Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige müssen mit Einschränkungen leben

Corona verändert den Alltag im Bönener Seniorenzentrum

Brunhilde Batzkus (vorne) fühlt sich im Awo-Seniorenzentrum sicher. Dafür sorgen unter anderem Pflegedienstleiter Christian Prögler, Einrichtungsleiter Ralf Degenhardt-Ruhoff und Wohnbereichsleiterin Alexandra Voll.
+
Brunhilde Batzkus (vorne) fühlt sich im Awo-Seniorenzentrum sicher. Dafür sorgen unter anderem Pflegedienstleiter Christian Prögler, Einrichtungsleiter Ralf Degenhardt-Ruhoff und Wohnbereichsleiterin Alexandra Voll.

Bönen – Das Coronavirus hat das Leben von fast allen Menschen verändert. Das ist auch im Bönener Awo-Seniorenzentrum deutlich zu spüren. Zwar ist die Einrichtung bislang von einer Infektion verschont geblieben, dennoch müssen die Mitarbeiter, Bewohner und deren Angehörigen mit etlichen Einschränkungen zurechtkommen.

Angst, sich mit dem Virus anzustecken, hat Brunhilde Batzkus nicht. Sie fühlt sich sicher im Awo-Seniorenzentrum an der Eichholzstraße. „Es werden ja alle Schutzmaßnahmen getroffen“, ist die Bewohnerin überzeugt. Dennoch macht auch ihr die Pandemie zu schaffen.

„Die Einschränkungen sind schon enorm“, stellt die 83-Jährige fest. Besonders schlimm sei es für sie im Frühjahr gewesen, als keine Besucher ins Haus kommen durften und die Ausflüge in die Gemeindemitte ausfielen. „Jetzt komme ich ja wenigstens ab und zu mal ins Dorf“, sagt die Seniorin, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Sie vertreibt sich jetzt die Zeit vor allem mit Lesen. „Den Fernseher schalte ich nur abends an“, berichtet sie. Gäste darf Brunhilde Batzkus nun ebenfalls wieder empfangen, in ihrem Zimmer mit Maske, Schutzkittel und Abstand.

„Aber es kommen weniger Besucher“, stellt sie fest. Viele ihrer Angehörigen und Freunde seien besorgt, sie könnten das Virus in die Einrichtung tragen und sie anstecken. Deshalb halten sie sich fern. „Dafür bekomme ich aber mehr Anrufe“, ist die Bönenerin froh über die Kontakte am Telefon. Ihr fehlt der kleine Plausch beim Kaffeetrinken oder Einkaufen ebenso wie die vielen Angebote im Haus, die zurzeit ausfallen.

Angebote und Veranstaltungen fallen aus

Es dürfen etwa derzeit keine Gottesdienste im Seniorenzentrum gefeiert werden, das offene Singen mit dem Musikkarussell ist nicht möglich und die Schüler der Humboldt-Realschule, die den Senioren ansonsten regelmäßig Unterhaltung anbieten, müssen gleichfalls draußen bleiben. Normalerweise organisieren zudem die Mitarbeiter rund ums Jahr kleine Feiern oder Veranstaltungen für die Bewohner, um Abwechslung in deren Alltag zu bringen. Doch solche Zusammenkünfte im großen Saal sind im Augenblick ausgeschlossen – und das wird sich wohl in Weihnachtszeit hineinziehen. Selbst die täglichen Mahlzeiten müssen die Bewohner ausschließlich in ihren jeweiligen Wohnbereichen einnehmen, an festen Sitzplätzen und mit genügend Abstand. Die Bereiche dürfen auf keinen Fall „durchmischt“ werden. Mal eben einer anderen Bewohnerin im ersten Stock „Guten Tag“ sagen, ist nicht erlaubt.

Diese „Kohortenregelung“ gilt für Bewohner und Mitarbeiter gleichermaßen. Daher muss auch Alexandra Voll darauf verzichten, sich mit den Kollegen aus den anderen Etagen zu treffen. Doch nicht nur beruflich begrenzt sie ihre Kontakte. „Auch privat schränken wir unsere Kontakte so weit wie möglich ein“, erklärt die Altenpflegerin. Und das seit Monaten. Die Wohnbereichsleiterin fühlt sich verantwortlich für die Senioren, möchte für einen fröhlichen Abend in Gesellschaft nicht die Gesundheit oder gar das Leben der Pflegebedürftigen riskieren. Ihre Freunde und Angehörigen haben Verständnis dafür. „Sie wissen ja, dass ich in diesem Bereich tätig bin. Viele von ihnen arbeiten selbst in der Pflege oder im Krankenhaus“, erzählt Alexandra Voll.

Ihre Welt ist in den vergangenen Monaten kleiner geworden, ebenso wie die von Brunhilde Batzkus und all den anderen Menschen an der Eichholzstraße. „Dafür ist der Zusammenhalt im Haus größer geworden“, hat Pflegedienstleiter Christian Prögler beobachtet. „Die Mitarbeiter beweisen eine hohe Teamfähigkeit. Sie können sich aufeinander verlassen“, stimmt Pröglers Chef, Ralf Degenhardt-Ruhoff, ihm zu.

Angehörige haben Verständnis

Angst davor, die Infektion in die Einrichtung zu bekommen, wie es in vielen Pflegeheimen im Kreis bereits passiert ist, haben dennoch alle. „Aber wir versuchen alles Machbare, um das zu verhindern“, versichert Degenhardt-Ruhoff. Sämtliche Abstands- und Hygieneregeln würden eingehalten, oft sogar strenger als vorgeschrieben. Die Bewohner, Mitarbeiter und Angehörige würden immerzu aufgeklärt und informiert. Und musste der Einrichtungsleiter anfangs doch mit einigen über die Schutzmaßnahmen und Besucherregelungen diskutieren und einiges an Aufklärungsarbeit leisten, haben sich inzwischen alle damit abgefunden und sie akzeptiert. „Ich denke, die Angehörigen sind sehr vorsichtig geworden“, so Degenhardt-Ruhoff.

Diesen Eindruck teilt Brunhilde Batzkus. „Ich bekomme immer wieder Anrufe, in denen ich gefragt werde, wie die Situation hier bei uns im Haus ist. Daran merke ich, dass sie Angst um uns haben.“ Die Mitarbeiter geben sich jede Mühe, um ihr und den anderen Schützlingen den Alltag trotz allem abwechslungsreich zu gestalten. „Die Betreuungsangebote laufen weiter, auch die Einzelbetreuung“, gibt Ralf Degenhardt-Ruhoff an. Die Bewohner benötigten zum Teil jedoch mehr Zuspruch als sonst. „Wir gehen auf ihre Ängste ein.“

Besonders viel Aufmerksamkeit benötigen diejenigen, die an Demenz erkrankt sind – ein nicht unerheblicher Teil der Bewohner. Sie verstehen nicht, warum sie plötzlich Abstand halten müssen, eine Maske vor Nase und Mund tragen. Die Mitarbeiter sind ständig damit beschäftigt, darauf zu achten, dass sie die Regeln dennoch einhalten, oft ein Kraftakt. „Wir müssen nicht nur hinschauen, sondern viel abfangen und erklären“, erzählt Christian Prögler. Die Kollegen setzten momentan sehr viel Energie ein. Geklatscht werde dafür aber schon lange nicht mehr. „Es wäre jetzt an der Politik, das anzuerkennen“, sagt er. Für Prögler ist eines ganz wichtig: „Es darf kein weiteres Besuchsverbot geben. Das wäre wirklich schlimm für unsere Bewohner.“ Nach dem wochenlang keine Angehörigen ins Haus kommen durften, hatten viele Senioren beim ersten Wiedersehen Schwierigkeiten, ihre Lieben wiederzuerkennen. „Das war sehr emotional, es sind viele Tränen geflossen.“

Schnelltests sollen für mehr Sicherheit sorgen

Die Angehörigen sind froh über das Engagement der Mitarbeiter in dieser Krisenzeit. „Wir bekommen viel Dank von ihnen“, berichtet Ralf Degenhardt-Ruhoff. „Und das tut natürlich gut“, sagt Alexandra Voll. „Ich denke aber auch, dass die Bewohner sich geschützt und sicher fühlen“, fügt ihr Chef hinzu.

Einen Beweis dafür, dass die getroffenen Maßnahmen greifen, bekamen er und seine Mitarbeiter nach einem Reihentest in der Einrichtung. Von allen Angestellten und Bewohnern wurden Abstriche genommen – alle Ergebnisse waren negativ. „Da war sehr beruhigend und hat uns gezeigt, dass wir alles richtig machen“, sagt er. „Wir hatten seit Ausbruch der Pandemie keinen einzigen Fall hier im Haus.“ Allerdings sei das der einzige Test in all den Monaten gewesen. Da hat nicht nur er mehr erwartet.

Ab dieser Woche sollen nun Schnelltests mehr Gewissheit und Sicherheit in das Seniorenzentrum bringen. Einmal pro Woche sollen Abstriche von der kompletten Belegschaft und den Bewohnern genommen und ausgewertet werden. Das bedeutet erneut einen großen zusätzlichen Aufwand. „Wir müssen das ins Tagesgeschäft integrieren und eine Strategie dafür entwickeln“, sagt der Einrichtungsleiter. Eine 100-prozentige Sicherheit gäben die Schnelltestes zwar nicht, zumindest jedoch einen Hinweis. „Sollte einer positiv ausfallen, muss der Betreffende sich noch einem PCR-Test unterziehen“, erläutert Christian Prögler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare