Drei Wochen "Homeoffice": So hat sich der Alltag von Lehrern verändert

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Normalerweise arbeiten Bettina Kurz und Martin Ewers an unterschiedlichen Schulen. In den vergangenen drei Wochen haben sie sich einen Arbeitsplatz geteilt: den Esstisch in ihrem Haus in Bönen.

Bönen - Drei Wochen ohne Unterricht liegen jetzt hinter Schülern und Lehrern, bevor nun die Osterferien beginnen. Ein Bönener Lehrerehepaar berichtet, wie sich ihr Alltag durch die Schulschließungen verändert hat.

Vor den Ferien wird es gern ein bisschen hektischer. Klassenarbeiten müssen geschrieben, Mappen eingesammelt und das eine oder andere Unterrichtsthema möglichst vor der freien Zeit abgeschlossen werden. Die Schüler werden zappelig, weil sie sich nach den langen Schulwochen nach einer Pause sehnen, und auch die Lehrer freuen sich auf die ruhige Zeit. Diesmal war alles anders. Wenn jetzt die Osterferien beginnen, liegen bereits drei Wochen ohne regulären Unterricht in der Schule hinter den Schülern und Lehrkräften. Die außergewöhnliche Situation hat beide Seiten gefordert, wie Bettina Kurz und Martin Ewers feststellen.

Das Lehrerpaar lebt in Bönen, sie unterrichtet am Clara-Schumann-Gymnasium in Holzwickede, er am Städtischen Gymnasium in Kamen. Doch statt wie üblich morgens in verschiedene Richtungen zur Arbeit aufzubrechen, mussten sie diese jetzt von zuhause aus organisieren. Für Bettina Kurz begann der Tag in den vergangenen Wochen ein kleines bisschen später. 

„Ich stehe nicht ganz so früh auf wie sonst“, erzählt sie. Die Arbeit kann sie sich schließlich jetzt selbst einteilen. „Teilweise bereite ich dann abends noch etwas vor“, berichtet sie. Direkt an dem Montag, nach dem die Landesregierung die Schulschließung angeordnet hatte, gab es an ihrer Schule eine Dienstbesprechung. 

„Es ging darum, welches Material wir den Schülern schicken sollen und auf welche Art. Klar war gleich, dass das den Unterricht nicht ersetzen kann. Es geht eher darum, das Lernen am Laufen zu halten“, erzählt die Bönenerin. In der ersten Woche hatte sie neben der Versorgung der Schüler mit entsprechenden Aufgaben selbst noch einige Klausuren auf dem Tisch, die korrigiert werden mussten. Inzwischen verschickt sie hauptsächlich Material und beantwortet die Rückfragen der Gymnasiasten dazu. 

Fragen der Schüler haben nachgelassen

„Ich merke schon, dass sie das dankbar annehmen. Die Wünsche nach Aufgaben sind schon da.“ Besonders viele Rückmeldungen hat sie in den vergangenen Tagen aber nicht von den Jugendlichen bekommen. „Also gehe ich davon aus, dass sie mit dem Material arbeiten.“ Von der Schulleitung wird die Pädagogin regelmäßig über aktuelle Entwicklungen informiert und erhält weitere Details, zum Beispiel zum Thema Abiturprüfungen. „Tatsächlich werden wir uns zumindest einmal vor den Prüfungen mit den Abiturienten in der Schule treffen, auch, wenn die Schule selbst noch geschlossen bleiben sollte.“ Dann könne es etwa um die mündliche Prüfung gehen. „Normalerweise gibt es vorher eine Prüfungssimulation. Das haben viele aber noch nicht geschafft, weil sie sonst immer in den letzten Tagen stattfinden“, erklärt die Lehrerin. 

Insbesondere in den ersten beiden Wochen nach der Schulschließung bekam sie von den Schülern ihres Leistungskurses einige Nachfragen dazu, wie intensiv sie sich in bestimmten Bereichen auf die Abi-Prüfungen vorbereiten sollen. „In der letzten Woche hat sich dann keiner mehr gemeldet, daher denke ich, dass sie ganz gut mit dem Material zurechtkommen.“ 

Große Sorgen macht sich Bettina Kurz nicht um die wichtigen Prüfungen in dieser besonderen Situation. „Ich kann mir vorstellen, dass die Abiturienten in diesem Jahr sogar so gut vorbereitet sind wie selten. Sie haben viel Zeit und nicht die Ablenkung, die sonst üblich ist. Klar ist bei ihnen die Sorge da, wie es wird, wenn sie ihr Abi schreiben, aber ich denke, dass das funktionieren wird. Wir werden mehr Räume für die Klausuren brauchen, und es werden sicher mehr Aufsichten eingeteilt, um Abstand halten zu können.“ 

Übungsblätter alleine reichen nicht

Das Besondere an den Wochen im „Homeoffice“ waren für sie das Digital learning, das digitale Lernen, das ihrer Meinung nach nun einen richtigen Schub bekommen hat. „Wir haben zwar vorher auch schon mal einen Film gezeigt oder auf das Internet verwiesen, aber jetzt ist es natürlich viel mehr geworden. Ich sitze zum Beispiel gerade am Rechner und versuche zum Thema „Enzyme“ vernünftiges Material zu finden.“ Und auch in Mathematik, dem zweiten Unterrichtsfach von Bettina Kurz, reiche es nicht, den Schülern Übungsblätter zu schicken. Das sieht ihr Mann genauso. 

Um seine Schüler nicht nur trocken mit spanischen Vokabeln zu vorsorgen, schickten Martin Ewers ihnen ein witziges Video, in dem er selber singt.

Martin Ewers hat seinen Schülern kurze Videos geschickt, in denen er mal ein englisches und mal ein spanisches Lied singt. Darüber haben sich nicht nur die Mädchen und Jungen gefreut, von den Eltern und Kollegen hat er gleichfalls positive Rückmeldung dazu erhalten. „Es gehört dazu, den Kindern nicht nur Material und Lehrvideos zu schicken, sondern auch mal etwas, das die Stimmung hebt und sie zum Lachen bringt.“ 

Zwar seien die meisten Schüler anfangs ziemlich froh darüber gewesen, keinen Unterricht zu haben, nun stelle sich aber doch bei einigen die Traurigkeit ein. Sie vermissen die Schule und ihre Freunde dort. Wie seine Frau Bettina Kurz hat Martin Ewers ebenfalls Material an die verschiedenen Lerngruppen geschickt und in einem Abstand von ein paar Tagen dann die Lösungen für die Aufgaben hinterher. „Es ist ja klar, dass wir die Eltern da nicht mit den Kindern allein lassen“, sagt der Bönener. Das alles könne aber den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. „Für einen gewissen Zeitraum ist das nicht schlimm, und einigen Schülern tut es vielleicht sogar gut, ein bisschen Abstand zu bekommen. 

Manche Eltern sind überfordert

Das kann eine wertvolle Erfahrung sein, wenn Mama und Papa sich Zeit nehmen“, stellt Martin Ewers fest. Er befürchtet jedoch, dass einige Mütter und Väter mit der Situation überfordert sind. „Manche Eltern schaffen es nicht, den Kindern Struktur zu geben. Normalerweise gibt die Schule diese vor, und alleine bekommen vor allem die Fünft- und Sechstklässler das noch nicht hin.“ Gerade am Anfang hätten die Kinder viele Aufgaben aus verschiedenen Fächern gebündelt zugeschickt bekommen.

 „Da steht zwar mit drin, wie sie damit umgehen sollen, also mit einem Wochenplan und Ähnlichem, aber man muss den Kindern das schon vermitteln“, ist der Pädagoge überzeugt. In manchen Familien gebe es Probleme, zum Beispiel mit der Technik. „Wir verschicken die Sachen dann postalisch, wenn die Familien nicht die Möglichkeiten haben. Aber wenn die Eltern sich nicht melden, wissen wir das natürlich nicht“, so Martin Ewers. Auf der anderen Seite freut er sich, in der langen Zeit von seinen Schülern zu lesen oder zu hören. Eine Sechstklässlerin hat etwa auf besondere Weise auf sein Video geantwortet: „Sie hat das Lied nachgesungen und ein kleines Video mit dem Handy davon gemacht. Darüber habe ich mich sehr gefreut.“

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