Coronavirus in Bönen

Beerdigungen in Bönen: Das Virus raubt die tröstende Schulter

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Auf den Friedhöfen in der Gemeinde, wie etwa in Nordbögge, gelten die Abstandsregeln.

Bönen – Die herzliche Umarmung? Fällt aus. Den Hinterbliebenen Trost spenden? Lediglich auf 1,5 Meter Entfernung. Die Beisetzung? Nur im begrenzten Personenkreis. Auch im Tod, also dort, wo Nähe besonders wichtig ist, bestimmen die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus das Leben. Manch einer befürchtet sogar eine dauerhafte Veränderung der Trauerkultur.

Die Bestatter haben zwar nicht mit Umsatzeinbußen zu kämpfen wie andere Branchen, in ihre Arbeit greift das Virus allerdings dennoch ein. Das geht schon bei der ersten Kontaktaufnahme mit den Hinterbliebenen los. „Der Umgang ist anders“, sagt Andreas Hille vom gleichnamigen Bestattungsinstitut an der Bahnhofstraße. Die Gespräche nach dem Tod eines geliebten Menschen finden nicht mehr im vertrauten Umfeld der Familien statt, sondern mit nur zwei Angehörigen hinter einer Schutzscheibe und mit Masken vor dem Gesicht in Hilles Geschäftsräumen. „Das ist weit weg vom Traueralltag“, sagt er – und das ist nur der Anfang im Prozess des Abschiedsnehmens.

18 Personen in Bönen erlaubt

Bei der Beerdigung sind die Hygiene- und Schutzmaßnahmen einzuhalten. Die Vorschriften und ihre Umsetzung sind dabei von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. Auf den Bönener Friedhöfen sind 18 Personen sowie der Bestatter und der Pfarrer/Redner erlaubt. Zur möglichen Nachverfolgung werden im Vorfeld alle auf eine Liste eingetragen. Die Benutzung von Trauerhallen war zwischenzeitlich verboten, ist mittlerweile im Zuge der anderen Lockerungen wieder möglich, hängt aber von der jeweiligen Größe ab. Bei dem ihm zur Verfügung stehenden Raum für maximal neun Leuten ergebe das noch keinen Sinn, gibt Hille zu bedenken.

Grabstelle mit Desinfektionsmittel

Damit die Sargträger die Größe der Trauergemeinde nicht weiter einschränken, hat sich Hille mit dem Ordnungsamt abgesprochen, dass diese bei Erdbestattungen vorausgehen, den Sarg hinablassen und dann den Ort direkt verlassen. An der Grabstelle – mit Desinfektionsmittel in der Nähe – hat der Bestatter kleine Lautsprecher aufgebaut, sodass der Redner nicht über den Friedhof brüllen müsse. Schließlich verteilen sich die Menschen durch die Abstandsregelungen über einen größeren Bereich.

Die Situation erfordert von Bestatter Andreas Hille ein Mehr an Aufwand.

Viel über die Situation reden

„Es ist eine Ausnahmesituation in der Ausnahmesituation“, fasst Hille die derzeitige Lage zusammen, die bei einer Beerdigung auch einen höheren Personalaufwand und ein Mehr an Vorbereitung von ihm erfordert. Damit die Trauernden in all ihrer Emotionalität den Anweisungen Folge leisten, setzt er auf Kommunikation. „Das ist eine schwierige Situation. Deshalb wird viel gesprochen, auch mit allen Gäste“, sagt Hille. Immerhin herrscht in Bönen bei der Beisetzung draußen keine Maskenpflicht wie anderswo.

„Wen wollen Sie wegschicken, wenn Sie mehrere Enkelkinder haben.“

Der Bestatter hofft, dass bald mehr Menschen an einer Beerdigung teilnehmen dürfen und dem Gestorbenen die letzte Ehre erweisen können. In Baden-Württemberg sind beispielsweise 50 Personen erlaubt, wenn es der Platz zulässt. Hille hält Zahlenbeschränkungen allerdings für ethisch schwierig: „Wen wollen Sie wegschicken, wenn Sie mehrere Enkelkinder haben.“ Dass die Vorschriften bezüglich der Personenanzahl so streng sind, ist für ihn beim Blick auf den Handel nicht nachvollziehbar, wo in großen Geschäften viel mehr Menschen zusammenkämen. Er ist aber auch im Zwiespalt, was weitere Lockerungen angeht: „Wir haben ein sehr gutes System, und wir werden aufpassen müssen, wenn wir es verlassen.“

Nicht systemrelevant

Die Bestatter werden bis heute übrigens nicht zu den systemrelevanten Berufen gezählt, was durchaus Komplikationen nach sich zieht, wenn es um die Organisation von Hygienemitteln und Schutzkleidung geht. Auf öffentliche Hilfe und Verteilstellen können sie nicht zählen. Da Hilles Unternehmen auf verschiedene Todesfälle wie Unfälle vorbereitet ist, verfügte er über einen gewissen Vorrat zu Beginn der Pandemie. Nachschub sucht er nun in ganz Deutschland statt wie vorher bei regionalen Händlern.

Zu Corona-Toten wie im Katastrophenfilm

Bei jedem Toten, zu dem sie gerufen werden, tragen die Bestatter eine der besonders schützende FFP3-Maske. da er nicht wisse, ob jemand Corona gehabt habe, erklärt Hille, denn es werde nicht getestet. Einen tatsächlich an Covid-19 gestorbenen Menschen hatte er noch nicht zu überführen. Dann müsste er mit Komplettschutz, also Anzug, Gesichts- und Augenmaske, Mundschutz sowie Fußüberzieher, die Wohnung betreten. Ein Bild, dass an Katastrophenfilme erinnert.

„Jede Hand trägt die andere.“

Hille befürchtet eine Veränderung der Trauerkultur. „Die Nähe ist nicht spürbar“, betont er, dass die Beerdigung auch immer bei der Bewältigung des Todes einer geliebten Person helfe: „Jede Hand trägt die andere.“ So zeigt eine Umarmung, dass niemand in seiner Trauer alleine ist.

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