Kreativ durch die Krise

Tätowierer der Region erklären, warum ihre Studios wieder öffnen sollten

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Das Surf-Ink-Team ist gut vorbereitet auf die hoffentlich baldige Öffnung: Ted Bartnik (links) und seine Mitarbeiter haben schon vor der Coronakrise stark auf Hygiene geachtet.

Ein Tattoo für jeden Tag des Lockdowns. Vor diese Aufgabe hat sich ein Tattoo-Künstler in England selbst gestellt. Täglich entwickelt er neue Abbildungen, die den Weg auf seinen Körper finden. Das haben die Tätowierer im Kreis Unna so nicht übernommen. Aber auch sie blieben während der coronabedingten Schließungen ihrer Studios nicht untätig. Und stehen gut vorbereitet in den Startlöchern für den Moment, in dem sie wieder Kunden empfangen können.

Bönen/Kamen – „Am schönsten ist es, wenn mir der Kunde eine Thematik vorgibt, mir bei der Gestaltung dann aber vollkommene Freiheit gibt“, erzählt Ted Bartnik, Inhaber des Kamener Tattoo-Studios Surf-Ink-Tattoo. „Das ist noch einmal etwas ganz anderes, als wenn ich ein genau vorgegebenes Motiv kopieren soll.“ In solchen Augenblicken kann sich der Tätowierkünstler frei entfalten und sich gleichzeitig über das große Vertrauen seiner Kunden freuen.

Solche Augenblicke hat Bartnik nun aber seit knapp zwei Monaten nicht mehr erleben dürfen. Die Coronapandemie zwang ihn und seine Berufskollegen in ganz Deutschland, die Studios zu schließen. Ein harter Schlag: „Natürlich ist es Arbeit“, erklärt Bartnik, wie er die aktuelle Situation empfindet. „Aber es ist auch Leidenschaft. Und der können wir derzeit nicht nachgehen.“

Dass sich daran bisher nichts geändert hat, ist nicht nur für den Kamener Tattoo-Artist unverständlich. Auch Manuel Hoppe, der die Studios Realistic Tattoo Art und Ink Department in Hamm sowie das Bönener Studio Bönen Ink betreibt, kann einige Entscheidungen nicht nachvollziehen: „Es ist ein Witz, dass es keine einheitlichen Regeln in Deutschland gibt“, gibt er zu bedenken. Unter anderem in Sachsen und in Hessen dürften sich Tattoo-Fans bereits wieder den Körper verzieren lassen.

Arbeit schon seit langer Zeit mit Masken

Die hygienischen Voraussetzungen für eine Öffnung der Studios sind laut Manuel Hoppe und Ted Bartnik in ihrem Beschäftigungsfeld ohne weiteres gegeben. „Viele der jetzt unter Corona notwendigen Maßnahmen haben wir schon lange Zeit vor der Pandemie und ganz unabhängig davon eingeführt“, erklärt Bartnik. Auch die Tätowiererteams von Manuel Hoppe arbeiten seit langer Zeit schon mit Masken und sorgen für eine sterile Umgebung. „Viele Kunden gleichzeitig halten sich auch nie im Studio auf“, erklärt Hoppe.

Darüber hinaus betonen beide Geschäftsinhaber, dass man mit Leichtigkeit für noch mehr räumliche Trennung sorgen könne. „Das sind Vorkehrungen, auf die sich zum Beispiel Friseure, die ihre Salons wieder öffnen dürfe, neu einstellen müssen“, argumentiert Ted Bartnik. „Für uns ist das ohnehin schon beruflicher Alltag, dementsprechend auch schnell und gut umzusetzen.“

Im Studio Bönen Ink von Manuel Hoppe wurden Konzepte für die Öffnung erstellt.

Sein Bönener Kollege nimmt ebenfalls Bezug auf die Friseur- und Fußpflegeberufe: „Man hört immer wieder, dass Besuche beim Friseur und Fußpfleger notwendiger seien und die jeweiligen Geschäfte daher eher als wir öffnen dürfen“. Die Aussage ist Manuel Hoppe allerdings zu pauschal. Er gibt ein eindringliches Beispiel: „Wir haben Kunden, die sich früher geritzt haben. Seit sie sich bei uns regelmäßig ein Tattoo stechen lassen, haben sie mit dem selbstverletzenden Verhalten aufgehört.“ In seinen Augen ist damit belegt, dass der Gang zum Tätowierer für einige Menschen dringend notwendig sei, auch aus gesundheitlichen Gründen.

Zwangspause genutzt

So sehr die Tätowierer hoffen, dass sie ihre Studios zeitnah wieder öffnen können: Die Zwangspause wussten sie bisher gut zu nutzen. Hoppe und sein Team haben sich bereits einige Male zusammengesetzt, um Konzepte für die Wiedereröffnung zu erstellen. Hoppes Tattoo-Künstler kümmerten sich auch um eigene Projekte. So entstand unter anderem ein Ölgemälde von „Star Wars“-Bösewicht Darth Vader.

Und auch Ted Bartnik blieb nicht tatenlos: „Ich habe viele kreative Arbeiten, die lange liegen geblieben waren, umsetzen können“, freut sich der Inhaber des Kamener Studios. Unter anderem nahm er einige Graffiti-Auftragsarbeiten an, setzte sich an neue Zeichnungen und entwickelte neue Motive. Gemeinsam mit seinem Team gestaltete er auch Zimmer für Bedürftige um. „Das alles sind Sachen, die unter normalen Umständen nur gelegentlich abseits der Öffnungszeiten möglich sind“, weiß der Künstler und zieht das Fazit: „Corona hatte also nicht nur negative Seiten.“

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