleiter zu erledigen hatte. Die Texte richtig zu erfassen, war die andere. „Es ist ziemlich viel Arbeit. Es ist nicht so wie beim Hochdeutschen, man muss schon zweimal hingucken, ob man es richtig geschrieben hat“, schildert er. Die Texte stammen zudem aus verschiedenen Regionen Westfalens – vom Münster – bis zum Sauerland. Überall wird oder wurde Platt anders gesprochen. Wie im Hochdeutschen gibt es nämlich unzählige Dialekte. Sorgfältig schrieb der Bönener Zeile für Zeile ab. Wie viele Stunden er am Ende benötigte, um die rund 60 Lieder zu überarbeiten, kann er nur schätzen. Es werden Hunderte im Frühling, Sommer und Herbst gewesen sein.

Fotos runden das Werk ab

Um das Werk zu vervollständigen, steuerte Manfred Heiden vom Heimatverein einige Fotos bei, der Vorsitzende Johannes Ulmke schrieb das Vorwort. Zum Buch machten schließlich Drucker Ulrich Schölermann und seine Tochter, die Mediendesignerin Kristin Schölermann, die Sammlung.

Bei den Nachbarn wurde das „Plattdeutsche Liederbuch“ präsentiert – coronabedingt in einem kleinen Rahmen. „Gerne hätten wir es natürlich mit Musik vorgestellt“, sagt Wilfried Pankauke. Er hofft, dies im Sommer nachholen zu können, draußen und mit einem kleinen Bläserchor.

Wer bis dahin textsicher werden möchte, bekommt das gebundene Buch für sechs Euro beim Heimatverein Norddinker, Johannes Ulmke, Telefonnummer 0 23 88/28 42.

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